Spaziergang in die Vergangenheit

Jutta Schütz

Von Jutta Schütz

Mi, 22. März 2017

Efringen-Kirchen

Maren Siegmann erzählt von verschwundenen Burgen, verlassenen Lösskellern und früheren Hinrichtungsstätten.

EFRINGEN-KIRCHEN (jut). Geschichten von trutzigen Burgen, Erzählungen von Höhlen, Hinrichtungsstätten und Räubern ziehen Neugierige an. Rund 30 Interessierte begaben sich mit Museumsleiterin Maren Siegmann auf den Weg zu verschwundenen Gebäuden, verlassenen Kellern und nicht mehr existenten Burgen. Vor dem geistigen Auge entstand mit Hilfe von Kopien alter Karten, Zeichnungen und früherer Fotos auch ein Eindruck davon, wie die Gegend oberhalb des Rheintals im Mittelalter ausgesehen haben mochte.

Vom Römerhof in Blansingen aus ging es entlang eines Hohlwegs zu den dort noch vorhandenen Lösskellern, die allerdings kaum noch sichtbar sind und mittlerweile wohl oft von Dachsen oder Füchsen bewohnt werden. Lösskeller wurden zum Unterstellen von Gegenständen, zur Vorratshaltung und im Krieg auch als Luftschutzkeller benutzt. "Lösswände wie hier bei Blansingen sind selten, sie bieten auch vielen Insekten wie Wildbienen und Vögeln Lebensraum", berichtete Maren Siegmann. Im Bereich zwischen Blansingen und Kleinkems wurde aber auch Erz abgebaut. Die Lage wenigstens eines Stollens, der nicht mehr existiert, kann anhand alter Karten lokalisiert werden. Mit dem Eisenbahnbau wurden die letzten Erzfuhren eingestellt.

Am Vollenberg stand einst die Vollenburg – so jedenfalls heißt es in älteren Schriften. Dass aber genau diese Burg eine Phantomburg war, dieses Rätsel löste Maren Siegmann erst etwas später auf. "Alte Urkundenschriften sehen wunderschön aus", erklärte sie, aber je schöner und reicher verziert, desto eher sind Lesefehler wahrscheinlich, genau deshalb ist aus dem Vollenberg auch eine Vollenburg geworden, die es nie gab.

Überhaupt ist das Thema Burgen entlang des Oberrheins keineswegs ein so aufregendes Thema wie andernorts. Die dortigen Burgen sahen keineswegs wie ein mittelalterliches Neuschwanstein aus oder hatten solche Dimensionen wie die Burg Rötteln. "Ich muss Sie enttäuschen, oft war es nur eine ,motte’." Das französische Wort bezeichnete einen aufgeschütteten Erdhügel, auf dem oder hinter dem oft nur ein einzelner Turm – oft aus Holz – stand. Unterhalb von Blansingen könnte nahe der Kirche eine solche "motte" gestanden haben.

Sehr solide dagegen war das Turmfundament der ehemaligen Neuenburg auf der Rheinseite unweit der ehemaligen Felsenmühle. Die Reste des Turms waren noch bis zur Abtragung in den 1950er-Jahren sichtbar. Die Felsenmühle, von der mehrere Zeichnungen existieren, versorgte das Kloster Istein mit Mehl und lag ursprünglich an einem Rheinarm. Als dieser trocken fiel, wurde sie an den Felsen verlegt – dort wurde das Mühlrad von zwei Quellen gespeist, von denen heute noch eine existiert. "Eine dümmere Lage für eine Mühle gibt es eigentlich gar nicht – aber das Kloster war auf sie angewiesen", so Siegmann. 1848 wich die Mühle dem Bahnbau. Bis dahin war sie ein Ausflugsziel gewesen – in dem Gebäude sollen einst sogar Räuber eine Weile gehaust haben.

Weiter ging es zu Standorten, an denen einst Gericht gehalten wurde – vielleicht deutet der Gewannname "Am Gerichtsstuhl" bei Blansingen darauf hin – und wo damals Richtplätze, wie an einer Weggabelung außerhalb von Blansingen, existierten. Galgen waren dort aufgebaut, möglichst an der Straße und außerhalb der Ortschaften und "nicht in deren Windrichtung, denn die Hingerichteten wurden hängengelassen und später unter der Richtstätte begraben", schilderte Siegmann gruselige Details. Hängen war die Hinrichtungsart für die Armen – das Schwert war den Adligen vorbehalten.

Die letzte Station, das "Schlössli" in Blansingen, war übrigens kein Schloss, sondern der "Ackerhof" von Blansingen. Einst gehörte er der Familie von Rotberg, diese verkauften ihn nach 1660 an die Markgräfin Maria Magdalena , die wiederum dafür sorgte, dass dort zwei Pfarrerswitwen einigermaßen anständig untergebracht waren – "denn Pfarrerswitwen waren sehr arm", so die Museumsleiterin, die für den interessanten Rundgang viel Beifall bekam.