Damit der Traum nicht zerplatzt

Gabriele Hennicke

Von Gabriele Hennicke

Mi, 06. November 2013

Ehrenkirchen

Ein Darlehen der Regionalwert-AG hat dem Obsthof von Joel Siegel über schwierige Zeiten hinweggeholfen / Jetzt Fuß gefasst.

EHRENKIRCHEN. Mit einem alten VW-Golf fährt Joel Siegel die Parzellen seines Bio-Obsthofes rund um Norsingen ab. Siegel hält an einer großen Himbeeranlage an. Die etwa zwei Meter hohen Himbeersträucher hingen bis vor kurzem voll mit großen, reifen Beeren. Ein herrlicher Anblick! Der Elsässer Joel Siegel hat sich in Norsingen seinen Traum vom eigenen Bio-Obstbaubetrieb verwirklicht. Auf seinen Flächen rund um Norsingen produziert er alles Obst, das hier das Jahr über wächst und beliefert damit Hof- und Bioladen. Viele Hürden musste der junge Obstbautechniker überwinden, bis es soweit war.

Schließlich konnte er weder den eigenen Familienbetrieb weiterführen, noch hatte er nennenswertes Kapital im Hintergrund. Dafür Herzblut, Arbeitseifer und ein klares Ziel vor Augen. Nach Stationen in Südfrankreich und im Elsass ging Joel Siegel 2008 mit seiner Frau nach Freiburg und schaute sich nach einem Obstbaubetrieb um. Über einige Umwege fand er einen über 80-jährigen Landwirt, der seinen kleinen, zwischen Bundesstraße und Rheintalgleisen gelegenen Obsthof und drei Hektar schon ziemlich verwilderte Fläche verpachten wollte. "Das war meine Gelegenheit, da habe ich zugegriffen und auch gleich auf biologischen Anbau umgestellt", sagt Siegel. Nach und nach konnte er weitere Flächen dazu pachten. Heute bewirtschaftet er eine Fläche von 20 Hektar, von denen allerdings erst gut die Hälfte im Ertrag ist. "Ich habe ganz viele Neuanpflanzungen machen müssen, da dauert es je nach Art ein bis drei Jahre, bis man das erste Mal eine nennenswerte Ernte hat", sagt der Biolandwirt. Neuanlagen sind teuer, und wenn dann noch Hagelschutznetze dazu kommen, wird es richtig teuer. 2009 hat Joel Siegel 70 Prozent seiner Ernte durch Hagel verloren, 2010 gleich noch einmal 40 Prozent. "Alle großen Parzellen mit Kernobst kommen unters Netz, das hat sonst keinen Zweck", sagt Siegel. Pro Hektar kosten ihn die Hagelnetze samt Arbeitsleistung 20 000 Euro.

"Am Anfang gab es einen ziemlichen Investitionsstau. Ich musste erst mal einen Traktor und eine Fräse anschaffen, dazu Verpackungsmaterial fürs Obst. Dann kam der Hagel und damit fehlten Einnahmen. Mein Kapital war schnell aufgebraucht", erzählt Joel Siegel. "Ich hatte nicht mal einen Transporter, um das Obst auszuliefern. Das habe ich alles mit dem kleinen Golf gemacht." Der Landwirt klapperte die Banken ab, um ein Darlehen zu erhalten, ohne Erfolg. Den Banken schien das Unternehmen zu riskant. Existenzgründerdarlehen für Landwirte gab es nicht. Joel Siegel stand kurz davor, seinen Traum zu begraben.

Über Berufskollegen bekam er Kontakt zur Regionalwert-AG. Die Bürgeraktiengesellschaft mit Sitz in Eichstetten am Kaiserstuhl stellt Landwirten Kapital zur Verfügung, die in der Region rund um Freiburg sozial, ökologisch und wirtschaftlich nachhaltig produzieren. Mit einem Kredit von 20 000 Euro konnte Siegel ein Lieferauto anzahlen und weitere notwendige Investitionen tätigen. Später kam ein Privatdarlehen einer Aktionärin hinzu. Seit 2011 ist aus dem Einzelunternehmen eine Kommanditgesellschaft (KG) geworden mit Joel Siegel, der Regionalwert AG und weiteren Teilhabern.

Ganz in der Nähe der Himbeeranlage sind einige von Siegels Apfelplantagen, viele Bäume sind bereits abgeerntet. Das hängt ganz von der Sorte ab. Einige Äpfel der Sorte Braeburn hängen noch am Baum. "Die Äpfel sind überlebenswichtig für uns, weil sie lagerfähig sind und uns sieben Monate im Jahr ernähren". Die Äpfel allein aber reichen nicht, um den Betrieb über Wasser zu halten. Der Betrieb funktioniert nur, weil Joel Siegel von April bis November ein Obst nach dem anderen ernten kann. So kann er vier Mitarbeiter das ganze Jahr über fest beschäftigen. Bei Arbeitsspitzen helfen einzelne Saisonarbeiter. Im Winter machen Siegel und seine Mitarbeiter zusätzlich Lohnarbeiten beim Obstbaumschnitt und Pflegearbeiten für andere Obstbauern.

Mit den Erdbeeren geht es im Mai los, zur gleichen Zeit gibt es noch Spargel. Dann folgen Rhabarber, rote und schwarze Johannisbeeren, Himbeeren und Stachelbeeren. "Die Böden hier rund um Norsingen sind top, besser geht’s nicht", sagt der gelernte Obstbautechniker. Im Sommer reifen Nektarinen, Pfirsiche und Aprikosen, später Mirabellen, Reneclauden und Zwetschgen und natürlich Äpfel, Birnen und Kürbisse. "Mich reizt die Vielfalt der Obstarten sehr. Das macht den Anbau anspruchsvoll, ist aber auch sehr befriedigend", meint der Bio-Obstbauer.

Er freut sich darüber, dass er inzwischen einen sehr guten Kontakt und Austausch mit anderen Biobetrieben in der Region hat. Die Kollegen haben ihm auch geholfen, eine gute Vermarktungsstruktur aufzubauen. 70 Prozent des Obstes geht an Hofläden und Bioläden, der Rest an den Großhandel. Den Direktverkauf hat Joel Siegel wieder aufgegeben. Den hatte seine Frau übernommen, nach der Geburt des ersten Kindes war das nicht mehr möglich. Jetzt ist das zweite Kind unterwegs und Joel Siegel hat die schwierige Anfangsphase seines Obstbaubetriebs gemeistert. "Als Nächstes steht der Bau einer Sortieranlage und eines Kühllagers an. Das will ich gemeinsam mit einem Kollegen angehen", sagt er und schaut dabei sehr zufrieden aus.

Mehr Informationen unter http://www.obstgutsiegel.de