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22. Oktober 2010

Der Tag, als die Juden abgeholt wurden

Heute vor 70 Jahren wurden die letzten Juden aus Eichstetten nach Gurs verschleppt, in den "Vorhof der Hölle von Auschwitz".

  1. Am jüdischen Friedhof in Eichstetten trafen sich am Mittwochabend mehrere Bürger zu einer von den Kirchengemeinden und dem Heimatverein gestalteten Gedenkfeier für die vor 70 Jahren deportierten jüdischen Mitbürger. Zuvor hatte in der Schulaula der Freiburger Historiker Heinrich Schwendemann über „Gurs – eine Etappe zur Endlösung“ referiert. Foto: manfred frietsch

  2. Foto: Manfred Frietsch

EICHSTETTEN. Heute, am 22. Oktober, ist es genau 70 Jahre her, dass die letzten Eichstetter Juden aus ihrer Heimat vertrieben und ins südfranzösische Gurs deportiert wurden. Mit einem historischen Vortrag, Liedern und einer kleinen Gedenkfeier am jüdischen Friedhof wurde am Mittwochabend an das schlimme Geschehen erinnert.

Es war ein Dienstag, als vom frühen Morgen an überall in Baden und in der Pfalz die dort noch lebenden Juden aus ihren Wohnungen geholt und zu Sammelplätzen gebracht wurden, um dann, in der folgenden Nacht in Zugwaggons verfrachtet zu werden, die sie am nächsten Tag nach Frankreich transportierten. Was als weitgehend geheime Aktion geplant war, verlief dann doch so offen, dass auch viele nichtjüdische Mitbürger es mitbekamen. Als "der Tag, als die Juden abgeholt wurden" prägt dies bis heute die Erinnerung vieler noch lebender Zeitgenossen.

Der Freiburger Historiker Heinrich Schwendemann erläuterte bei einem Vortag in der Eichstetter Schulaula, wie es zu diesem Geschehen kam, das für viele Betroffene so etwas wie "der Vorhof zur Hölle von Auschwitz" wurde, wie Schwendemann das Lager von Gurs bezeichnete.

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Der Deportation war eine über sieben Jahre währende Phase der sich in Schüben verschärfenden Verfolgung der Juden vorausgegangen. Erst die Kaufboykotte, dann die Berufsverbote, die Rassegesetze gegen Mischehen, die Exzesse in der "Reichskristallnacht" des 9. Novembers 1938 – es war eine Abfolge von Radikalisierungen, die von verschiedenen Akteuren des Naziregimes mit je eigenen Interessen betrieben wurden. Dabei verschob sich ein anfangs in der Bevölkerung stark verbreiteter, wirtschaftlich begründeter Antisemitismus zu einer extrem rassistisch motivierten völligen Ausgrenzung der Juden aus der von den Nazis propagierten Volksgemeinschaft.

Ausgrenzung, das war wörtlich zu nehmen, wie das Beispiel Gurs zeigt: Der Gauleiter von Baden und Elsass, Robert Wagner, nutzte die Chance des frischen Sieges über Frankreich, um nicht nur elsässische Juden dorthin auszuweisen, sondern gleich noch die aus Baden hinterher zu schicken. Baden sollte – bis auf die wenigen Juden in Mischehen und die meisten Halbjuden – als erster Gau "judenrein" werden.

Der unbesetzte Teil Frankreichs konnte der deutschen Siegermacht die abgeschobenen Juden nicht zurückschicken und quartierte sie in das ursprünglich nur als Provisorium gebaute Internierungslager von Gurs ein. Dort waren schon andere, vor dem Krieg nach Frankreich geflohene deutsche Juden untergebracht worden. Jetzt erwartete die Ankömmlinge der Winter mit Kälte, Regen, Schlamm und völlig unzureichender Versorgung. Dem waren viele nicht gewachsen, denn der Großteil der Deportierten waren ältere Leute, aber auch einige kleine Kinder.

Nur 9 von 42 Verschleppten überlebten den Holocaust

Zwei Drittel der vormals rund 20000 jüdischen Badener waren in den Jahren zuvor schon ausgewandert und geflohen. Auch Eichstetten machte da keine Ausnahme. Von knapp 100 Juden oder etwa 5 Prozent der Bevölkerung Anfang 1933 waren über die Hälfte emigriert. 31 lebten noch im Dorf und wurden heute vormittag vor genau 70 Jahren mit jeweils nur einem Koffer Gepäck nach Freiburg zu den Sammelpunkten gekarrt, wo auch 10 zuvor dorthin schon umgezogene Eichstetter Juden waren. Zusammen mit einer Eichstetterin aus dem jüdischen Altersheim in Gailingen waren es 42 Eichstetter, die nach Gurs deportiert wurden. Nur 9 von ihnen haben den Holocaust überlebt: Einige starben in Gurs, die meisten später in Auschwitz.

"Leid ist nicht umkehrbar," sagte Bürgermeister Michael Bruder in einer kurzen Ansprache, nachdem die Sopranistin Dorothea Rieger und Martin Müller am Klavier einige jiddische Lieder und Musikstücke vorgetragen hatten. Man stelle sich in Eichstetten bewusst dem damaligen Geschehen, sagte Bruder. Es gehe nicht nur um Erinnerung, sondern auch darum, aus dieser Erfahrung "mutig und offen" die Stimme gegen Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit zu erheben.

Im Anschluss gingen rund 40 Personen zum jüdischen Friedhof. Dort wurden die Namen der vor 70 Jahren verschleppten Eichstetter verlesen. Pfarrerin Irene Haßler trug einen Psalm vor, der katholische Gemeindereferent Hans Baulig das im "Dritten Reich" entstandene jidische Lied "Dona Dona". Dann stellten viele Bürger Kerzen ab und legten, nach altem Brauch, Steine auf die Friedhofsmauer.

Autor: Manfred Frietsch