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12. November 2010

Helle Tafel erinnert an dunkle Zeit

Neue Gedenktafel für die vor 72 Jahren zerstörte Synagoge / Zeitzeugen treffen sich mit Wiltrude Hene, der letzten Eichstetter Jüdin.

  1. Wiltrude Hene-Lavelle, die als Kind von Eichstetten nach Gurs deportiert wurde, mit Bürgermeister Michael Bruder bei der Einweihung der neuen Gedenktafel am früheren Synagogengrundstück. Foto: manfred frietsch

EICHSTETTEN. Eine neue Gedenktafel erinnert an die Zerstörung der Eichstetter Synagoge vor 72 Jahren durch die Nazis. Die von Bildhauer Joachim Bihl gestaltete Tafel erinnert auch an die Deportation der letzten Eichstetter Juden im Oktober 1940. Zur Einweihung war am 72. Jahrestag des Synagogenbrands auch eines der Opfer gekommen: die 83-jährige Wiltrude Hene-Lavelle, die damals mit ihrem jüngsten Bruder und ihrer Mutter in das französische Lager Gurs verschleppt worden war.

"Hier stand die Synagoge der israelitischen Gemeinde Eichstetten. Sie wurde am 10. November 1938 gewaltsam zerstört" kündet die Aufschrift auf dem hellen Kalksandstein, den Bihl, wie er erläuterte, bewusst gewählt hatte, weil er am ehesten dem Baumaterial der einstigen Synagoge entspricht. Von ihr steht noch ein Ecksteinrest auf dem Areal, das heute Teil der Anwesen Altweg 12 und 14 ist. Angebracht ist die Tafel auf der alten Außenmauer des Grundstücks, wo zuvor schon eine kleinere Gedenktafel war. Sie hatte man, wie Bürgermeister Michael Bruder kurz erläuterte, aus zwei Gründen durch eine Neuschöpfung ersetzt. Zum Einen wollte man auch an die Deportation der letzten 42 Eichstetter Juden am 22. Oktober 1940 erinnern. Zum zweiten nahm man eine bewusste Datumskorrektur vor. Denn als Tag der Reichspogromnacht – von den Nazis "Reichskristallnacht" genannt – gilt gemeinhin der 9. November 1938; dieses Datum trug auch die alte Erinnerungstafel. Am Abend dieses Tages war dieser angebliche Ausbruch des Volkszorns gegen die Juden als reichsweite Aktion der Nazis zuerst in den größeren Städten wie Freiburg gestartet worden. Am Tag danach, einem Donnerstag, rückten die bestens organisierten SA- und SS-Horden aufs Land aus, so auch nach Breisach, Ihringen und Eichstetten, um auch dort zusammen mit örtlichen Helfershelfern die Synagogen anzuzünden.

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Die Synagoge war 1828 erbaut worden – 112 Jahre nach dem Zuzug der ersten Juden nach Eichstetten und ebenfalls 112 Jahre vor Gurs. Die Denktafel trägt noch ein Zitat aus der Bergpredigt Jesu: "Geht so mit den Menschen um, wie ihr selbst behandelt werden möchtet". Diese Aufforderung an ein friedliches Zusammenleben hatte Bihl zusammen mit dem evangelischen Pfarrer Martin Hassler ausgewählt, von dem er auch eine Grußbotschaft verlas.

An der Feier nahmen auch einige ältere Eichstetter Bürger teil, die Wiltrude Hene auch noch aus ihrer Kindheit kannten. Mit Einigen von ihnen hatte sie zuvor das Heimatmuseum besucht. Zum Zeitpunkt des Synagogenbrands war die damals Elfjährige in Freiburg, weil sie nur dort die Schule besuchen durfte, und hatte auch dort die Synagoge brennen sehen. "Wir sind danach tagelang nicht aus dem Haus gegangen und hatten große Angst," erzählte Wiltrude Hene. Sie habe dann auch drei Monate lang nicht mehr die Schule besuchen dürfen, während ihre drei jüngeren Geschwister weiter in die Eichstetter Schule durften, dort allerdings getrennt von den anderen Schülern sitzen musten. Der Grund für diese Erlaubnis war nur, dass diese Geschwister schon auf Ausreiselisten standen, anders als Wiltrude, ihre Mutter Flora und der kleinste, 1934 geborene Bruder Harry.

"Lass es, es brennt nur die Synagoge", hieß es zum Feuerwehrmann

Nach der Enthüllung der Tafel saßen einige Eichstetter und Wiltrude Hene noch im Rößle zusammen, um Erinnerungen auszutauschen. Margarete Göpfert geborene Hiss, die damals gegenüber der Synagoge wohnte, erinnerte sich , wie sie mit ihrer Mutter vor die Tür trat, als draußen Lärm von trampelnden Stiefeln und schlagende Autotüren zu vernehmen waren. "Meine Mutter weinte, als sie die brennende Synagoge sah", erzählte Margarete Göpfert, dann kam ein SA-Mann auf sie zu und drohte ihr, "das nächste Mal seid ihr dran". Auch Richard Bär, damals sechs Jahre alt, kann sich an den Brandtag erinnern. Sein Vater sei für die Feuerspritze im Oberdorf zuständig gewesen und habe die Pferde vorspannen wollen, um zum Brandort auszurücken. Da sei ein Motorradfahrer hergefahren gekommen und habe ihm Einhalt geboten: "Lass es, es brennt nur die Synagoge!"

Autor: Manfred Frietsch