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15. April 2016 17:18 Uhr

Eichstetten

Wie Regenbecken Pestizide verdauen

Können Regenrückhaltebecken dazu beitragen, die Spritzmittelrückstände aus Weinbau und Landwirtschaft abzubauen? Ein großes Forschungsprojekt will genau das herausfinden –mitten in den Eichstetter Weinbergen.

  1. Der Schilfgürtel ist in Jahren gewachsen, der Teich frisch angelegt – beide sind Freiluftlabore für die Forschung zum Pestizidabbau in Rückhaltebecken. Foto: Manfred Frietsch

  2. Blick vom Damm des Rückhaltebeckens Breitenweg ins Innere des Beckens. Es kann 20000 Kubikmeter Wasser fassen. Foto: Manfred Frietsch

  3. Studierende von drei Universitäten, Dozenten und Vetreter von Behörden und Gemeinde beim Ortstermin am Rückhaltebecken Foto: Manfred Frietsch

  4. Die Beckenlandschaft wurde so modelliert, dass das Wasser möglichst langsam abfließt. Foto: Manfred Frietsch

  5. Das Auslassbauwerk des Rückhaltebeckens Breitenweg. Foto: Manfred Frietsch

  6. Ein Quadrokopter kann kleinräumig Luftaufnahmen zur exakten Modellierung der Landschaft liefern. Foto: Manfred Frietsch

  7. Kein Spielzeug sondern Hightech: Alexander Krämer mit einer Drohnen, die großflächig Messdaten aufnimmt. Foto: Manfred Frietsch

  8. Jens Lange am betagten Pegelhäuschen in Löcherntal: Hier wurde schon hydrologische Forschungsgeschichte mitgeschrieben. Foto: Manfred Frietsch

EICHSTETTEN. Planierte große Rebterrassen, asphaltierte Wirtschaftswege und verrohrte Drainagen: Wenige Landschaftsräume sind so tiefgreifend verändert worden wie die Weinbaugebiete am Kaiserstuhl. Ein Element dieser Veränderung, die Regenrückhaltebecken, könnte nun aber die Chance für eine ökologische Aufwertung bieten, indem sie für den Abbau der Pestizidbelastung aus dem Weinbau genutzt werden. Dazu gab es jetzt eine wissenschaftliche Exkursion und Tagung in Eichstetten.

Auch in Eichstetten, einer der Wiegen für biologische Landwirtschaft, wird auf der Mehrheit der Rebflächen weiter kräftig gespritzt. Pflanzenschutzmittel landen dabei auch im Boden und im Wasser. Mit dem über die Drainagesysteme abfließenden Wasser gelangen die Pestizide in die Rückhaltebecken. Könnte man sie dort nicht auffangen und sogar abbauen? Genau dieser Frage widmet sich ein Forschungsprojekt bei den Eichstetter Rückhaltebecken Steinenweg und Breitenweg. Die jetzt vor Ort vorgestellten ersten Ergebnisse sind vielversprechend.

Der Damm des 2006 vergrößerten Rückhaltebeckens Breitenweg ist ein wuchtiges Bauwerk, das keine Mühe hat, die über 50 Teilnehmer des Treffens zu tragen. Viele sind davon Studierende, aus Freiburg genauso wie aus dem fernen Lüneburg und dem noch ferneren Kiel, zusammen mit ihren Dozenten. Dazu Vertreter von Behörden und der Gemeinde. Denn was es hier zu hören und zu sehen gibt, ist – auch im Wortsinne – Ausfluss gemeinsamer Anstrengungen und Ideen. Das Wasser des kleinen Löchernbachs, der sich hier durch das Auslassbauwerk des Beckens hinab ins Dorf schlängelt, hat eine spannende Mission hinter sich: Belastet mit den Rückständen aus den intensiven Wein- und Obstkulturen kommt es in das Becken, durchfließt dort eine Schilfzone und danach einen Teich, die so angelegt wurden, dass dort verschiedene Abbauprozesse stattfinden. Und diese Vorgänge werden nun genau gemessen.

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"Hier haben sich Forschung und Praxis verbunden, es fanden Akteure zusammen, die sonst wenig miteinander zu tun haben", meinte Professor Klaus Kümmerer. Der früher in Freiburg und heute in Lüneburg tätige Umweltchemiker bezog dies auf die verschiedenen wissenschaftlichen Fachbereiche ebenso wie auf Externe, darunter die Gemeinde Eichstetten. Deren Anliegen, so betonte Bürgermeister Michael Bruder, ist eben nicht nur der Hochwasserschutz. Dazu war das Becken von 8000 auf 20 000 Kubikmeter Fassungsvermögen ausgebaut worden, damit es auch ein alle hundert Jahre zu erwartendes Hochwasser zurückhalten kann. Zugleich sollte sein Innenraum als ökologische Ausgleichsfläche gestaltet werden. Trägt diese zum Abbau von Pestiziden bei, hätte man hier ein Konzept für viele Rückhaltebecken in Weinbaugebieten, nicht nur am Kaiserstuhl.

Jörg Lange, der Freiburger Hydrologe, der maßgeblich an dem Projekt arbeitet, erklärte das Grundprinzip. Eine Feuchtfläche wurde hier so modelliert, dass das Wasser möglichst lange darin verweilt. Das begünstigt Anreicherungsprozesse der Pestizide im Schilfgürtel. Im offen in der Sonne liegenden Teich wiederum kommt es zu Umwandlungen von eingetragenen Stoffen. "Die Verfügbarkeit von Sonnenlicht ist hier entscheidend", sagte Kümmerer. Die biochemischen Abbauvorgänge von organischen Stoffen, die Transformationsergebnisse, die mineralisierten Endprodukte, alles dies wird untersucht. Mit Tracern, ungiftigen Teststoffen, hat man diese Vorgänge vorab vor Ort getestet. Vergleichbare Forschungen im Elsass haben nachgewiesen, dass sich die Schadstofffracht im Wasser so verringert.

Die Projektkoordination hat Oliver Olsson aus Lüneburg, der genauso vor Ort war wie Vertreter des Bundesforschungsministeriums. Es fördert die Eichstetter Forschungen in dem Projekt "Maßnahmen für einen nachhaltigeren Umgang mit Pestiziden und deren Transformationsprodukten im Regionalen Wassermanagement" (MUTReWa). Denn gerade die chemischen Untersuchungen sind teilweise sehr aufwendig und teuer.

Drohnen nehmen Änderungen der Landschaft auf

Eine besondere Herausforderung in Eichstetten sind die kleinräumigen Starregen. Die Mengen in dem nur 1,8 Quadratkilometer großen Einzugsbereich des Breitenwegbeckens sind gewaltig, "das können Abflüsse von sieben Kubikmeter pro Sekunde sein", berichtet Lange. Nach der Flurbereinigung in den 70 er Jahren kam es zu enormen Lössabschwemmungen. Durch Begrünung der Weinberge hat sich das gebessert, aber immer noch spült jeder größere Regen Löss in die Becken. Sie sind so angelegt, dass er sich hinter dem Damm flächig ablagert. Dessen Auslass wurde gedrosselt. Rauschten hier früher bis zu 800 Liter pro Sekunde im Hochwasserfall durch, so sind es jetzt noch maximal 260. Also verbleibt das Hochwasser viel länger im Becken, bis es in den Vorfluter und damit in die Alte Dreisam gelangt.

Die Ablagerungen verändern das Bild des Beckens. Die Lösung, damit umzugehen, kommt aus der Luft, mit Drohnen. Was aussieht wie der Freizeitspaß von Modellfliegerfreaks ist pure Hightech, die Alexander Krämer vorführte, der sich in Bad Krozingen als Umweltplaner selbstständig gemacht hat. Er ließ einen Quadrokopter aufsteigen und einen federleichten Drachen aus Styropor. Mit Kameras machen sie Aufnahmen, die, verrechnet mit Geodaten, im Computer exakt die Veränderung der Landschaft abbilden.

Spitzentechnik hat auch an einem alten Pegelhäuschen am Löchernbach, oberhalb des Beckens, Einzug gehalten. Wo früher alles daran hing, dass studentische Hilfskräfte von der Uni regelmäßig rausfuhren, um die Anlage zu warten, sorgen heute Radarkameras für steten Datenfluss über die Wassermengen, die in Richtung Rückhaltebecken fließen.

Die technischen Möglichkeiten haben sich also geändert, das Interesse der Wissenschaft an Eichstetten aber ist so frisch wie vor Jahrzehnten. Und so war auch der emeritierte, langjährige Chef der Freiburger Hydrologie, Christian Leibundgut, mitgekommen. Im Anschluss an die Exkursion, bei einem Essen der Gemeinde im "Café Mitnander", konnte man sich gemeinsam mal nicht mit dem Abbau der Hinterlassenschaften des Weinbau befassen, sondern mit seinem Kernprodukt, sprich den Eichstetter Weinen.

Mehr zum Thema: Interview mit dem Hydrologen Jens Lange

Autor: Manfred Frietsch