Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

03. August 2012

Ein Alltag mit zwei Jobs für Hirn und Muskeln

Duale Karriere als Pilotprojekt: An der Hochschule Furtwangen koordinieren junge Leistungssportler Höchstleistungen im Hörsaal und auf der Wettkampfstrecke.

  1. Drinnen denken, draußen austoben: Mountainbiker Felix Euteneuer, Schwimmer Christoph Burkard, Markus Bauer (der sich in den Springeranzug zwängt und eigentlich Mountainbiker ist) und Biathlet Benedikt Doll vor der FH Furtwangen Foto: armin küstenbrück

  2. Die Motoren der Gruppe Studium und Sport (von links): Markus Bauer, Professor Robert Schäflein-Armbruster und Felix Euteneuer Foto: Küstenbrück

FURTWANGEN. Doppelbelastung – bei diesem Begriff denken viele zuerst an gestresste Frauen, die versuchen, Kinder und Beruf unter einen Hut zu bekommen und dabei möglichst allen Anforderungen gerecht zu werden. Mit einer Doppelbelastung sehen sich indessen auch junge Leistungssportler konfrontiert, die parallel zu Training und Wettkampf schon an ihrer beruflichen Zukunft arbeiten. An der "Hochschule Furtwangen Universität" (HFU) erhalten Kadersportler bei ihrem Bemühen, Leistungssport und Studium zu vereinbaren, Hilfestellung wie nirgendwo sonst in Deutschland.

"Wir haben einen Alltag mit zwei Jobs", sagt Markus Bauer. Für den 22-jährigen Franken, der in Freiburg wohnt, ist das zum einen der Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen im sechsten Semester – Arbeitsaufwand angesetzt auf 50 Wochenstunden im Semester. Zum anderen Mountainbike-Rennen in der Disziplin Cross Country auf Weltcup-Niveau – weitere 25 bis 30 Stunden pro Woche. Bauer startet für das Lexware Racing Team des SV Kirchzarten und gehört dem C-Kader des Bunds Deutscher Radfahrer (BDR) an. Ebenso der 23-jährige Felix Euteneuer, der für den St. Märgener Rennstall Rothaus-Poison kurbelt. Der auch in Freiburg ansässige Siegerländer wechselte nach zwei Semestern Maschinenbau zu den künftigen Wirtschaftsingenieuren. Auf dem Bike sind Bauer und Euteneuer Konkurrenten, im Hörsaal Kommilitonen.

Werbung


Olympiasieger Georg Hettich ist der "Präzedenz-Student"

Und gemeinsam erarbeiten sie in diesem Jahr unter Leitung von Professor Robert Schäflein-Armbruster in einem Projekt wesentliche Verbesserungen an der HFU für die "Duale Karriere", das Zusammenspiel von Spitzensport und Studium.

"Sie waren die Keimzelle", sagt Schäflein-Armbruster in einem Gespräch mit der BZ über Bauer und Euteneuer. Der Professor ist Dekan der Fakultät Wirtschaftsingenieurwesen (Wing) und seit zwei Monaten Spitzensport-Beauftragter der HFU. In dieser Funktion ist er zentraler Ansprechpartner für Jürgen Willrett, den Laufbahnberater der Kadersportler am Olympiastützpunkt (OSP) Freiburg und natürlich für die Leistungssportler an seiner Hochschule. "Es wird einem viel Organisation abgenommen", sagt Bauer anerkennend im Vergleich zu seinen Anfängen als Student. Damals habe er sich um alles selbst kümmern müssen, sei auch auf Verständnis und Wohlwollen der Dozenten angewiesen gewesen, etwa beim Wechseln von Kursen oder Nachschreiben von Klausuren, wenn er zum regulären Termin bei Wettkämpfen war. Das kostete Zeit und Energie.

Gemeinsam wollten Bauer und Euteneuer eine Flexibilisierung des Studiums erreichen. Nicht nur für sich, auch für künftige Leistungssportler in Furtwangen, betont Euteneuer: "Es geht um Nachhaltigkeit und eine zukunftweisende Struktur." Das gelang mit Hilfe von Schäflein-Armbruster. Mehrere Paragraphen der Studien- und Prüfungsordnung wurden geändert eigens für A-, B- und C-Kadersportler der olympischen Disziplinen. Ihnen wird künftig ein Studienplatz an der HFU garantiert. Sie können so viele Urlaubssemester wie nötig nehmen und Prüfungen mit sportlicher Begründung beliebig oft verschieben. Zudem erhalten sie die Chance auf spezielle Tutorate. Das Studium können sie dank Härtefallregelungen auf maximal 16 Semester verlängern, normal sind sieben Semester Regelstudienzeit plus bis zu drei Semester. Dabei müssen die Leistungssportler die selben Anforderungen erfüllen wie alle anderen Studenten, betont Schäflein-Armbruster. Das bundesweit einmalige "Furtwanger Modell" sei ja gerade kein Spezialstudium, sondern die Sportler seien in den normalen Betrieb integriert mit sozialen Kontakten zu den Lehrenden und den Mitstudierenden.

Die flexible Gestaltung funktioniert, sagt Markus Bauer erfreut: So habe er nach seinem Handbruch beim Weltcup vor elf Wochen kurzfristig drei Prüfungen mehr anmelden können – und bisher jede bestanden. Felix Euteneuer rühmt die "gute Sportinfrastruktur" vor Ort mit der Anbindung an Freiburg, Bauer schwärmt, für Mountainbiker sei Furtwangen und Umgebung "mit das beste Revier in Deutschland".

Auch Biathlet Benedikt Doll (SZ Breitnau), Wing-Student im zweiten Semester, schätzt die Trainingsbedingungen wie auch die an der HFU. Es sei wichtig, "in jungen Jahren schon ’was für die Zukunft zu machen", denn die sportliche Karriere könne plötzlich vorzeitig enden, erklärt der 22-jährige B-Kaderathlet aus dem Hochschwarzwald, der im Winter weitere Erfahrungen im Biathlon-Weltcup sammeln möchte.

Ihre eigenen Erfahrungen haben Euteneuer und Bauer im Rahmen ihrer Projektarbeit künftigen HFU-Spitzensportlern auf einer elektronischen Plattform in Form von wertvollen Tipps – zum Beispiel "wie strukturiere ich meine ersten zwei Semester?" – zugänglich gemacht. Beide haben auch schon andere Kadersportler nach Furtwangen gelotst. Im kommenden Semester wird sich deren Zahl an der HFU auf 14 erhöhen: Dann werden Biathlon, Mountainbike, Nordische Kombination, Radrennsport, Schwimmen und Skisprung vertreten sein.

Die verlängerte Studienzeit für die in der Regel sehr gut strukturierten, disziplinierten und zielstrebigen Spitzensportler findet der Dekan, ein früherer Fechter, "nicht wirklich schlimm": "Nachher haben sie eine Sportkarriere und ein mustergültiges Studium." Der Schonacher Kombinierer Georg Hettich, der am HFU-Standort Schwenningen Medical Engineering studierte, sei der "Präzedenz-Student": "Er war Jahrgangsbester und Olympiasieger."

Autor: Annemarie Zwick