Ein Mann wie ein Hirschkäfer

Dominik Bloedner

Von Dominik Bloedner

Di, 10. Juli 2018

Literatur & Vorträge

David Schalkos wunderbarer vierter Roman "Schwere Knochen" führt die Leserschaft in die Wiener Unterwelt.

Darf man das? Über die nationalsozialistischen Konzentrationslager Dachau und Mauthausen anregend-lakonisch schreiben, die Gefangenen aufgrund ihrer gestreiften Kleidung "Zebras" nennen und den Leser dabei gar zum Schmunzeln bringen?

David Schalko, 1973 in Wien geboren, Regisseur ("Braunschlag"), Lyriker und Autor, darf das, denn er kann das. Mit einer nüchternen, doch feinsinnig-ironischen Sprache navigiert er voller Empathie durch das Grauen, ohne es gleichwohl zu banalisieren, ohne den entwürdigten Opfern ihre Würde zu nehmen, den Entmenschlichten ihr Menschsein. Und schließlich ist das KZ ja die Kinderstube des modernen Österreichs gewesen, zumindest wurden dort die Weichen gestellt für vier einsitzende Kleinganoven, die in den Baracken zu Großganoven wurden und nach dem Krieg die Wiener Unterwelt beherrschen sollten – wie Schalko in seinem vierten Roman "Schwere Knochen", der teils auf wahren Begebenheiten fußt, mit morbidem Wiener Humor wunderbar nacherzählt.

Zum einen ist das Buch eine bitterböse Satire auf das Selbstverständnis Österreichs nach dem Krieg – ein Land, das am 15. März 1938 auf dem Wiener Heldenplatz Hitler und die "Heimholung ins Reich" begeistert feierte, ebenso begeistert in den Krieg zog und klaglos die Pflicht in den Konzentrationslagern erfüllte – um sich dann nach 1945 als das erste Opfer von Nazideutschland zu definieren. Erste Bürgerpflicht: sich die eigene Rolle schönzureden und schönzutrinken. Man habe nur die Hakenkreuze aus der rot-weiß-roten Fahne schneiden müssen, schon sei Österreich fertig gewesen, schreibt Schalko.

Zum anderen handelt es sich hier um eine vergnüglich-zynische Groteske über jene vier Jungs aus dem Vorort Erdberg um den Krutzler, jenen Riesen mit der dicken Brille, der eher einem Hirschkäfer als einem Menschen gleicht und den nicht mal seine eigene Mutter mit dem Vornamen Ferdinand ansprechen mag. Mit seinem Mitstreitern – dem bleichen Wesseley, dem tumben Fleischersohn Praschak und dem melancholischen, stets unglücklich verliebten Hurensohn Sikora "evakuiert" der Krutzler am Tag von Hitlers Festrede die Wohnung des Nazi-Hubers – was den vier den Freifahrtschein nach Dachau beschert. Krutzlers Trost: die gebrauchte Unterhose, die ihm seine Freundin Muschkowitz, die nur "die Musch" genannt wird, auf dem Bahnsteig noch zusteckt.

Nach 1945 übernimmt die "Erdberger Spedition" die Unterwelt der in Sektoren aufgeteilten Hauptstadt. Wichtig dabei sind eine eigene Handschrift und die Berufsehre. Sie machen in Prostitution, Schmuggel und Glücksspiel und starten für die Russen die "Operation Eiserner Besen", bei der ehemalige Nazis, die wie der Huber auf einmal wieder schamlos oben schwimmen, recht phantasievoll liquidiert werden.

Skurrile Gestalten und Tiere begleiten den Krutzler auf seinem Weg. Da sind der Kugelfang, der jede Schießerei überlebt, das Kamel, jener bucklige, schweigsame Fahrer und Türsteher, oder auch der Simsalabim, der bis zu vierzehn Uhren in seinem Darm verstecken konnte. "Aus seinem Arsch tickte es, als halte er dort eine Zeitbombe versteckt", schreibt Schalko. Bewirtet werden sie vom Schwarzen Baron, einem ehemaligen US-Soldaten, der in der Tikibar nackt entrückt herumsitzt und zu Südseeklängen bunte Cocktails mischt.

Die Katastrophen des Lebens

Und da ist auch der Brillenkaiman Alberich, der sein Herrchen mit einem Kaninchen verwechselt und auffrisst. Oder die Schimpansin Honzo, der der paranoide Tierarzt Harlacher beim Sprung zum Menschsein helfen will und die irgendwann den gelben Papagei im Stammbordell der Erdberger erschießt. An einer Stelle brummt der Praschak, der ehemalige KZ-Häftling, dass es doch interessant sei, dass man die Menschen zu Tieren mache, um sie zu jagen, und umgekehrt die Tiere zu Menschen, um sie zu lieben. Der Krutzler knurrt wie immer, bewegt ein wenig seine schweren Knochen und blickt zurück auf sein Leben, in dem die Katastrophen wie Geisterschiffe vorbeischwimmen.

David Schalko: Schwere Knochen. Roman. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2018. 576 Seiten, 24 Euro.