Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

29. Januar 2010

Ein Rektor bricht das Schweigen

Im Canisius-Kolleg in Berlin sollen Schüler systematisch von Patres missbraucht worden sein

  1. Pater Klaus Mertes Foto: ddp

Jesuitenschulen sollen Orte sein, an denen Schüler ihre Würde erfahren. So heißt es in den Leitlinien des Berliner Canisius-Kollegs. Vornehm liegt es im Diplomatenviertel am Tiergarten. Wer hierher kommt, aus dem soll etwas werden. Das Gymnasium gilt als Eliteschule der Hauptstadt, viele Absolventen machten Karriere in Wissenschaft, Politik und Medien.

Aber die Würde der Schüler hat hinter den grauen Mauern offenbar nicht immer für alle Verantwortlichen eine Rolle gespielt: Zwei Patres sollen in den 70er und 80er Jahren jahrelang etliche Schüler sexuell missbraucht haben. Sieben Opfer haben sich jetzt offenbart, es gibt Hinweise auf eine hohe Dunkelziffer. Der Missbrauch war offenbar so lange möglich, weil Verantwortliche nicht reagierten. Da der Skandal mehr als 20 Jahre zurückliegt und juristisch verjährt sein könnte, ist es möglich, dass sich die Täter nicht vor Gericht verantworten müssen. Trotzdem nahm das Landeskriminalamt jetzt Ermittlungen auf. Eine Sprecherin sagte, es müsse jeder einzelne Fall geprüft werden, da Verjährung auch von der konkreten Tat und dem Alter der Opfer abhänge.

Werbung


Bemerkenswert ist, wie der Fall öffentlich wurde: Weder Bistum noch Orden gingen an die Öffentlichkeit. Auch Schüler und Lehrer wurden überrascht. Es war der Rektor der Schule, Pater Klaus Mertes, der das Schweigen brach. Er wandte sich in einem Brief an 600 ehemalige Schüler "der potentiell betroffenen Jahrgänge". In dem außergewöhnlich offenen Schreiben, das der Badischen Zeitung vorliegt, heißt es: "Mit tiefer Erschütterung und Scham habe ich diese entsetzlichen, nicht nur vereinzelten, sondern systematischen und jahrelangen Übergriffe zur Kenntnis genommen."

Die Opfer hätten zudem die Erfahrung gemacht, dass es "bei solchen, die eigentlich eine Schutzpflicht gegenüber den betroffenen Opfern gehabt hätten, ein Wegschauen gab". Der Rektor bittet stellvertretend für seine Einrichtung um Entschuldigung. Bei einer Pressekonferenz sagte Mertes am Donnerstag, ihm seien sieben Fälle bekannt, er gehe aber von einer höheren Dunkelziffer aus. Die Opfer seien 13 bis 17 Jahre alt gewesen. Es habe sich in allen Fällen um eine einmalige Missbrauchstat gehandelt, die immer nach demselben Muster abgelaufen sei.

Die beiden Patres haben die Schule Ende der 80er Jahre verlassen. Die Dimension der Missbrauchsserie kam erst jetzt ans Licht. Der Rektor wies Vorwürfe zurück, er habe zu spät reagiert. 2004 und 2005 meldeten sich zwei Opfer bei ihm, baten ihn aber, mit niemandem zu sprechen. Damals habe er die Ordensleitung in München und das Berliner Bistum informiert, nicht aber Polizei oder Staatsanwaltschaft. Mertes räumt ein, dass es zuvor schon "immer wieder Gerüchte" gegeben habe. Nach einem Jahrgangstreffen hätten sich dann Ende 2009 weitere fünf Opfer bei ihm gemeldet und nicht um Schweigen gebeten. Dies habe ihm die Kraft gegeben, den Brief zu schreiben. Entscheidend sei nun "eine Selbstprüfung der Institution Schule, der Institution Kirche und der Institution Orden".

Wieder ist eine katholische Erziehungseinrichtung betroffen – und natürlich stellt sich die Frage, warum. Die Berliner Rechtsanwältin Ursula Raue, die 2007 vom Jesuitenorden in Deutschland zur "Beauftragten für Missbrauchsfälle" berufen wurde, ist nun auch mit der Aufklärung des Berliner Falles befasst. "Es geht auch darum herauszufinden, welche Strukturen solch ein Handeln begünstigen", sagt Raue. Natürlich müsse man sich auch fragen, ob Mitglieder "derartiger Männervereinigungen" mit ihren Strukturen und dazu mit zölibatärer Verpflichtung besonders gefährdet seien, Übergriffe zu begehen. Die Anwältin ist mit beiden mutmaßlichen Tätern im Gespräch. Dabei ist sie auf die in solchen Fällen durchaus typische Einschätzung getroffen, dass das, was den Kindern angetan wurde, doch nicht so schlimm sei. Ihr Ziel ist es, dass die Täter sich bei den Opfern entschuldigen.

Auch Pater Mertes sieht seinem Brief zufolge ein generelles Problem: Mit der Kirche und ihren Strukturen auch in Schule und Jugendarbeit geht er hart ins Gericht. Er konstatiert in seinem Brief "mangelnden Vertrauensschutz, übergriffige Seelsorge, die Unfähigkeit zur Selbskritik, Tabuisierungen und Obsessionen in der kirchlichen Sexualpädagogik, unangemessenen Umgang mit Macht, Abhängigkeitsbeziehungen".

An diesen Themen sei in den letzten Jahren gearbeitet worden, schrieb er. Das Erzbistum Berlin meldete sich am Donnerstag in der Sache nicht selbst zu Wort. Auf Nachfrage betonte ein Sprecher Kardinal Sterzinskys, dieser habe mit großer Bestürzung auf den Fall reagiert. Der Rektor genieße "volle Rückendeckung".

Autor: Katja Bauer