Migration

Ein syrischer Flüchtling in Kehl zwischen Arbeit und Integration

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Mi, 03. Januar 2018 um 15:00 Uhr

Ortenaukreis

Fares Mousa ist jetzt ziemlich genau zwei Jahre in Deutschland. Der Syrer arbeitet vormittags in der Poststelle der Stadt Kehl, nachmittags hilft er bei der Integration anderer Flüchtlinge.

Im Dezember 2015 brachte ein von der Unicef organisierter Bus den syrischen Flüchtling in die Erstaufnahmestelle in Ellwangen, nachdem er den Weg durch die Türkei bis nach Griechenland zu Fuß zurückgelegt hatte. Über Lahr und Offenburg kam der 27-Jährige nach Kehl, wo er seit Juni in der Anschlussunterbringung lebt. Von Anfang an wollte er unbedingt arbeiten. "Egal was", sagt der Ex-Student der Rechtswissenschaft aus Syrien. Jetzt hat er einen Arbeitsvertrag mit der Stadt Kehl.

Der 27-Jährige arbeitet vormittags bei der Poststelle, wo sämtliche Briefe und Päckchen, die an die Stadtverwaltung adressiert sind, geöffnet und anschließend zur Bearbeitung an die entsprechenden Produktbereiche in den vier Rathäusern und den zahlreichen Außenstellen im Stadtgebiet verteilt werden, nachmittags assistiert er den Integrationsmanagerinnen als Kulturvermittler und Dolmetscher. Für den Kurden ist es nicht der erste Job, seit er nach Deutschland gekommen ist. Obwohl er länger als ein Jahr auf einen Platz in einem Deutschkurs warten musste und erst im Februar 2017 damit beginnen konnte, Deutsch zu lernen, arbeitete er bereits in der Erstaufnahmeeinrichtung in Offenburg als Assistent der dortigen Sozialbetreuerinnen.

Ein Bankkonto haben in Syrien nicht viele Menschen

Seine guten Englischkenntnisse ermöglichten es Fares Mousa, dass er dort bereits als Dolmetscher hilfreich sein konnte: Er übersetzte für andere Flüchtlinge aus dem Arabischen und dem Kurdischen, so dass diese sich mit den für sie zuständigen Sozialarbeitern verständigen konnten. Damals schon half er mit, dass Flüchtlinge und Sozialarbeiter die notwendigen Formulare gemeinsam ausfüllen konnten. "Die Leute verstehen nicht, was sie machen müssen", sagt Fares Mousa und lächelt. Formulare, Papiere, Kontoauszüge kennen in seiner Heimat nur wenige Menschen.

Briefe gebe es dort nicht oder "ganz selten", erklärt der aus Derik in der Region Al Hasakah stammende 27-Jährige. Wenn irgendein Verwaltungsakt zu erledigen sei, dann melde sich die Quartiersverwaltung telefonisch oder eben jemand von der Polizei. Deshalb wüssten so viele Flüchtlinge nicht, dass die Briefe, die sie bekommen, so wichtig seien. "Ich sage Ihnen, dass sie die Papiere und die Kontoauszüge aufheben müssen", berichtet Fares Mousa, denn auch ein Bankkonto sei in Syrien keine Selbstverständlichkeit. Ein Konto könne nur eröffnen, wer ein bestimmtes Mindesteinkommen nachweisen könne; "in Syrien hatten nicht viele Leute eines". Und auch keine Kranken- oder Haftpflichtversicherung.

Fares Mousa hat sehr schnell begriffen, dass diese Dinge in Deutschland anders und wichtig sind. Weil er beide Kulturen kennt, kann er seinen Landsleuten oder Flüchtlingen aus anderen arabischen Ländern besser vermitteln, worauf es ankommt und warum sie sich hier mit administrativen Vorgängen beschäftigen müssen. Es sind solche – nur vermeintlich – einfache Fragen, in denen er die Integrationsmanagerinnen der Stadt unterstützt. Der ehemalige Jura-Student ist aber auch als Werber für betriebliche Ausbildungen unterwegs. Wenn die Kinder studieren und angesehene Berufe ausüben, also Arzt, Rechtsanwalt oder Ingenieur werden, dann steigt in seiner Heimat das Ansehen der gesamten Familie. Deshalb "ist es normal, dass die Familie mitentscheidet", welchen Berufsweg Söhne und Töchter einschlagen, erläutert Mousa. Handwerkliche Berufe oder Berufe in der Industrie sind daher etwas für Jugendliche, "die nicht gut sind in der Schule".

Sein Traum ist es, internationales Recht zu studieren

Zwei seiner Brüder, die in Stuttgart leben und als Frisöre arbeiten, versucht er auch zu motivieren, eine Ausbildung zu machen. Beide haben ihr Handwerk in der Heimat gelernt, indem sie einem Frisör zugeschaut haben, der sie nach und nach angelernt hat. Wie seine Brüder das Haareschneiden gelernt haben, so haben andere Altersgenossen das Maurer-, Elektro- oder Kfz-Handwerk gelernt. "Wenn der Vater oder der Onkel Automechaniker ist, dann lernt man dort zwei, drei oder fünf Jahre", also so lange, bis der Inhaber der Werkstatt seinem Lehrling vertraut. Fares Mousa versucht Flüchtlingsfamilien klarzumachen, dass eine Ausbildung in Deutschland einen anderen Stellenwert hat, dass man angesehene Berufe erlernen und gutes Geld verdienen kann. Er selber hofft, dass sein Studium anerkannt wird, "als Bachelor-Abschluss", dann könnte er noch einen Master draufsatteln. Internationales Recht studieren zu können, wäre sein Traum.

Sollte es nicht klappen, möchte er auf jeden Fall eine Ausbildung machen. Vorstellen kann er sich vieles. Fares Mousa ist motiviert: In nur zehn Monaten hat er sich in Deutsch auf das Sprachniveau B1 hochgearbeitet und im November die Prüfung bestanden. Danach hat er sofort in der von der Stadt Kehl gegründeten Handwerkergruppe gearbeitet; von dort wurde er in seinen neuen Job übernommen. Der Kontakt zu den deutschen Kollegen hilft ihm, seine Sprachkenntnisse zu verbessern. "Jetzt lerne ich auch noch Badisch", stellt er fest und lacht.

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