Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

17. Januar 2013

Eindeutig vielschichtig

Die Rolle der Frau thematisiert Julia von Troschke in den im Georg-Scholz-Haus ausgestellten Bildern / Am Sonntag ist Vernissage.

WALDKIRCH. Am kommenden Sonntag eröffnet das Kunstforum die Ausstellungssaison im Georg-Scholz-Haus mit Arbeiten von Julia von Troschke, einer Ausstellung ohne weiteren Titel.

Die Rolle der Frau auf verschiedenen Bühnen der Welt, ihre Rolle als Mutter, als tiefgründiges und vielfach vernetztes Wesen, dieser Themenkomplex zieht sich im wahrsten Sinn des Wortes wie ein roter Faden durch von Troschkes ureigene Werkwelt. Ist Bühnen- und Kostümbildnerin, ist freie Künstlerin nach Masterstudium in London und Prag, ist viel gereist, ist Mutter zweier Kinder im Vorschulalter: Julia von Troschke. Das zeigt die Ausstellung.

Von Troschkes Mann ist Schreiner und verarbeitet unter anderem mehrlagige Sperrhölzer – für die Künstlerin ein willkommenes Material, um Schichten davon abzutragen, Teile davon zu bemalen. Sie erreicht damit eine Kongruenz von Material und ihrem Thema Vielschichtigkeit, vor allem der Frau. Mehrere Bedeutungsebenen kann die Künstlerin aber auch Material abgewinnen, das auf den ersten Blick augenblicklichen Charakter hat, nämlich Fotografien.

Werbung


Im Treppenhaus hängen dadaistisch verfremdete Fotos, die sie vom tschechischen Kulturzentrum in Berlin bezog. Auf einem Foto von einem Gipfeltreffen stehen die Teilnehmer meistens alle gleich da. Sie wirken austauschbar, beobachtete von Troschke und fragte sich, in welcher Beziehung stehen sie zueinander eigentlich? "Wo blicken die Gesichter hin?" Austauschbarkeit und diese Fragen sichtbar zu machen, erreicht sie mit dazu gemalten Kostümen in Weiß, mit denen sie Bildteile der Schwarz-Weiß-Fotos retuschiert. Ein Staatsmann wird mit einem Kleid bekleidet – und so plötzlich zur Staatsfrau.

Dinge stehen lassen, wegnehmen oder hinzufügen: Durch diese Herangehensweise entstehen holzschnittartige Reliefs, die zum Beispiel eine Mutter zeigen, welche die roten Fäden in der Hand hält, mit ihrem Sohn und ihrer Tochter, repräsentiert durch rote und blaue Objekte wie ein Dreirad, ein Netzwerk bildet, eines das sie nur scheinbar managen kann, das auf sie zurückwirkt, das eigene Spuren hinterlässt, und sie energisch aufstampfen lässt. Von Troschke meinte dazu, dass man nur die Vielschichtigkeit einer gelebten Mutterrolle kennt, wenn man sie erlebt. Ihre Werke laden dazu ein, solche Dimensionen und Ebenen anzuschauen, bis hin in eine Tiefe, die der Betrachter noch zulasse. Das Spiel mit Icons, Sinnbildern und Farbsymbolik ist ein weiteres Mittel, "um vielfältige Lösungen herüberzubringen", zum Beispiel die Symbolik der Farbe Rot als Spiegel der Liebe oder Blut, der Apfel als Symbol für die Vertreibung aus dem Paradies oder als Aufruf am Rande eines Bildes: "An apple a day keeps the doctor away".

Viele Werke sind durch eine Fröhlichkeit vermittelnde Farbigkeit geprägt. "Mich machen Farben glücklich!" postuliert von Troschke, welche gern Farben mit für andere Kulturkreise typischer Intensität kontrastreich kombiniert.

Andere Werke, scherenschnittartige, aufgezogen auf zwei Meter hohes Plexiglas, fordern dagegen gerade durch ihre Nichtfarbigkeit heraus. Das Weglassen der nicht nur für Südamerika typischen traditionellen Farbigkeit reflektiert das Sich-Auflösen von Tradition.

Julia von Troschke lebte einige Jahre in Italien, hat das Land einerseits als ein Stück Heimat erlebt, aber auch mit dem Abstand eines Gastes wahrgenommen. Mehrfachbeheimatung ist ein Motiv in ihren Werken, und manche Bilder haben erzählenden Charakter wie eine Theaterszene. So wie im Theater Vorhänge und Bühnenbilder hintereinander hängen, sind manche Bilder vorder- bis hintergründig, wie eines mit dem am Rande eines Flugplatzes lebenden Hasen. Der Hintergrund zeichnet das Liniengeflecht der Flugzeuge nach, und am Rande des Bildes geht ein Mädchen seines Weges, abseits vom Trubel der Welt, wie es scheint.

Wie in so manchem Theaterstück ist das Ende offen, es gibt keine richtige oder falsche Deutung. Das gilt auch für die eine Skulptur der Ausstellung, ein aus Holz herausgearbeiteter Kopf, dessen eine Gesichtshälfte in Frankenstein’scher Manier zusammengestückelt wurde. Ihre Berufsausbildung hat von Troschke mit einem Medizinstudium begonnen. Die Besucher der Ausstellung sollen Freude daran haben, dieses und andere Werke in ihrer Mehrdeutigkeit wahrzunehmen.

Info: Ausstellung Julia von Troschke, Georg-Scholz-Haus Waldkirch, Merklinstraße 19: 20. Januar bis 24. Februar; geöffnet donnerstags, freitags und samstags von 15 bis 18 Uhr sowie sonn- und feiertags von 10 bis 13 Uhr. Eröffnung am Sonntag, 11 Uhr. Montag, 21. Januar, 20 Uhr, "Kunst im Dialog" in Anwesenheit der Künstlerin. Weitere Infos unter http://www.georg-scholz-haus.de

Autor: Ernst Hubert Bilke