Eine Freundschaft wird in dunkler Zeit zur Rettung

Manfred Frietsch

Von Manfred Frietsch

Fr, 16. November 2018 um 17:50 Uhr

Eichstetten

In Eichstetten wird zweier Männer gedacht, die sich in der Zeit der Judenverfolgung gegenseitig halfen / Freiburger Lessingschule arbeitet ihre Geschichte auf

EICHSTETTEN/ BÖTZINGEN/ IHRINGEN. Mit einer Veranstaltung in der Aula der Adolf-Gänshirt-Schule wurde kürzlich in Eichstetten der Zerstörung der Synagoge am Tag nach der "Reichskristallnacht" vor 80 Jahren gedacht. Dabei wurde auch an zwei Kaiserstühler Familien erinnert, deren Freundschaft in der Nazizeit auf eine harte Probe gestellt wurde – und die sich bewährte. Eichstetten und Ihringen waren die beiden Kaiserstuhlorte, in denen es – wie in Breisach auch – jüdisches Gemeindeleben gab.

Zwischen den beiden traditionell evangelischen Gemeinden liegt Bötzingen, mit seiner früher seltenen Bikonfessionalität aus etwa zwei Dritteln evangelischer und knapp einem Drittel katholischer Bevölkerung. Und in Bötzingen wurde in einer evangelischen Familie 1888 Fritz Schaffner geboren. Dieser hatte sich mit dem zwei Jahre älteren Gustav Judas aus Ihringen befreundet. Wie es den Beiden erging, schilderte ein von Elisabeth Bär moderierter Vortrag, in dem Andreas Fischer und Helmut Schöpflin in verteilten Rollen sprachen.

Beide Männer mussten im Ersten Weltkrieg dienen, wie viele Badener unter anderem bei den Kämpfen im Oberelsass. Nach dem Krieg schlug Schaffner eine Polizeilaufbahn ein und zog nach Freiburg. Gustav Judas, der als Kaufmann regelmäßig mit einem Verkaufswagen die Kaiserstuhlorte abfuhr, eröffnete 1928 in Ihringen ein Kaufhaus mit Bekleidung und anderen Waren. Beide Familien blieben in Kontakt, auch als sich die Verhältnisse ab 1933 veränderten. In Judas’ Geschäftshaus schlugen Nazis Scheiben ein. Gustav Judas, der auch Verwandte in Eichstetten hatte, entschloss sich zum Verkauf des Geschäfts, dem nachmaligen Kaufhaus Gerber, das Jahrzehnte später das Textilkaufhaus Schandelmeier wurde.

Judas zog nach Freiburg um, zunächst in die Poststraße. 1937 besucht er die USA, konnte sich aber nicht zum Auswandern entschließen. Just in diesem Jahr trat Fritz Schaffner, der in den 20er Jahren einmal der SPD angehört hatte, in die NSDAP ein. Er konnte so seine Stellung als Kriminalbeamter behalten. Hier kam er auch an Informationen zu Aktionen gegen die Juden, die er nutzte, um der Familie Judas zu helfen. So verschaffte er dem an einem Kropf leidenden Freund einen Operationstermin just für den 10. November 1938, dem Tag nach der "Reichskristallnacht". Judas entging so der geplanten Festnahme, die ihm vermutlich mehrere Wochen Lagerhaft eingebracht hätte, wie damals vielen jüdischen Geschäftsleuten. Gustav Judas musste aber im Dezember 1938 sein Geschäft in Freiburg aufgeben und zog nach Herdern um – wie Verwandte aus Eichstetten.

Dann kam der 22. Oktober 1940, als die in Baden verbliebenen Juden in das Lager Gurs in Südfrankreich deportiert wurden. Schaffner konnte Judas nicht nur davor warnen, sondern ihm auch einen Tipp geben: Bettlägerige Kranke würden von der Deportation ausgenommen werden. Als Judas abgeholt werden sollte, bescheinigte ein eingeweihter Amtsarzt die Transportunfähigkeit, und die zur Abholung der Familie gekommenen braunen Schergen zogen unverrichteter Dinge ab.

In der Folge organisierte es Schaffner, auch mit Hilfe anderer Familien vom Kaiserstuhl, dass regelmäßig Lebensmittel nach Herdern gebracht wurden.

Judas hatte inzwischen eine Einreiseerlaubnis für die USA, doch nun – es war Krieg – erwies sich die Ausreise aus Deutschland als Hauptproblem. Auch hier konnte Fritz Schaffner helfen. Über einen befreundeten Anwalt organisierte er Plätze für einen verplombten Sonderzug von Berlin nach Portugal, von wo aus Schiffspassagen nach Amerika gingen. Nun musste die jüdische Familie noch unerkannt in die Reichshauptstadt reisen. Schaffner selbst kaufte vier Bahnfahrkarten und gab sie an Judas weiter, so dass im Frühsommer 1941 die Ausreise glückte.

Am Kriegsende 1945 geriet Schaffner kurzzeitig in Gefangenschaft, konnte nach der Freilassung aber nicht in den Polizeidienst zurückkehren. Nun war es an Judas, dem Freund zu helfen, was er mit Carepaketen aus den USA auch tat.

Die Erinnerung an Fritz Schaffner, der 1961 – neun Jahre nach Gustav Judas – verstarb, soll in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin durch seine Nennung in der Abteilung "Stille Helden" gewahrt werden.

Zu dem Schicksal der beiden Freunde verfasste eine Gruppe der Lessingschule in Freiburg um Lehrerin Rosita Dienst-Demuth eine Infoausstellung, die auch in Eichstetten gezeigt wurde. In der Lessingschule waren jüdische Kinder bis 1940 eingeschult worden, auch aus den Familien von Gustav Judas und seinen Eichstetter Verwandten.