Elsass

Forscher wollen Kannibalismus unter Feldhamstern stoppen

Bärbel Nückles

Von Bärbel Nückles

Fr, 03. Februar 2017

Elsass

Elsässische Forscher suchen nach Wegen gegen den Kannibalismus unter Feldhamstern.

STRASSBURG. Felder weichen Straßen und Wohngebieten: Moderne Lebensverhältnisse sind dem Feldhamster derart auf den Leib gerückt, dass er ohne Hilfsmaßnahmen wohl längst ausgestorben wäre. In Frankreich gilt das Elsass als der letzte Rückzugsort der bedrohten Art. 400 Tiere soll es dort noch geben, etwa vier Mal so viele wie in Baden-Württemberg. Einer der Gründe für den Schwund: Manche Hamstermütter fressen ihren Nachwuchs.

Den "Grand Hamster d’Alsace" sollte zuletzt ein nationaler, 1,5 Millionen Euro teurer Aktionsplan retten. In Gefangenschaft gezüchtete Tiere wurden ausgewildert, Landwirte zu Zugeständnissen gedrängt: Sie sollten statt einträglichem Mais Pflanzen anbauen, die dem Hamster Schutz bieten. Elektrozäune rund um die Versuchsfelder zur Abwehr vor Füchsen zeigten wiederum kaum Wirkung.

Nach Zählungen des Forstamtes liegt die elsässische Hamsterpopulation auf stabil niedrigem Niveau. "Gut das Dreifache sollte es sein, damit die Art auf Dauer überleben kann", sagt die Straßburger Wissenschaftlerin Caroline Habold. Vor vier Jahren begann sie mit ihrem Team am Interdisziplinären Forschungsinstitut Hubert Curien (IHPC) zu erforschen, warum die Hamsterpopulation nicht so wächst wie erhofft.

Zu Beginn vermuteten die Wissenschaftler, dass die Ernährung der Tiere schuld sein könnte. Die Maismonokulturen, die rund um Straßburg und im südlichen Flachland der Region besonders beliebt sind, habe man für einen wichtigen Störfaktor gehalten, erklärt Caroline Habold: Im Frühjahr, wenn die Hamster aus ihrem Bau kommen und Schutz vor Füchsen und Bussarden brauchen, ist er noch nicht weit genug entwickelt, um Rückzugsmöglichkeiten zu bieten.

Als Problem erwies sich das Getreide aus einem anderen, unerwarteten Grund: Im Labor wiesen die Forscher nach, dass Hamsterweibchen, die maßgeblich mit Mais ernährt wurden, ihren Nachwuchs fressen – kurz nach der Geburt.

Des Rätsels Lösung für das abnorme Verhalten fand Mathilde Tissier, die am IPHC bei Caroline Habold promoviert. In der medizinischen Fachliteratur entdeckte sie ein beim Menschen gut dokumentiertes Krankheitsbild, die Pellagra-Krankheit. Vitamin B 3-Mangel führt dabei zwar nicht zum Kannibalismus, aber zu einem Bündel an Symptomen, die sich in ähnlicher Weise bei den Hamsterweibchen fanden: ein verändertes Hautbild, Durchfall, eine Art Demenz.

Für den Versuch hatten Wissenschaftler das Verhalten von Weibchen, die mit Weizen und Würmern ernährt wurden, mit dem einer Gruppe verglichen, die sie mit Mais und Würmern fütterten. Eine dritte Gruppe erhielt Klee. Sie zeigten im Unterschied zu den Mais-Hamstern ein normales Sozialverhalten, waren aber zu untergewichtig, um sich stabil fortpflanzen zu können. Eine weitere Testreihe, bei der die Kontrollgruppe mit Mais eine künstliche Zugabe von Vitamin B3 erhielt, bestätigte diesen Verdacht dann – diese Versuchshamster zogen nämlich gesunde Jungtiere auf.

Mathilde Tissier, die der Krankheit auf die Spur kam, benennt Konsequenzen: Die Hamster müssen sich vielseitiger ernähren – getestet wird jetzt ein Pflanzenmix aus Soja, Sonnenblumen, Weizen, Wurzelpflanzen. Auch wenn diese Ernährungsumstellung glücken sollte, bleibt der durch die Verstädterung zerstückelte Lebensraum der Hamster ein Problem. Unter dem Autobahnzubringer bei Innenheim südlich von Straßburg entsteht eine Röhre für die Tiere. Durchmesser: 15 Zentimeter.