Schlampereien

Gereiztes Klima in der Fessenheim-Kommission

Bärbel Nückles

Von Bärbel Nückles

Di, 11. Oktober 2016

Elsass

Ökoinstitut fordert mehr Sicherheitsreserven beim Altreaktor – Franzosen verbitten sich Belehrungen.

COLMAR. Antworten sind jetzt gefragt. Seit Juni ist Block II des Akw Fessenheim vorübergehend stillgelegt. Wegen Sicherheitsbedenken, die den Dampferzeuger betreffen. Aber selbst Akw-Direktor Marc Simon-Jean kann der grenzüberschreitenden Überwachungskommission Clis am Montag nicht die gewünschten Antworten geben. "Das Problem ist", sagt er, "dass es in Creusot Forge vor 2012 keine personelle Trennung zwischen den Verantwortlichen für die Produktion und für deren Kontrolle gab." Auch er wisse nicht, was da schief gelaufen sei und wann Ergebnisse vorliegen.

Creusot Forge steht im Zentrum eines Skandals um Schlampereien bei der Herstellung von Reaktorteilen. Die Stahlschmiede gehört zum französischen Atomkonzern Areva. Binnen vier Jahrzehnten fertigte man in Le Creusot, so der Stand der Ermittlungen, in hunderten von Fällen Prüfberichte an, die entweder geschönt waren, nicht den Vorschriften oder nicht den Vorgaben der Kunden entsprachen – darunter Akw-Betreiber in Frankreich und der Schweiz, etwa in Beznau. Als einer der gravierendsten Fälle gilt ein Herstellungsfehler, der Block II in Fessenheim betrifft. Ob ein erhöhter Karbongehalt im erst 2011 eingebauten Dampferzeuger tatsächlich die Sicherheit beeinträchtigt, ist für den Betreiber Electricité de France (EdF) nicht ausgemacht. Seit Mitte Juni laufen Tests an baugleichen Stücken.

Ärger gibt es in der Kommission am Montag aber nicht um den Dampferzeuger, sondern um eine dort vorgetragene Fessenheim-Studie des Freiburger Ökoinstituts. Das überrascht, weil die von Christoph Pistner vorgestellten Fakten aus deutscher Sicht keineswegs neu sind. Sein Vergleich der Sicherheitsstandards französischer und deutscher Akw stammt von 2015 und fußt auf einer früheren, 2012 ebenfalls schon im Auftrag des Stuttgarter Umweltministeriums angefertigten Analyse. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Sicherheitsmargen der französischen Akw und insbesondere Fessenheims trotz der Nachrüstungen verbesserungsfähig seien. Pistner erwähnt "Sicherheitsnetze" für den Notfall und die Lagerung verbrauchter Brennstäbe in ungeschützten Abklingbecken.

Die französische Seite in der Kommission reagiert gereizt. Vincent Blanchard von der Atomaufsicht ASN verbittet sich einen Vergleich der beiden Sicherheitspolitiken und endet mit dem Hinweis, britische Automobile seien ja auch nicht weniger sicher, nur weil dort der Fahrer rechts sitze. Die Freiburger Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer versucht zu beschwichtigen: "Wir lassen uns mit genau denselben Maßstäben messen, die wir hier einfordern." Auch Gerrit Niehaus vom baden-württembergischen Umweltministerium gibt sich diplomatisch angesichts der am Ende aufgeheizten Stimmung. "Wir haben Punkte herausgegriffen, die wir uns bei einem älteren Atomkraftwerk wie Fessenheim wünschen würden."