Wer war Opfer, wer war Täter?

Bärbel Nückles

Von Bärbel Nückles

Fr, 24. März 2017

Elsass

Nach heftiger Kritik soll eine Gedenkmauer an die Weltkriegstoten im Elsass neu geplant werden.

STRASSBURG. Die Gestaltung einer Gedenkmauer in den elsässischen Vogesen wird neu aufgerollt: Philippe Richert, Präsident der französischen Ostregion, reagiert auf Kritik am Konzept des Gedenkortes, der in Erinnerung an die Toten des Zweiten Weltkriegs bei Schirmeck entstehen soll. Wie der Gedenkort jetzt aussehen wird, ist wieder völlig offen.

Vorgestellt worden war das Projekt Anfang Februar 2017 nach neun Jahren Vorbereitung. In diesem Zeitraum waren rund 50 000 Namen von Kriegstoten aus den beiden elsässischen Départements Haut-Rhin und Bas-Rhin zusammengetragen worden. Sie sollten auf einer 80 Meter langen Betonmauer unterhalb des Gedenkmuseums Mémorial bei Schirmeck eingraviert werden – alphabetisch sortiert, ohne Erläuterungen zum Schicksal der Personen.

Nach der Präsentation entbrannte eine Diskussion darüber, dass auf diese Weise Opfern und Tätern unterschiedslos gedacht würde. "Für mich kann es nur darum gehen, dass diese Pläne fallen gelassen werden", sagt der Straßburger Politologe Philippe Breton. Unerträglich sei es, der Öffentlichkeit durch die unkommentierte Namensnennung zu verschweigen, um wen es sich bei den Toten handele.

Seine Kritik berührt einen sensiblen Punkt der elsässischen Geschichte. Auf der Liste der Namen, die auf der Gedenkmauer eingetragen werden sollten, befinden sich zivile Opfer wie Soldaten, hingerichtete Widerstandskämpfer, Opfer von Deportation und Verfolgung. Zur Gruppe der Soldaten zählen auch Elsässer, die nach der Annexion der Region durch die Nationalsozialisten in die Wehrmacht eingezogen wurden – oder in die Waffen-SS. Unter ihnen befinden sich auch Angehörige von Einheiten, die an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen seien. Dazu gehört zum Beispiel die SS-Panzerdivision "Das Reich", die verantwortlich war für das Massaker an den Einwohnern des französischen Dorfes Oradour-sur-Glane im Juni 1944.

Das gemeinsame Gedenken könnte man als gerechtfertigt betrachten, schreibt Politologe Breton, weil "die Betroffenen unter Zwang und Androhung von Verfolgung eingezogen wurden." Das aber schließe nicht aus, dass Verbrechen begangen worden sind, selbst wenn die Betroffenen keine Nazi-Sympathisanten waren. Im Übrigen habe man keine Nachforschungen angestellt, ob die genannten Personen Verbrechen begangen hätten.

Regionspräsident Richert hat seine Entscheidung auch nach einem Gespräch mit dem Straßburger Rabbiner René Gutman getroffen. "Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg war für das Elsass oft genug eine Zerreißprobe", sagt Richert – die Mauer solle aber ein Monument der Einigung werden.