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21. November 2008

Eine Wolke über Fessenheim

Katastrophenschutzübung simuliert einen Störfall im französischen Atomkraftwerk / Nach 25 Minuten ist das Leck in der Leitung abgedichtet

Als die Sirene auf dem Dach des Hauses aufheult, lässt Marie-Jeanne Kieffer die Schultüren, die Fenster und Läden schließen und verteilt ihre eigene Klasse auf die anderen Gruppen. Bis zum frühen Nachmittag dürfen 134 Schulkinder in der Grundschule "Regenbogen" in einem Neubauviertel am Rande von Fessenheim ihre Räume nicht verlassen. Draußen vor der verschlossenen Schultür klebt ein weißer Papierbogen mit der zwiespältigen Versicherung: "Der Präfekt hat den Kriseninterventionsplan ausgelöst. Ihre Kinder sind in Sicherheit."

Marie-Jeanne Kieffer, die Schulleiterin, zieht sich anschließend in ihr Büro zurück, setzt sich vor das Telefon und sichert den Kontakt mit der Präfektur. Sie ist Ende 50, sie kann gar nicht mehr aufzählen, wie viele solcher Notfall-übungen sie schon mitgemacht hat. Etwa um neun Uhr, rekapituliert die geduldige Frau, war der Anruf eingegangen. "Die Präfektur und das Atomkraftwerk Fessenheim informieren Sie: Bringen Sie sich in Sicherheit. Achtung: Dies ist eine Übung!"

Die weibliche Stimme aus der Hörermuschel tönt von einem Sprachcomputer, der bei der Übung gestern in Fessenheim zum ersten Mal getestet wurde. Alle Bürger des kleinen Ortes, dessen Name seit 1977 untrennbar mit dem ältesten französischen Atomkraftwerk verbunden ist, wurden durch den automatischen Anruf informiert. Im Haus bleiben, Fenster und Läden schließen, Radio hören und weitere Anweisungen abwarten.

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Alle drei Jahre spielen Gemeinde, Kraftwerksbetreiber und die Präfektur als Vertreter des Staates ein Szenario durch, das nahe am Möglichen liegt, das Maximale eines Störfalls aber nie ausschöpft. "Von dem Augenblick an, in dem strahlendes Material in die Umwelt gelangt, bewegen wir uns auf Stufe drei", sagt der Direktor des AKW, Philippe Bainier. Stufe drei auf der internationalen Störfallskala Ines entspricht laut Definition einem schweren Zwischenfall.

Wenngleich Atomkraft nach wie vor als sichere Energie verkauft wird, darf auch der Betreiber Electricité de France (Edf) laut Gesetz nicht auf Übungen verzichten, die testen sollen, ob alle Kommunikationswege im Ernstfall auch zur Verfügung stehen und ob das Krisenmanagement funktioniert. Weil Fessenheim auch Grenzland ist, werden die deutschen Behörden in die Übung mit einbezogen – deren Krisenstab befand sich gestern im Regierungspräsidium Freiburg.

Eine Viertelstunde nach dem Störfall hat Regierungspräsident Julian Würtenberger telefonisch erfahren, dass eine radioaktive Wolke nach Deutschland unterwegs ist. Daraufhin hat er den Katastrophenschutzstab einberufen. Der Konferenzraum Ortenau im vierten Obergeschoss des Regierungspräsidiums wird zum Kontrollzentrum umfunktioniert. "Wir simulieren hier einen Kaltstart", sagt Würtenberger. Mitarbeiter bringen Tische, Stühle und eine zweiteilige Stellwand, andere schließen Telefone, Laptops und Beamer an. Nach und nach trudeln Vertreter der Fachbehörden ein. Jemand fragt nach Frühstück. Die Verbindungsbeamten zur Bundeswehr erscheinen, im Tarnanzug. 40 Minuten nach dem Störfall hält Pressesprecher Joachim Müller-Bremberger das erste Fax von der Präfektur Haut-Rhin in der Hand, wenig später kommt die erste Pressemitteilung: Ein Rohr der Zuleitung zum Dampfgenerator ist gebrochen, der Sekundärkreislauf kontaminiert, eine Dampfwolke entwichen.

Um 10.15 Uhr ist der Konferenzraum bereit. "Merci pour l’information", sagt Julian Würtenberger und legt dann den Telefonhörer auf. Den aufgebotenen Dolmetscher hat er doch nicht benötigt. Stabsleiter Horst Richter eröffnet die erste Krisensitzung, bringt alle Mitarbeiter auf den neuesten Stand. Würtenberger hat vom Präfekten in Colmar erfahren: Die Wolke ist in Richtung Neuenburg unterwegs. Die Radioaktivität hat den Grenzwert überschritten, ab dem Kindern die Einnahme von Jodtabletten empfohlen wird. Sonst gibt es nichts Neues. "Die Informationen sind zurzeit noch bruchstückhaft", sagt Markus Rogg vom Katastrophenschutz.

Müller-Bremberger drückt aufs Tempo: Die ersten Bürger haben angerufen, sie haben die Sirenen aus Fessenheim gehört und wollen wissen, was los ist. Der Stab beschließt, die Medien zu informieren. Den Menschen in Neuenburg wird empfohlen, das Haus nicht mehr zu verlassen. Auch wenn es eine Übung ist, die Mienen der Beteiligten sind ernst geworden. Sie wissen, dass das Szenario ist realistisch gewählt.

In der Präfektur in Colmar ergeht um 10.30 Uhr die Empfehlung der französischen Nuklearaufsicht: Die Bevölkerung, insbesondere schwangere Frauen und Kinder unter zehn Jahren, in den nächstgelegenen Ortschaften Blodelsheim und Fessenheim sollten die zugeteilten Jodtabletten einnehmen.

Im Simulator des Kraftwerks, in dem der Kontrollraum für die Reaktoren nachgebaut ist, stehen zu diesem Zeitpunkt sechs Ingenieure, abgeschottet von der Außenwelt, mit Übersichtsplänen vor Wänden mit Hunderten von Knöpfen, Leuchten und Anzeigeelementen und versuchen, den genauen Störfall zu erkennen und unter Kontrolle zu bringen. Hinter einer Glasscheibe in ihrem Rücken sitzt das Team der Nuklearaufsicht, die Urheber des Szenarios, an Computern.

"Jede Sekunde ist kostbar."

Pressesprecher Müller-Bremberger
Was sich in diesen ersten Augenblicken abspielt, ist die Reflexphase, die heiße Phase, nachdem der Schaden entdeckt und Alarm ausgelöst wurde. Gestresst wirkt dennoch niemand. Solche Krisenübungen werden an 15 Tagen pro Jahr im Simulator durchexerziert. Draußen auf dem AKW-Gelände ist es menschenleer. Auch im Ernstfall wären die Beschäftigten in Schutzräumen untergebracht worden.

Im Rathaus rechnet einer der Gemeinderäte fest damit, dass bis zur üblichen Mittagspause um 12 Uhr alles ausgestanden sei. "Die Auswirkungen auf die Umwelt haben die Dosis von 55 Millisievert überstiegen", zitiert Bürgermeisterin Fabienne Stich aus der zweiten Meldung, die sie aus dem Krisenstab in Colmar erhalten hat. "Gerade kommt über die Standleitung aus dem Krisenstab in Colmar die Anfrage, wie viele Ältere und Behinderte im Ort leben."

Im Lagezentrum in Freiburg haben die Mitarbeiter den Informationsstand in einer Karte zusammengefasst. Die Kernzone um Fessenheim, zwei Kilometer breit, ist rot gefärbt. Daran schließen sich zwei weitere Ringe an: Die Mittelzone bis zehn Kilometer um das Atomkraftwerk in Blau und die Außenzone bis 25 Kilometer in Grün. Von Fessenheim aus zeigt ein roter Keil direkt nach Süden, bis Efringen-Kirchen. "Es scheint zu drängen", sagt Stabsleiter Horst Richter. Die Menschen in der Mittelzone sind schon mit Jodtabletten versorgt, berichtet Justus Rack vom Verwaltungsbereich Gesundheit, die Einnahme wird aber noch nicht empfohlen. Dafür ist die Informationslage noch zu dünn, heißt es. Daten zur radioaktiven Belastung fehlen ebenso wie meteorologische Informationen. Niemand weiß, wo die Wolke gerade ist. Deshalb ist der Stab unschlüssig, was er den Menschen in der Außenzone raten soll: Zu Hause zu bleiben oder beim Rathaus Jodtabletten abzuholen. "Jede Sekunde ist kostbar und wird uns nachher um die Ohren gehauen", sagt der Pressesprecher nach einer halben Stunde. Die Blicke sind auf den Regierungspräsidenten gerichtet. Dem wird die Entscheidung schließlich erleichtert: Aus Frankreich kommt die Nachricht, dass das Leck abgedichtet wurde. 25 Minuten haben die Techniker benötigt. Jedes Wort der telefonischen Mitteilung ist sorgfältig gewählt. Katastrophenschutzübungen und -pläne sind eine heikle Angelegenheit. Das zeigte sich schon 1980, nachdem Unbekannte bei einem Einbruch ins Landratsamt Lörrach den Katastrophenplan für Fessenheim entwendeten und veröffentlichten.

Die Gefahr für die Außenzone scheint gebannt. Ansonsten hätte er den Menschen geraten, im Haus zu bleiben, wird Würtenberger später sagen. Stabsleiter Horst Richter übt da schon einmal Manöverkritik: Im Ernstfall lägen Daten über Windrichtung und Strahlenbelastung von Messstationen vor. Diese Informationen hätten von der Leitung der Übung kommen müssen, sagt er: "So sitzen wir auf dem Trockenen."

Neben dem Simulator auf dem AKW-Gelände wartet ein blauer Kleinbus mit den Initialen des Stromversorgers, der das Atomkraftwerk in Fessenheim betreibt. Neben dem flachen Gebäude setzen die Techniker in Anorak und neonfarbener Weste ein Messgerät aus, das an eine weiße Kühlbox erinnert. Denn auch wenn das Leck rasch abgedichtet werden konnte, die Wolke und die Radioaktivität sind in der Umwelt.

Auf deutscher Seite ist zu diesem Zeitpunkt noch immer unklar, ob der betroffene Reaktor heruntergefahren wurde. Das Umweltministerium empfiehlt, den Katastrophenalarm nicht aufzuheben. Weil aber die Belastung mit radioaktiven Substanzen weit unter dem Grenzwert geblieben ist, ab dem Jodtabletten eingenommen werden sollen, erteilt das Ministerium zugleich die Weisung: Die Empfehlung, im Haus zu bleiben, ist zurückzunehmen. In Freiburg sorgt das für Unverständnis. Inzwischen vertritt Ulrich Springer den Regierungspräsidenten. Er greift zum Telefon, landet erst bei einer Werbeagentur, dann beim Ministerium: "Den Menschen sagen, sie können wieder rausgehen, und gleichzeitig den Katastrophenalarm beibehalten – das ist nicht vermittelbar." Außerdem ist man der Ansicht, dass das Umweltministerium nicht weisungsbefugt ist. Die Antwort aus Stuttgart: Was das Regierungspräsidium entscheidet, wird akzeptiert. 30 Minuten später hebt es den Alarm auf.

Am Ende bleibt die Frage: Wie viel Nutzen bringen solche Übungen für den Ernstfall? "Käme es zu einer Kernschmelze", sagt Christian Küppers, Experte für Nukleartechnik am Ökoinstitut in Darmstadt, "müsste man den gesamten Oberrhein evakuieren." Dafür würden die Kapazitäten nicht reichen. "Dennoch helfen solche Übungen natürlich", sagt er, "auch wenn sie nicht das Maximale an Szenarien ausschöpfen." Unter Druck müssen die richtigen Entscheidungen fallen, die Informationen müssen über die Grenze fließen. "Einfache Informationen müssen weitergegeben werden, die vor allem eines nicht tun: verharmlosend wirken."

Autor: Bärbel Nückles und Nicolas Scherger