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26. April 2016

Artjoms Unfall und andere schwere Schicksale

TSCHERNOBYL-JAHRESTAG: Die Ukraine-Hilfe vom S’Einlädele hilft Geschädigten des Atomunfalls und anderen Kranken, Alten, Straßenkindern / Zwei Elztäler aktiv.

  1. Im Café Satz: Artjom Bulakh, Volker Höhlein, Karl Burger, Hans-Peter Fischer (von links). Foto: Bernd Fackler

  2. Artjom nach seinem schweren Unfall als Zehnjähriger, 2004 mit Schwester Inger Kimmerle. Foto: Hans-Peter Fischer

FREIBURG/ELZTAL. Tschernobyl – seit nun einer Generation ein Schreckens- symbol für schlimme Folgen der Atomenergie. Heute vor 30 Jahren kam es dort zur Katastrophe. Halb Europa war wochenlang im Alarmzustand. Einige Südbadener, auch Elztäler, bekamen Jahre später mehr mit den Folgen von Tschernobyl zu tun, als sie sich an jenem 26. April 1996 vorstellen konnten: Sie halfen und helfen Menschen in der Ukraine. Solchen, die unter den Folgen des Reaktorunglücks leiden. Und vielen anderen. Denn die Not dort bleibt groß.

Im Café Satz im Stühlinger sitzen abends Volker Höhlein, Peter Behncke, Hans-Peter Fischer, Karl Burger und Artjom Bulakh. Volker Höhlein ist Geschäftsführer vom S’Einlädele. Der gemeinnützige (Second Hand)-Laden der Gesellschaft für Mission und Seelsorge an der Ecke Guntramstraße/Wannerstraße, gegenüber vom Café, ist eine christlich soziale Initiative, wurde 1991 gegründet; seit 2010 ist die Stadtmission Freiburg Träger. Dazu gehören das Café Satz mit Antiquariat und die Ukraine-Hilfe. Für diese und im S’Einlädele ist Peter Behncke einer der Aktiven. Auch Hans-Peter Fischer, Fotograf aus Elzach, engagiert sich für S’Einlädele seit langem, war schon mehrmals bei Reisen in die Ukraine dabei. Karl Burger aus Oberwinden, gebürtig aus Biederbach, ist seit zehn Jahren fürs S’Einlädele tätig, kümmert sich um die Finanzbuchhaltung und freut sich: "Auch aus jeder Elztalgemeinde sind schon Spenden gekommen."

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Der Jüngste am Tisch: Artjom Bulakh, gerade 23 geworden, Ukrainer. Sein bisheriges Leben ist ein Beispiel für die Verbindung von S’Einlädele und Ukraine. Am Anfang dieser Verbindung standen auch Tschernobyl und die Folgen, vieles andere kam hinzu. Artjom Bulakh ist kein Tschernobyl-Geschädigter. Aber seine Geschichte ist ebenfalls sehr hart. 12. Oktober 2003: Artjom ist zehn Jahre alt. Er spielt draußen, mit einem Freund. In einer unverschlossenen Trafostation wird Artjom ein 10 000-Volt-Stromschlag versetzt, der ihn fast umbringt. Die Ärzte geben ihm keine Überlebenschance, doch er schafft es. An den Spätfolgen – Verlust vom rechten Arm und Ohr, vernarbte Brandwunden im Gesicht und am Körper – leidet er heute noch.

Hans-Peter Fischer aus Elzach war mehrmals bei Hilfsfahrten des S’Einlädele (woraus sich ein Kiew-Team und daraus die heutige Ukraine-Hilfe entwickelte) dabei. Er erinnert sich an die erste Begegnung mit Artjom: "Uns wurden viele Schicksale erzählt. Aber als wir seine Geschichte hörten, wussten wir gleich: Da müssen wir hin und da müssen wir handeln." Sie fuhren hin zu ihm und seinen Großeltern nahe Kiew. Es war klar, dass Artjom sofort professionelle medizinische Hilfe braucht: Die offene Schädeldecke war bereits vereitert, würde sich entzünden. In der Ukraine war solche Hilfe nicht möglich. Also handelten sie. Und andere auch: Dank großzügiger Unterstützung zweier Professoren der Freiburger Uni-Klinik, die ihn ohne Honorar operierten und vieler Schwestern, die ihn über ihren normalen Dienst hinaus pflegten sowie vieler Spender konnte Artjom nach Freiburg geholt werden. "Nach diesen Operationen und dem halben Jahr danach war sichergestellt: Das Leben ist nicht mehr bedroht", so Peter Behncke. Gesund war Artjom aber längst nicht. Nachbehandlungen und viele weitere Operationen folgten, sowohl in der Ukraine wie hier in Freiburg – erst vor einem Jahr wieder, unter anderem an Ohr und Auge, er sah fast nichts mehr.

Ansonsten hat sich Artjom aber ins Leben zurückgekämpft, in Kiew sogar vier Semester studiert. Seine Hobbies: Musik hören und historische Bücher lesen. Seit Oktober ist er nun wieder in Freiburg. Diesmal aber nicht als Patient, sondern mit dem Europäischen Freiwilligendienst. Bis 30. September darf er somit bleiben. Noch länger nur, wenn er zum Beispiel eine Lehrstelle fände. Das täte er sehr gerne, zumal er schon recht gut Deutsch versteht, er lernt es auf der Volkshochschule. Im S’Einlädele, im Café Satz und dem zugehörigen Antiquariat arbeitet er schon ständig mit. Er zählt auch einige Berufe auf, die er sich vorstellen könnte, zu lernen: Alle Formen von Kaufmann (Büro, Einzelhandel, Spedition, Touristik etc.) oder auch etwas im Hotel- und Gaststättengewerbe. Zuhause, in der Ukraine, sei es mit Jobs "sehr schlecht für Behinderte", weiß Artjom. Volker Höhlein hofft: "Artjoms Geschichte ging hier vor zwölf Jahren los und geht zu einem guten Ende hoffentlich so weiter." Bei der ersten Begegnung hatte Artjom übrigens noch andere "Berufspläne": Als Schwester Inge Kimmerle damals den schwerverletzten Zehnjährigen fragte, was er denn werden will, blitzte es in seinem noch sehenden Auge und mit hintegründigem Schmunzeln sagte er: "Ich dachte schon, dass ich Präsident werden könnte." "Und was würdest Du als Erstes anpacken?" fragte sie weiter. "Als Erstes würde ich dafür sorgen, dass alle Kinder von der Straße wegkommen und ein neues Zuhause finden." Nun, vermutlich wäre es sehr gut, wenn Artjom Bulakh irgendwann noch ukrainischer Präsident würde...

Artjom ist ein Einzelschicksal, ein drastisches. Doch weiterhin gibt es allgemein viel Not in der Ukraine, fast 25 Jahre nach der Unabhängigkeit. Dazu kommt nun der Konflikt im Osten des Landes und die Krim-Annexion durch Russland. "Es sind in der Ukraine 1,5 Millionen Menschen auf der Flucht. Die wohnen alle irgendwo privat, so wie bei uns nach dem Zweiten Weltkrieg", so Volker Höhlein.

"Artjoms Geschichte ging hier vor zwölf Jahren los und geht zu einem guten Ende

hoffentlich so weiter.""

Volker Höhlein
Aber wie kam es nun eigentlich zu dieser Ukraine-Hilfe vom S’Einlädele? 1993 waren Ingenieure aus Kiew zur Fortbildung in Freiburg – und hatten eine Bitte: Bibeln in ihre Landessprache. Falls da jemand helfen kann, dann höchstens das S’Einlädele, hieß es. . Dessen Gründerin war Schwester Inge Kimmerle von der Evangelischen Stadtmission. Den Wunsch nach Bibeln konnte sie den ukrainischen Gästen erfüllen – und es gab dafür eine Einladung, nach Kiew. Drei Monate später waren Schwester Inge und ihre Begleiter on Kiew, um, wie gewünscht, modellhaft erstmals Religionsunterricht in einem Gymnasium zu geben. Was die Freiburger dort erlebten, führte schnell zur Gründung der Kiew- und Ukraine-Hilfe. "Bibeln sind wichtig, aber es reicht nicht" sagte die Schwester damals angesichts der geballten erschütternden Not, die man hautnah erlebte. Dazu gehörte, sieben Jahre nach Tschernobyl, auch die Begegnung mit vielen Kranken aufgrund der Reaktorkatastrophe. Schwester Inge und ihre Helfer begannen, in Freiburg zu sammeln – medizinisches Gerät, Medikamente, Geld, Kleider, Spielsachen und vieles mehr – und es in Kiew dort zu verteilen, wo es am nötigsten war. Und es war fast überall am nötigsten. Und ist es immer noch – obwohl im Lauf der Jahre über 35 Besuche unter Leitung Schwester Inges und weitere fst 30 ihres Nachfolgers Volker Höhlein, Geschäftsführer vom s’Einlädele,folgten, dazu etwa 150 Lkw-Transporte mit Hilfsmitteln aller Art.

Längst waren nicht nur Tschernobyl-Opfer die Zielgruppe, sondern auch viele andere Kranke, Alte, Waisen, Straßenkinder... Kiew blieb das Zentrum der Hilfe, doch wurde im Lauf der Zeit zum Beispiel auch außerhalb ein Bauernhof gekauft, wo Kinder, die niemanden haben, wohnen können und betreut werden. Eine weitere Anlaufstation für (Straßen-)Kinder ist das "Vaterhaus" in Kiew. In der Hauptstadt kommen zwei Krankenhäuser dazu, die unterstützt werden, ein weiteres in der Stadt Shitomir und ein Seniorenzentrum in Vatutino.

Trotz aller bitter nötigen materiellen Hilfe: Den Männern an dem Abend im Café Satz bleibt wichtig, was Schwester Inge einst zur Gründung des S’Einlädle veranlasste: "Die Sache mit Gott". Karl Burger: "Nach wie vor ist es ein Glaubenswerk". Hans-Peter Fischer: "Die zentralen christlichen Inhalte praktisch werden zu lassen – Gott bestätigt es dadurch, dass zum Beispiel Geld zusammenkommt. Vielleicht ist das Wichtigste überhaupt einfach das Gebet". Volker Höhlein: "Aus allem, was wir bekommen, versuchen wir, das Beste draus zu machen. Hinter jeder Sache steckt eine Berufung." Oder, wie’s im "S’Einlädele"-Prospekt heißt: "Brich dem Hungrigen Dein Brot und wenn Du einen ohne Obdach siehst, so führe ihn ins Haus..." (Jesaja 58,7).

Wie man helfen kann: Das "S’Einlädele" sammelt zum Beispiel Schulranzen für Kinder in Kiew. Auch gibt es ganzjährig eine Ukraine-Nothilfe. Man kann Lebensmittelpakete für Senioren packen und dort abgeben oder für zehn Euro Spende eines packen lassen. Das "S’Einlädele" und seine Projekte kann man natürlich auch unterstützen, indem man dort einkauft oder eigene Sachen zur Verfügung stellt. Das Café Satz kann gemietet werden e(Tel. 0761/156 157 60). Das Kiew Brass Quintett (Berufsmusiker aus der Ukraine) unterstützt das "S’Einlädele" mit Auftritten, war auch schon in Waldkirch auf dem Wochenmarkt. Spendenkonto "S’Einlädele": Sparkasse Freiburg IBAN DE 6805 0101 0002 0413 97. Internet: http://www.seinlaedele.de

Autor: Bernd Fackler