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11. Januar 2014

Ein schweres Stück Arbeit

BZ-INTERVIEW mit Prof. Claus-W. Wallesch zum Heilungsprozess nach schweren Hirnverletzungen und zur Reha in der BDH-Klinik.

  1. Verständigungstraining in der Frührehabilitation in der BDH-Klinik Elzach. Foto: Fotos: ZVG

  2. Professor Claus-W. Wallesch Foto: ZVG

ELZACH. Mit Sorge und Interesse verfolgen derzeit die Fans von Michael Schumacher dessen Gesundheitszustand nach dem schweren Skiunfall. Medizinische Laien wissen die Situation kaum einzuschätzen. Sie fragen sich auch nach Möglichkeiten und Grenzen der Medizin nach solchen schweren Kopfverletzungen. BZ-Redakteurin Sylvia Timm befragte dazu Prof. Claus-W. Wallesch, Ärztlicher Direktor der BDH-Klinik in Elzach, die sich auf neurologische Rehabilitation spezialisiert hat.

BZ: Immer wieder hört man, dass nach schweren Kopfverletzungen infolge von Unfällen Patienten in ein künstliches Koma versetzt werden. Warum tut man dies?
Prof. Wallesch: Wie jedes andere Gewebe schwillt das Gehirn nach Gewalteinwirkung an. Im knöchernen Schädel ist aber nur begrenzt Platz, sodass es zum Druckanstieg und damit zur Minderdurchblutung kommt. Das Koma soll reizbedingte Blutdruckspitzen verhindern, den Gehirnstoffwechsel vermindern und gegebenenfalls eine Kühlung des Gehirns überhaupt erst ermöglichen.

BZ: Wie unterscheidet sich das künstliche Koma von einem natürlichen? Wie lange dauert so etwas? Können die Ärzte das künstliche Koma wirklich quasi per Knopfdruck beenden?

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Prof. Wallesch: Ein Koma ist immer ein naturwidriger Zustand, in dem der Betroffene keinerlei gerichtete Reaktionen aufweist. Im Fall des künstlichen Komas wird dieser Zustand durch starke Beruhigungsmittel hervorgerufen. Für einige dieser Medikamente gibt es tatsächlich Wirkstoffe, die zu raschem Erwachen führen. Diese wird man aber in der Aufwachsituation nach Hirnverletzung nicht anwenden, sondern beim langsamen Erwachen den Hirndruck und neurologische Funktionen ständig kontrollieren und bei Komplikationen den Aufwachversuch abbrechen.

BZ: Sie behandeln in Elzach neben vielen Schlaganfallpatienten auch viele Patienten mit schweren Kopfverletzungen nach Rad-, Motorrad-, Ski- oder Autounfällen. Trügt der Eindruck oder hat die Zahl solcher Unfälle durch verändertes Freizeitverhalten in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen?
Prof. Wallesch: Die Zahl der Verkehrsunfälle nimmt seit über 20 Jahren stetig ab und ihre Folgen sind wegen Knautschzonen, Sicherheitsgurt und Airbags deutlich weniger schwer. Für Motorradfahrer gibt es eine Helmpflicht, Fahrradfahrern und Skifahrern wird das Tragen von Helmen dringend empfohlen. Unfälle beim Freizeitsport nehmen möglicherweise zu, mir sind aber keine separaten Statistiken bekannt.

BZ: Wie regenerierungsfähig ist ein Gehirn nach schweren Verletzungen? Welche Faktoren wirken dabei im Körper selbst?
Prof. Wallesch: Untergegangene Hirnzellen werden nicht ersetzt, der Anteil von Stammzellen an der Heilung ist minimal. Die Folgen von Hirnschwellung und Hirndruck lassen sich durch optimale Behandlung minimieren, auch Blutungen führen häufig nur zu vorübergehenden Schäden. Zudem ist das Hirn ein lernfähiges Organ. Die Prognose richtet sich nach Ausmaß und Muster der erlittenen bleibenden Schäden und den individuellen Ressourcen zur Kompensation. Neurologische Rehabilitation ist Arbeit des Betroffenen, zu der wir Hilfestellungen leisten.

BZ: Wenn ein Patient aus dem Koma erwacht, beginnt wohl in vielerlei Hinsicht erst seine und Ihre Arbeit am weiteren Genesen. Welche therapeutischen Möglichkeiten stehen in der BDH-Klinik für die Behandlung von schweren neurologischen Schäden zur Verfügung?
Prof. Wallesch: Am Beginn der Behandlung steht häufig die Entwöhnung von der Beatmung und der Tracheal-Kanüle. Von Anfang an zielt die Behandlung darauf, die Kooperation des Patienten zu gewinnen und zu verbessern. Hierbei spielt die Pflegetherapie, in der die BDH-Klinik eine Vorreiterrolle übernommen hat ("Elzacher Katalog"), eine herausragende Rolle. Durch Mitwirkung an Pflegehandlungen, zum Beispiel der Körperpflege, kann die Aufmerksamkeit des Betroffenen geweckt, gerichtet und gebunden werden, was eine Voraussetzung für die Mitarbeit in Therapien ist. Im Weiteren kommen verschiedene therapeutische Berufsgruppen im Rahmen eines auf die individuellen Bedürfnisse zusammengestellten therapeutischen Teams zum Einsatz – Physio- und Ergotherapeuten, Sprach- und Schlucktherapeuten, Neuropsychologen, Heilpädagogen und Kunsttherapeuten. Die Entlassung aus der Klinik bereiten Pflegeüberleitung und Sozialdienst vor. Insgesamt hat die BDH-Klinik für 190 Patienten über 400 Mitarbeiter. In der neurologischen Rehabilitation wird moderne Technik angewendet, wie Computerarbeitsplätze zum Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungstraining, Therapieroboter zum Training von Arm- und Handfunktionen sowie die Elektrostimulation der Hirnrinde.

BZ: Wie lange sind solche Patienten üblicherweise bei Ihnen in Behandlung? Werden die meisten gesund nach Hause entlassen oder müssen sie mit lebenslangen Einschränkungen rechnen?
Prof. Wallesch: In der BDH-Klinik werden zum Beispiel auch Schlaganfallpatienten behandelt, bei denen die Behandlung auf der Schlaganfallspezialstation (Stroke Unit) erfolgreich war, und die nach zwei bis drei Wochen gesund nach Hause gehen und häufig nach drei bis sechs Monaten sogar wieder einen Pkw führen dürfen. Andere Patienten kommen komatös oder im Wachkoma mit teilweise entfernter Schädeldecke zur Aufnahme. In solchen schweren Fällen kann die Behandlung im Frührehabereich der Klinik bis zu sechs Monaten dauern. Im Rehabereich werden Verlängerungen von den Krankenkassen oder der Rentenversicherung genehmigt, solange die Rehabilitation alltags- oder berufsrelevante Erfolge verspricht, auch hier sind monatelange Behandlungen möglich.

BZ: Wie helfen Sie den Patienten und ihren Angehörigen, psychisch mit dieser Situation fertig zu werden?
Prof. Wallesch: Neben ärztlichen Gesprächen bieten wir psychotherapeutische Hilfe für Patienten sowie seelsorgerische Betreuung für Patienten und Angehörige an. Unsere Klinikkapelle ist ein Raum, um zur Ruhe zu kommen. Eine besondere Bedeutung kommt unserem Besuchsdienst zu, dessen Mitglieder ein offenes Ohr und viele Hilfen anbieten.

BZ: Und wie geht es für die Patienten nach der Rehabilitation in der BDH-Klinik weiter?

Prof. Wallesch: Rehabilitation endet nicht an der Kliniktür. Die Fortsetzung der Rehabilitation durch ambulante Therapieangebote ist genauso wichtig wie begleitende Beratungs- und Betreuungsangebote. Denn nach der Entlassung aus der Rehabilitation stellen viele Betroffene fest, dass sie in ihrer gesellschaftlichen, beruflichen und schulischen Teilhabe und Integration beeinträchtigt sind und werden. Hier setzt sich der BDH-Bundesverband Rehabilitation, Träger unserer Klinik, als Sozialverband für die Belange Hirnverletzter ein und hilft und berät auch individuell. Der BDH-Kreisverband Freiburg ist über die BDH-Klinik-Elzach erreichbar.

In einer wichtigen Resolution hat übrigens die Arbeitsgemeinschaft "Teilhabe Rehabilitation, Nachsorge und Integration nach Schädelhirnverletzung" unter dem Titel "Hirnverletzung – Die stille Epidemie" kürzlich auf die ungeheure gesellschaftliche Bedeutung einer angemessenen Inklusion von Schädel-Hirn-Verletzten hingewiesen.

ZUR PERSON: CLAUS-W. WALLESCH

Prof. Dr. Claus-W. Wallesch, geboren 1953, Promotion in Mannheim über Hirnverletzungen bei Kindern, Facharztausbildung Neurologie in Ulm und Freiburg, Heisenberg-Stipendium1986-1989, danach Oberarzt an der Neurologischen Universitätsklinik Freiburg, Stiftungsprofessur in Freiburg 1992-1994, 1994-2008 Direktor der Neurologischen Universitätsklinik Magdeburg, seit 2008 Ärztlicher Direktor der BDH-Klinik Elzach. Mitglied im BDH-Bundesverband Rehabilitation, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurorehabilitation. Mitherausgeber der Bandes "Neurotraumatologie", Thieme, Stuttgart 2005.  

Autor: sti

Autor: sti