Naturschutz

Wie das Dorf Yach dem Auerhuhn hilft

Wulf Rüskamp

Von Wulf Rüskamp

Fr, 29. Juli 2011

Elzach

Die Wald- und Wiesenpfleger: Mit Hilfe der Europäischen Union kümmert sich das Dorf Yach, ein Ortsteil von Elzach, um den Naturschutz und verbessert die Lebensräume fürs Auerhuhn.

"Wenn wir nichts machen, dann beginnt der Wald bald am Parkplatz gegenüber vom Rathaus." Josef Wernet, der 58-jährige Ortsvorsteher von Yach, einem der drei Ortsteile von Elzach, kennt diese Zwangsläufigkeit. Denn er hat das Wuchern des Waldes in diesem kleinen Seitental des Elztals seit seinen Kindertagen verfolgen können. Er erinnert sich gut an die Zeit, als noch weit oben am Waldrand die Hirtenjungen auf das Vieh aufpassten. Damals zogen sich die Wiesen und Weiden hoch hinauf an den Abhängen des Rohrhardsbergs. Darunter lagen Äcker für Korn, für Kartoffel oder Erdäpfel, wie man hier sagt.

Eine mühselige Arbeit war das auf den steilen Hängen. "Eine Woche haben wir gebraucht, bis wir die Erdäpfel aus dem Acker hatten", berichtet Lioba Disch, die Bäuerin vom Schneiderhof. Fünf Frauen halfen mit, trotzdem ging es nicht schneller: Nur Handarbeit, an Maschineneinsatz war nicht zu denken. Irgendwann hat sich das nicht mehr gelohnt. Die Äcker wurden in Viehweiden verwandelt, die oberen Weiden zunehmend aufgegeben, denn so viel Vieh stand nicht mehr in den Ställen. Die meisten der einst rund 40 selbstständigen Höfe im Tal wurden zu Nebenerwerbsbetrieben. So erhielt der Wald Platz und wanderte den Rohrhardsberg hinunter ins Tal des Yachbachs.

Diese Entwicklung droht in den meisten Tälern des Schwarzwalds – der Rückzug der Landwirtschaft, die Ausdehnung der Wälder, der Wandel des Dorfes. Im 1000 Einwohner zählenden Dorf Yach hat man sie zu bremsen versucht, und zwar mit Hilfe der EU und weiteren 15 Partnern, vom Landratsamt Schwarzwald-Baar über den Landschaftserhaltungsverband Emmendingen bis zum Schwarzwaldverein. Dem Rohrhardsberg war in den vergangenen fünf Jahren ein Life-Projekt gewidmet; Ähnliches gab es vor einigen Jahren im Oberen Hotzenwald. Life – das ist hier kein englisches Wort, sondern eine Abkürzung aus dem Französischen: l’instrument finançier pour l’environment, zu Deutsch Etat für Umwelthilfen. Dessen Geld ist zur Erhaltung europäischer Schutzgebiete vorgesehen, die zum "Natura-2000-Netz" gehören. So auch eben das 6000 Hektar große Gebiet rund um den Rohrhardsberg: Auf dessen Höhen sind rund 20 Auerhühner unterwegs, dort wachsen auf den verbliebenen Bergwiesen das Holunderknabenkraut und eine Orchidee, um nur drei Beispiele schützenswerter Tiere und Pflanzenarten zu nennen.

Die Vesperstube im Schneiderhof ist an diesem Nachmittag leer. Der Kachelofen, die Holzmöbel, alles wirkt neu. Hubertus Disch und seine Frau bieten Ferien auf dem Bauernhof an, und am Wochenende ist die Stube voll mit Wanderern. Für Josef Wernet ein Vorzeigemodell, wie es mit Yach und seinen Bauern weitergehen könnte: Wald- und Weidewirtschaft verbunden mit Tourismus.

Wenn Wernet über Life spricht, dann weniger über die Auerhühner oben in den Kammlagen als über die Menschen unten im Tal. Er hat gesehen, wie sich die Landwirtschaft in den vergangenen 50 Jahren verändert hat und mit ihr das Bild der Tallandschaft, das Dorf. Doch Wernet redet nicht von Verlust, sondern von der Zukunft der Gemeinde, von der wichtigen Aufgabe, die jungen Leute im Dorf zu halten. Er hat viele Ideen, doch er hütet sich davor, sie seinen Bürgern zu verordnen. "In Yach brauchten wir nicht erst die Erfahrungen von Stuttgart 21, um mit den Bürgern ins Gespräch zu kommen." Das war in Yach schon seit längerem üblich.

Wernet denkt an Landschaftskonzepte, die in Prozessen mit den Dorfbewohnern zu entwickeln sind. Es geht um den Gemeinschaftsgeist, es geht um die Identität Yachs und seines Tals, um wirtschaftliche Chancen in Tourismus und Landwirtschaft.

In Yach begegnet man wie anderswo auch neuen Ideen erst einmal skeptisch oder gar abwehrend. Bernhard Disch, der Besitzer des Fischerhofs, war wie die meisten seiner Kollegen nicht beglückt, als 1994 großflächig Naturschutzgebiete am Rohrhardsberg ausgewiesen wurden. "Das ist uns Bauern übergestülpt worden. Und es war falsch, dass die Naturschutzbehörde nicht zuerst mit uns, den Eigentümern des Walds und der Wiesen, geredet hat, sondern mit der Gemeinde." Plötzlich mussten sie strenge naturschutzrechtliche Auflagen für ihren Wald beachten, festgehalten in Pflichtenheften, ohne dass es dafür zum Ausgleich Geld gab. Dabei lohnte sich im Tal eigentlich nur noch eine rein nach ökonomischen Kriterien betriebene Waldwirtschaft – Ackerbau oder Milchvieh gehört weithin der Vergangenheit an.

Bernhard Disch hat nicht nur seinen Frieden mit dem Naturschutz gemacht, dieser ist inzwischen seine Haupterwerbsquelle. Im Auftrag der Naturschützer im Regierungspräsidium Freiburg pflegt er die Landschaft – die landwirtschaftliche Produktion auf dem Hof hat er dafür aufgegeben.

Heute steht er an einem Hang im Gewann Hohenstein mitten im Naturschutzgebiet. Hier war früher einmal eine Weide, die aber wild zugewuchert ist mit Birken, Buchen, Fichten. Die liefern keine Stämme, die man dem Sägewerk verkaufen könnte: Alles ist krumm und schief gewachsen. Das tauge nur für Brennholz, sagt Disch. Brennholz ist zwar gefragt – doch rechnet man den Arbeitsaufwand fürs Herrichten des Holzes ein, verdiene man nicht viel daran.

Disch lichtet den Hang mit einem Mitarbeiter aus, lässt nur vereinzelt Bäume stehen – genau nach den Vorgaben des Naturschutzes, der sich hier ein neues Biotop erhofft. Die Arbeit wird über Fünf-Jahres-Verträge geregelt und mit EU-Zuschüssen finanziert. Sie sichern Disch ein geregeltes, marktunabhängiges Einkommen. Das hat Vorteile (wobei freilich alle fünf Jahre neu verhandelt werden muss). Der ehemalige Waldbauer Disch weiß natürlich auch, dass sich mit Holz derzeit noch besser Geld verdienen lässt. Doch er ist zufrieden: "Ich komme mit den Naturschutzvertretern gut klar." Der Laie wundert sich freilich, dass die an dem brachial in den Hang getriebenen Wirtschaftsweg keinen Anstoß nehmen. "Aber ohne solche Wege wäre überhaupt nichts zu machen in diesen Steillagen", sagt Wernet.

An den Hängen rund um den Dorfteil Vorderzinken ist deutlich zu erkennen, was sich mit Life verändert hat. 1,9 Millionen Euro für fünf Jahre scheinen nicht viel Geld. "Im Naturschutz kann man damit aber viel anfangen", sagt Bernd-Jürgen Seitz, der von der Naturschutzabteilung des Freiburger Regierungspräsidiums aus das Projekt gemanagt hat.

Flächen wurden von Wald befreit, auf denen nun Ziegen, Schafe, Kühe weiden. Sie sorgen dafür, dass der Borstgrasrasen wieder wächst – solche mageren Grasflächen hat die EU als vordringlich zu schützende Lebensräume gerade in steilen Lagen benannt. Deren reicher Tier- und Pflanzenbestand hätte im dichten Wald keine Überlebenschancen.

Anfangs reagierten

die Bauern skeptisch.

Vor allem die Ziegen fressen alle Triebe von Bäumen und Sträuchern radikal weg, selbst der Ginster schmeckt ihnen. Nur ein Kraut überlebt – der Adlerfarn. Das Problem, sagt Wernet, gab es auf den Weiden immer. So müssen die Bauern mit Mähgeräten, manchmal auch per Handmäher, über die Weiden gehen und selbst den Farn beseitigen. Eine dauerhafte Lösung außer Ausreißen gibt es freilich nicht: Dunkelgrün leuchten die Farnfelder auf vielen Weiden.

Im Rahmen von Life wurden die Bauern intensiv beraten, um ihnen den Weg zu einer auch wirtschaftlich sinnvollen naturschutzorientierten Viehhaltung zu zeigen. Offenhaltung der Landschaft, sagt Seitz, war eines der Hauptthemen des Projekts. Das galt auch für die Hochlagen im Naturschutzgebiet, um dort den Artenreichtum zu erhalten und zu vermehren. Vor allem für das Auerhuhn wurde der Wald mancherorts ausgelichtet, um optimale Lebensräume zu schaffen – der Vogel mag das dunkle Dickicht nicht, weil dort seine Lieblingsspeise, die Heidelbeere, nicht mehr wächst.

Der 1151 Meter hohe Rohrhardsberg gilt als wichtiges Bindeglied zwischen den großen Auerhuhngebieten am Feldberg und im nördlichen Schwarzwald. Ob er schon mal eines der scheuen Tiere dort oben gesehen hat? Wernet schüttelt den Kopf. Aber er weiß von seiner Mutter zu erzählen, die während der Heidelbeerernte von einem offenbar futterneidischen Auerhahn angegriffen worden sei.

Schon in früheren Naturschutzprojekten waren Wanderwege und Loipe so verlegt worden, dass sie die Auerhühner nicht stören. Jetzt wurden neue, thematisch gegliederte Wanderwege um Yach herum angelegt, darunter der Brotweg. Der verspricht den Wanderern in der Tat Brot: Man kann bei einigen Höfen das dort frischgebackene Brot probieren.

Zum Wanderprogramm gehören zudem ehrenamtliche Führer, die sich speziell im Naturschutz auskennen. 23 Yacher haben sich dafür ausbilden lassen. Dahinter steht, neben der Erläuterung der landschaftlichen Schönheiten, der pädagogische Gedanke, dass Natur und Naturschutz den Menschen erklärt werden müssen, um die daraus folgenden Einschränkungen zu verstehen und zu akzeptieren.

Das ist dann wieder ganz auf der Wellenlinie Wernets, der selbstverständlich einer dieser ehrenamtlichen Naturführer ist: "Man muss mit den Leuten reden." Life, sagt er, habe dem Dorf viel gebracht, an landwirtschaftlichen Zukunftsperspektiven, an touristischer Attraktivität – und habe letztlich allen verdeutlicht, wie wertvoll die umgebende Landschaft ist. Umgekehrt habe die gelebte Dorfgemeinschaft das Projekt auch vorangebracht: Ein Dorf setzt sich gegen einen Wandel, der zunächst für ein Naturgesetz gehalten wird, zur Wehr und gibt sich eigene Ziele. Dazu wurde vor mehr als zehn Jahren eine Zukunftswerkstatt gegründet, nun soll es eine Neuauflage geben, die bis 2026 vorausdenkt.

Wernet setzt darauf, das Life nicht das letzte Wort zum Naturschutz in und um Yach gewesen ist. Er hofft, dass für den Erhalt der Kultur- und Naturlandschaft weiter Hilfe aus dem Regierungspräsidium kommt, damit das, was in fünf Jahren erreicht worden ist, nicht verloren geht. Aber das Dorf hilft sich auch selbst, beispielsweise einmal im Jahr mit einem Landschaftspflegetag, bei dem Hunderte von Freiwilligen nicht nur aus dem Dorf zugewachsene Bachläufe freischlagen, Trockenmauern von Bewuchs befreien oder beim Ausholzen helfen.

Besonderes Augenmerk gilt aber der nach oben verschobenen Waldgrenze. Denn wenn man ihn nicht aufhält, dann kommt der Wald binnen weniger Jahre wieder zurück – und wandert weiter bis vors Rathaus von Yach.

Der Abschluss des Life-Projekts Rohrhardsberg fällt zusammen mit dem elften Yacher Dorffest vom 29. Juli bis 1. August. Am Samstag findet ein Symposium (ab 13 Uhr) statt, in dem Bilanz gezogen wird.