Ausbrechen aus der Enge

Georg Voß

Von Georg Voß

Di, 06. März 2018

Emmendingen

Mehr als 100 Besucher bei der Eröffnung "Ins Offene" der Jahresausstellung Emmendinger Künstler im Rathausfoyer.

EMMENDINGEN. Mehr als 100 Besucher waren am Sonntag zur Eröffnung der Jahresausstellung Emmendinger Künstler ins Rathausfoyer gekommen. Unter dem Thema "Ins Offene" sind dort Werke von zwölf Künstlerinnen und Künstler zu sehen, Gemälde, Collagen, Fotografien und Skulpturen. Dennoch gibt es genügend Luft und Platz zum Atmen beim Betrachten der Bilder.

Die Jahresausstellung wurde konzipiert und organisiert vom Kulturkreis in Zusammenarbeit mit der Stadt. Oberbürgermeister Stefan Schlatterer wies auf die lange Tradition der Ausstellung hin, die 1989 noch im alten VHS-Gebäude startete. "Die Jahresausstellung ist etwas ganz Besonderes", ergänzt er. Hier werde präsentiert, was es an Kunst in Emmendingen gebe. Es ist nur ein kleiner Ausschnitt: 31 Bewerbungen gab es für diese Ausstellung, wovon zwölf Künstler ausgewählt wurden. Ebenso gab es eine lange Themenliste. Die Ideen sind am offenen Kunststammtisch entstanden. Schließlich wurde "Ins Offene" gewählt.

Kulturwissenschaftlerin Paula Seeger veranschaulichte das. "Ins Offene" zeige Bewegung und eine Richtung an. Der Blick sei in die Zukunft gerichtet, alles sei offen und Neues, Ungeplantes könne entstehen. Als Vorlage dienten auch zwei Texte. "Der Gang aufs Land" von Friedrich Hölderlin will die Enge des Denkens überwinden und der Roman "Ins Offene" von Karl-Heinz Ott zielt auf die Befreiung aus familiärer und persönlicher Enge. Mit der Befreiung aus der Enge des Denkens sind Selbstverwirklichung und Selbstausdruck verbunden. Teilweise ist es ein Kampf, mit Scheitern verbunden, mit Unvorhergesehenem und Unkalkulierbarem. "Entwicklung ist aber erst möglich, wenn man offen ist", so Seeger. Auch mit der Gefahr, dass etwas offen bleibe.

Für Lydia Leigh Clarke kann, wie in ihrem Bild "Totes Tier", das ein abgelegtes Gehäuse mit blauem Hintergrund zeigt, "Ins Offene" bedeuten, "aus einer räumlichen oder körperlichen Enge auszubrechen Der Übergang des Körpers zwischen Leben und Sterben gehört dazu".

Öffnung nach außen bedeutet auch, aus der einengenden und einschränkenden Kindheit zu entfliehen, wie es bei Hanne Günther der Fall war. Sie kann selbst "bei der ungegenständlichen Darstellungsweise den Aspekt der Befreiung und die Dynamik der Öffnung ins Bild bringen." In ihrem Werk ist eine Art Strich-Code im Auflösen begriffen und öffnet den Raum ins Dreidimensionale.

Peter Haucks Holzskulpturen sind nicht zum Thema entstanden. Dennoch bieten sie Durch-, Ein- und Ausblicke ins Offene, insbesondere eine Skulptur, die einer Harfe ähnelt. Für Katharina Hoehler sind Wechsel und Veränderung Schwerpunkte ihrer Arbeit. Ihre beiden Collagen öffnen den Raum, verbergen aber durch das Übermalen und Collagieren etwas. So gibt es immer etwas Neues zu entdecken. Bei den Fotografien von Alex Jung wird die Wirklichkeit wie in "Reflex Budapest" transformiert. Es ist ein indirekter Blick. Ein Gebäude spiegelt sich in den Fassaden wider, wird durch Streben unterbrochen und erzeugt ein "windschiefes" Gebilde, das in sich aber harmonisch wirkt.

Während Beate Neumann mit ihren drei Holzskulpturen dem Betrachter ebenfalls Einblick – Ausblick – Durchblick gewährt, bietet Nadja Stolps Arbeit aus Speckstein einen Durchbruch durch das einst so feste Material. Das eigene Leben wird durchbrochen; wohin der Weg geht, bleibt offen. Die beiden Gemälde von Lilli Röckle in Blaugrün und Türkis laden durch den kräftigen Farbauftrag ein, in das Bild einzutauchen. Im Kontrast dazu stehen bei Birgit Straubs Malerei wieder das Ungewisse und Unplanbare im Vordergrund. Einen anderen Blick ins Offene zeigt Wolfgang Straube mit seinen beiden Fotografien, die die Illusion eines Ganzen erzeugen und Geschichten erzählen, aber fließende Übergänge sind. "Ins Offene" bedeutet für Julia von Troschke, Sicherheiten, Bekanntes und Vertrautes zurückzulassen, um neue Horizonte zu suchen, Neues anzufangen oder sich neu zu erfinden. Es ist ein Wagnis; Scheitern ist möglich. In "Leitkultur" ist das programmiert, da sich eine Person von zwei weiteren abwendet und quasi aus dem Bild marschiert. In Waltraud Wengerts Bilder zeigt sich Verlorenheit insbesondere bei einem Mann, der einsam und nachdenklich am Tisch sitzt.

Musikalisch umrahmt wurde die Ausstellungseröffnung durch Stephen Altoft an der Trompete und Lena Gersbacher an der Oboe mit klassischer und experimenteller Musik, die ebenso wie die Kunstwerke den Weg in das Offene finden.

Info: "Ins Offene" im Foyer des Rathauses bis zum 6. April. Geöffnet Mo, Di 8 bis 16, Mi 8 bis 14, Do 8 bis 19, Fr 8 bis 15 Uhr.

Aussteller: Lydia Leigh Clarke, Hanne Günther, Peter Hauck, Katharina Hoehler, Alex Jung, Beate Neumann, Lilli Röckle, Nadja Stolp, Birgit Straub, Wolfgang Straube, Julia von Troschke und Waltraud Wengert.