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28. Oktober 2017

Der Krieg der kleinen Leute

Tagebücher des DTA liefern die Quellen für die "Verborgene Chronik" des Ersten Weltkrieges.

  1. 110 Tagebücher aus dem Emmendinger Archiv sind Basis für das Buchprojekt „Verborgene Chronik“: Wolfgang Hörner vom Berliner Galiani Verlag und Autor Herbert Kapfer (Mitte), im Gespräch mit DTA-Mitarbeiterin Jutta Jäger-Schenk (links) und der DTA-Vorsitzenden Marlen Kayen (rechts). Foto: Gerhard Walser

  2. Das Kriegsgrauen in Tagebuchform. Foto: Gerhard Walser

  3. Mehr als 800 Seiten stark, der 2. Band der „Verborgenen Chronik“. Foto: Gerhard Walser

  4. Mehr als 800 Seiten stark, der 2. Band der „Verborgenen Chronik“. Foto: Gerhard Walser

EMMENDINGEN. Es sind Auszüge aus privaten Tagebüchern einfacher Menschen, die das Grauen des Ersten Weltkrieges erlebt und geschildert haben. Sie zeichnen als "Verborgene Chronik" ein eindrucksvolles und vielstimmiges Bild der Zeit zwischen 1914 und 1918 aus der Feder von Soldaten, Offizieren, Feldgeistlichen und Lazarettpersonal, aber auch von Zivilpersonen. Bis auf eines stammen die 110 ausgewerteten Tagebücher allesamt aus dem Bestand des Emmendinger Tagebucharchivs. Verlag und Autoren präsentierten ihre Arbeit nun im Alten Rathaus.

Aus den riesigen Materialbergen ein Buch zu bündeln, das sich auch noch spannend liest, das war nicht nur für Wolfgang Hörner und Lisbeth Exner eine große Herausforderung. Die beiden Autoren des mehr als 800 Seiten starken Werks erhielten den Auftrag vom Galiani-Verlag. Dessen Programmleiter Wolfgang Hörner hatte 2012 am Rande des Berliner Literaturfests von der Emmendinger Fundgrube an Zeitzeugen-Darstellungen erfahren und sich das Archiv einmal näher angeschaut. Hörners Idee: zum 100. Jahrestag des Kriegsbeginns eine Chronik aus DTA-Dokumenten zu erstellen.

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Im DTA wurde unter Leitung von Jutta Jäger Schenk eine Projektgruppe gegründet, die sich zwei Jahre daran machte, unzählige Tagebücher der Kriegsjahre 1914-1918 zu erschließen, zu sichten und zu transkribieren. "Es taten sich plötzlich wahre Schätze auf", berichtet die DTA-Mitarbeiterin. Hauptziel war zunächst eine Broschüre in Kooperation mit den europäischen Partnerarchiven, die dann auch bei den gemeinsamen Autobiografietagen präsentiert wurde. Doch die monatelange und mühevolle Vorarbeit bot dann auch die willkommene Grundlage für die "Verborgene Chronik". Und sie sorgte gleich noch für einen Nebeneffekt, wie die DTA-Vorsitzende Marlene Kayen berichtet: Das Archiv verbesserte seine technischen Möglichkeiten zur Datenbankrecherche.

Exner und Kapfer erhielten Kopien und Scans sämtlicher relevanter Texte, manche transkribiert, andere noch im Originalzustand, fast unleserlich oder mit Bleistift in Sütterlinschrift geschrieben. Es galt, eine Auswahl zu treffen. Der Zeitaufwand war enorm, "irrsinnig", wie es Wolfgang Hörner formuliert. Vor allem Lisbeth Exner, freie Autorin, arbeitete fast täglich an dem ehrgeizigen Projekt. Insgesamt fünf Jahre, so lange, wie auch der Erste Weltkrieg dauerte. Entstanden ist eine packende Collage aus Tagebuchaufzeichnungen ausgewählter Autoren. Die Verfasser sind, wie schon beim ersten Band über das Kriegsjahr 1914, chronologisch vorgegangen. "Pro Tag ein Bild, ein Gefühl, das ist genug", sagt Herbert Kapfer. Die Protagonisten wechseln dabei ständig, tauchen aber immer mal wieder auf mit Bemerkungen über den Kriegsverlauf. "Das macht die Sache so lebendig, die Figuren wachsen einem bei der Lektüre ans Herz", so Wolfgang Hörner. Es ist kein Geschichtsbuch, obwohl eine Zeittafel im Anhang auch für die militärischen und politischen Hintergründe informiert, eher eine Erzählung, zusammengestellt aus verschiedenen Lebensgeschichten – "eine multiperspektivische Montage" nennt das Herbert Kapfer, im Hauptberuf Leiter der Sparte Hörspiel und Medienkunst beim Bayrischen Rundfunk. "In aller Ausschnitthaftigkeit nehmen die Tagebuchschreiber großes Geschehen wahr, das macht den besonderen Wert des Materials aus".

Nicht jeder der Kriegsteilnehmer formuliert gleich anschaulich und pointiert, manche Aufzeichnung ist "zäher Lesestoff", gibt Kapfer zu. In erster Linie schrieben die Autoren für sich oder ihre Angehörigen, nicht um 100 Jahre später in einem Buch veröffentlicht zu werden. Doch auch von schwachen Texten wirken in der Montage einzelne Sätze und Aussagen zu im Kriegsalltag erlebten Situationen. Die Niederschriften sind oft schonungslos ehrlich und schockierend, schildern die Euphorie der Anfangsjahre oder die Unzufriedenheit mit dem Kriegsverlauf und selbst Erschießungen der Zivilbevölkerungen werden erwähnt. Ungefiltert: "Auch chauvinistische oder rassistische Äußerungen sind dabei", so Kapfer.

"Wir haben etwas gemacht, was es so noch nie gab und das Jahrzehnte Gültigkeit haben wird", sagt Wolfgang Hörner.

Lisbeth Exner, Herbert Kapfer: Verborgene Chronik. 1915-18. Herausgegeben vom Deutschen Tagebucharchiv. Galiani Verlag, Berlin 2017. 816 Seiten, 38 Euro. Auch als Hörbuch im Hörverlag erschienen.

Autor: Gerhard Walser