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06. Februar 2009
Gleichgültigkeit verhindert angemessene Aufarbeitung
Der Buch- und Filmautor Roman Grafe diskutiert mit Emmendinger Oberstufenschülern über die Geschichte der früheren DDR
EMMENDINGEN. Der Buch- und Filmautor Roman Grafe besuchte auf Einladung des Bildungswerkes Freiburg der Konrad-Adenauer-Stiftung das Goethe-Gymnasium in Emmendingen. Etwa 70 Oberstufenschüler sahen seinen Film "Eingeschlossen– abgeriegelt. Die Grenze durch Deutschland 1945–1990" und diskutierten anschließend mit dem Journalisten über die Geschichte der DDR.
"Es war ein seltsames Gefühl über jenen Zaun zu springen, der eigentlich das Ende der Welt war", so berichtet ein DDR-Flüchtling von seiner Flucht in die Bundesrepublik. Der junge Mann stammt aus dem kleinen Dorf Probstzella im Süden Thüringens, an dessen Beispiel Roman Grafe in seinem Buch "Die Grenze durch Deutschland" die Geschichte der deutschen Teilung nachzeichnet. Im gleichnamigen Film, den die Emmendinger Gymnasiasten sahen, zeigt Grafe historisch genau die Verfestigung der Demarkationslinie zwischen den Besatzungszonen von 1945 zum verminten Todesstreifen, an dem Grenzsoldaten mit Schießbefehl Wache hielten. Als "befestigte Westgrenze" und "antifaschistischer Schutzwall" wurde die Mauer als Grenze zugleich zum ideologischen Zentrum der DDR. So wurden diktatorische Maßnahmen wie die Zwangsaussiedlungen von rund 50 000 Menschen aus dem Grenzgebiet unter den Titeln "Ungeziefer" (1952) und "Kornblume" (1961) gerechtfertigt.
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Roman Grafe verbindet seine Chronik der Teilung sensibel mit den Schicksalen der Einwohner Probstzellas. Er berichtet von den Folgen der gegenseitigen Bespitzelung, von der Resignation und Ohnmacht gegenüber dem Unrechtsstaat und zahlreichen miss- und gelungenen Fluchtversuchen über die Grenze am Rande des Dorfes. Am Ende steht die Erinnerung an die Opfer des Todesstreifens, die in der ersten Euphorie des Mauerfalls nahezu keinen Raum fand oder gar bewusst verdrängt wurde.
Bewegt von diesem eindrücklichem Dokument deutsch-deutscher Geschichte diskutierten die Schüler mit Roman Grafe. Hierbei vertrat der in der DDR aufgewachsene und 1989 legal ausgereiste Autor eindeutige Positionen: Die Sicht auf die DDR sei heute oft verklärt und die Verharmlosung der Diktatur ein Teil aktueller Politik. Dabei setze sich das gleichzeitige Wissen und Schweigen über die Todesfälle an der Mauer, das schon damals üblich gewesen sei, nahtlos fort. Dass lediglich 31 Verantwortliche für mehr als 1000 Tötungen an der Mauer zu vergleichsweise milden Haftstrafen verurteilt wurden, empfindet Grafe als tiefes Unrecht. Wie schwierig es auch heute noch ist, Orte der Erinnerung zu schaffen, erklärt er am Beispiel seines gescheiterten Versuches, den Grenzbahnhof Probstzella zum Museum zu machen: "Die Gleichgültigkeit vieler und die harten Interessen einiger verhindern eine angemessene Aufarbeitung der Geschichte." Auf die Erfolge der Linkspartei angesprochen kritisierte Grafe vor allem jene Medien, die "der Partei der Täter" zu große Aufmerksamkeit schenkten und damit deren Populismus erst fruchtbaren Boden bereiteten. In dieser Entschiedenheit eröffnete Grafe den südbadischen Gymnasiasten einen Blick auf die DDR nicht nur fern sondern entgegen jeder "Ostalgie".
Autor: Jakob Katzmann
