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17. Oktober 2013

Hoher Anspruch und guter Zweck

Benefizverein bietet Blasmusik, die nicht auf Festen gespielt wird.

  1. Orchester des Vereins "Benefiz Musik und Kultur für andere" Foto: Sylvia-Karina Jahn

  2. Orchester des Vereins "Benefiz Musik und Kultur für andere" Foto: Sylvia-Karina Jahn

EMMENDINGEN. Zwischen 13 und 60 Jahren sind die mehr als 80 Musikerinnen und Musiker, die am ersten Novemberwochenende die Fritz-Boehle-Halle mit einem anspruchsvollen Blasmusikkonzert füllen wollen. Das ist nicht nur musikalisch gemeint, denn das eigens für diesen Zweck zusammengestellte Orchester spielt für einen guten Zweck: Das Eintrittsgeld soll es ermöglichen, das Präventionsprojekt "Mutige Mädchen" an allen Emmendinger Schulen in den Sportunterricht zu integrieren. Dabei lernen die Mädchen, sich zu behaupten, gefährliche Situationen richtig einzuschätzen und sich gegen sexuelle Gewalt zu wehren.

DAS ORCHESTER
Seit 1991 findet sich alle zwei Jahre ein Orchester aus Musikerinnen und Musikern aus dem südbadischen Raum zusammen, studieren anspruchsvolle Blasmusik ein und spenden den Erlös für einen guten Zweck in der Region. Etwa 30 Prozent gehören der Stammbelegschaft an, sagt Manfred Steinle vom Organisationsteam; die Teilnahme wird aber jedes Mal neu ausgeschrieben. Die Ansprüche sind hoch: "Das ist keine Unterhaltungsmusik, Oberstufenniveau reicht nicht", umschreibt Susi Stöhr die hohen Anforderungen. Außerdem müssen die Musiker ihre Kosten selbst tragen und eine Woche Urlaub opfern. Anstrengend ist es außerdem: "Wie ein Meisterkurs", so charakterisiert Stöhr die Proben: "Das Orchester wird auseinandergezerrt, in einzelne Schulzimmer gesperrt und probt mit den Dozenten." Die wenigsten kennen sich vorher, doch nach der intensiven Probenwoche mit Ganztagsproben steht ein zusammengeschweißtes Orchester. Trotzdem haben alle offenkundig jede Menge Spaß: Sie können hier Stücke spielen, die in ihren Vereinen nicht möglich sind, sei es, weil bestimmte Instrumente fehlen oder die Qualität. Im Orchester des Vereins "Benefiz – Musik und Kultur für andere" finden sie beides: Da fehlen weder Harfe noch Klavier oder Tuba. Außerdem werden Kontakte geknüpft, die einzelnen "Spezialisten" immer wieder in andere Vereine eingeladen, um auszuhelfen. Aus dem Projekt sind schon Ensembles hervorgegangen – "und Ehen!" verrät Stöhr.

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DIE PROBLEME
Die nötigen Instrumente zu beschaffen, bereitet den Verantwortlichen gelegentlich Probleme: Die Ausschreibung geht so früh hinaus, dass es schon vorkommen kann, dass "die Oboe" zusagt – und sich dann abmelden muss, weil sie zum Konzertzeitpunkt im 9. Monat schwanger wäre. Eine andere ist im 7. und möchte unbedingt dabei sein – vorsichtshalber wird dieses Instrument doppelt belegt. Schlagzeuger werden noch gesucht, weil zwei ausgefallen sind. Und es kann auch vorkommen, dass Musiker, wenn sie die Literatur in Händen halten und in die Stücke hineinhören (das geht inzwischen über Youtube), merken, dass es zu anspruchsvoll wird. Mal ziehen sie dann ganz zurück, mal spielen sie dann eine bestimmte Passage nicht. "Das weiß jeder selbst", sagt Steinle, "und es ist besser, von 25 Klarinetten schweigt eine in der schwierigen Phase, als dass sie Missklänge hineinbringt."

DAS PROGRAMM
Dirigent ist Thomas Ratzek; der Trompeter ist seit 2003 stellvertretender Solotrompeter der Bremer Philharmoniker und wirkt in Ensembles wie "Ambrassador" und "Worldbrass" mit. Gespielt wird Blasmusik, an die sich Amateure eher selten wagen: James Barnes’ "Symphonic Overture", das Nocturne von Aleksandr Sriabin, das Panoptikum von Thomas Doss (Solist an der Tuba ist Heiko triebener, Mitglied der Bamberger Symphoniker), Dance Movements von Philip Sparke und Mark Camphouses "Watchman tell us of the night". Das Stück passt zum Benefizzweck – der Komponist hat es allen misshandelten und missbrauchten Kindern dieser Welt gewidmet, und das Projekt "Mutige Mädchen" soll gerade Missbrauch verhindern. "Wir suchen uns immer Zwecke, die keine große Lobby haben, kleine, leise Dinge", erklärt Stöhr. Das Sexualverbrechen von Müllheim vor drei Wochen habe gezeigt, dass die "Mutigen Mädchen" mehr denn je der richtige Zweck sind.

DAS GEFÖRDERTE PROJEKT
"Mutige Mädchen" ist ein von den Psychologen Lynn und Peter Kalinowski entwickeltes Programm, das Mädchen stärken soll, damit sie sich besser behaupten können. Dazu gehört auch, rechtzeitig zu erkennen, wann eine Situation gefährlich werden könnte, außerdem ein selbstbewusstes Auftreten. Die ebenfalls trainierte Selbstverteidigung gilt nur als ultima ratio. "In 80 Prozent der Fälle lässt der Täter von einem sich auch nur minimal wehrenden Opfer ab", sagen die Initiatoren. Sie wollen, dass alle Mädchen der dritten und siebten Klassen in den Genuss des fünf Wochen dauernden Kurses kommen – deswegen soll es in den Sportunterricht integriert werden. "Wir wollen alle erreichen, unabhängig davon, ob die Eltern sich entsprechend engagieren oder nicht", sagt Lynn Kalinowski. Das gilt auch für Mädchen mit Migrationshintergrund. Der Gemeinderat hat das Programm befürwortet, das staatliche Schulamt und der deutsche Sportbund empfehlen es.

Benefizkonzert "Zwischentöne", Fritz-Boehle-Halle, 2. November, 19 und 3. November, 18 Uhr. Karten im Vorverkauf gibt’s in Emmendingen bei der Central Apotheke und Wipfler Augenoptik, in Kollnau bei Tonart Musik, in Freiburg bei Musik Gillhaus.

Autor: Sylvia-Karina Jahn