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22. Oktober 2010

Im Vorhof zur Hölle Auschwitz

RÜCKBLENDE: Heute vor 70 Jahren wurden jüdische Emmendinger Bürger in das südfranzösische Lager Gurs deportiert.

  1. Eine historische Aufnahme des Lagers im französischen Gurs Foto: BZ-Archiv

EMMENDINGEN. Am heutigen 22. Oktober jährt sich zum 70. Mal der Tag, an dem auch in Emmendingen wie in ganz Baden und in der Pfalz die letzten noch verbliebenen Juden zur Deportation nach Gurs abgeholt wurden. 60 konnten Emmendingen noch zwischen 1938 und 1940 verlassen. Zuletzt waren noch 71 Menschen hier geblieben, weil sie nicht wussten, wohin sie fliehen sollten, oder – wie der ehemalige Gemeindevorstand Simon Veit – es einfach nicht glauben konnten, dass ihnen in der Stadt, wo sie Jahrzehnte lang als ehrbare Bürger gelebt hatten, so etwas geschehen konnte.

Simon Veit und 19 andere der Emmendinger Deportierten kamen im südfranzösischen Gurs wegen der katastrophalen hygienischen Bedingungen und der mangelnden Versorgung ums Leben. 32 weitere, von Gurs für die Lager im Osten selektiert, wurden dort umgebracht. Nur wenigen, wie Emma Schwarz, gelang es von Gurs aus noch auszuwandern; Rolf Weinstock überlebte aus dieser Gruppe als einziger die Todeslager im Osten.

Die Briefe von Emma Schwarz und das Buch von Rolf Weinstock "Das wahre Gesicht Hitler-Deutschlands" zählen zu den wenigen Dokumenten, die Auskunft darüber geben, was am 22. Oktober 1940 in Emmendingen geschah.

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Emma Schwarz schrieb am 25. Juni 1942 an ihre Freunde und Angehörigen über jenen denkwürdigen Tag:

"Wir hätten heulen,

schreien mögen."

Rolf Weinstock
"Meine Lieben, entschuldigt, dass ich unter den letzten Brief von der lieben Elfriede nichts geschrieben habe, dafür sollt ihr heute einen ausführlichen Brief bekommen. Wie ihr wisst, sind wir am 22.10.1940 von unserem Heim abgeholt worden. Ich habe bei meiner Schwester gegessen und geschlafen, da meine selige Mutter ca. ½ Jahr vorher starb. So wollte ich sie nicht allein lassen. Meine Wohnung habe ich beibehalten, da ich mir schon alles für die Auswanderung gerichtet hatte. Aber alles wurde anders. Innerhalb einer Stunde mussten wir fertig sein. Was nimmt man in solcher Aufregung mit! – Nur das Aller-Allernotwendigste und von dem noch nicht mal genug, denn es hieß, wir müssten alles selbst tragen. /…/ So wurden wir unter Bedeckung nach einer Autogarage geführt. Doch zuvor mussten wir unterschreiben, was wir an Geld hatten, auch was wir angelegt hätten. Die Schlüssel wurden uns abgenommen, das Schlüsselloch mit weißen Streifen versehen. /…/

Als wir in der Garage ankamen, waren schon eine Menge Leute da. So wussten wir auch, worum es sich handelte. Alle Leute bis 90 Jahre auch Kranke wurden mitgenommen. So waren von Emmendingen alle 62 dabei. [Anmerkung: hier irrt sich Emma Schwarz, es waren 71] Hier wartete schon der Autobus, der uns nach Freiburg bringen musste.

Leute standen auf der Straße, wussten zum Teil jedenfalls auch noch nicht, um was es sich handelt. Aber das alles machte mir nichts mehr aus. Gegen 10 Uhr waren wir in Freiburg, wo wir von der Bahn wieder nach einem Schuppen gebracht wurden. Aber auch da waren wir nicht allein, denn es waren schon von Freiburg und der Umgebung Leute anwesend, die auch auf die Dinge harrten, die kommen. /…/ Bald kam ein Zug mit 60 Wagen, darin wir Platz nehmen durften. /…/ Als wir aber gegen Breisach fuhren, wussten wir, dass es nach Westen ging. /…/ … und kamen am 25.10. abends um 6 Uhr an der letzten Station Oleron St. Marie an. Vier Tage waren wir unterwegs /…/ als wir /…/ kalt und nass in Gurs ankamen. Da wir nicht angemeldet waren, war ja auch nichts für uns gerichtet.

Emma Schwarz durfte am 2. Februar 1942 das Lager in Gurs verlassen und zu ihrem Sohn nach Südafrika auswandern. Die vier Kinder der Kaufmannswitwe waren zwischen 1936 und 1939 noch alle rechtzeitig ausgewandert. Sohn Günter betrieb seit 1936 die Auswanderung seiner Mutter, die aber wegen ihrer Mutter und ihrer behinderten Schwester in Emmendingen bleiben wollte. Die Schwester von Emma Schwarz, Frieda Weil, starb in Gurs am 1. Weihnachtstag 1941. Emma Schwarz überlebte die Strapazen von Gurs und der Auswanderung nach Südafrika nur wenige Monate, sie starb im November 1942.

Der von Auschwitz nach Emmendingen zurück gekehrte Rolf Weinstock beschrieb in seinem Buch, was er in den Jahren zwischen 1938 und 1945 erlebte. Auch schildert er die Ereignisse des 22. Oktobers und der folgenden Tage ähnlich wie Emma Schwarz:

"Steh schnell auf, Rolf. Wir müssen alle weg. Ich wecke Großmutter. Und dann müssen wir schnell noch das Nötigste zusammenpacken!" /…/ Es war acht Uhr geworden. Mit schweren Schritten traten wir den Weg in das "Wohin?" an. Die Koffer in den Händen, 100 Mark in der Tasche /…/ Mutter und Großmutter gingen voraus. Ich ging hintendrein. Wir hätten heulen, -- schreien mögen. Langsam folgte der Gendarm. Er nahm Rücksicht auf das Alter meiner Großmutter. /…/

Wir wurden nach einer Garage geführt. Dort waren schon viele Juden aus unserer Stadt versammelt. /…/ Gegen zwölf Uhr mittags kamen drei große Omnibusse mit je zehn Mann Bewachung. /…/ Nach kurzer Zeit erkannten wir, es geht in Richtung Freiburg vorwärts. Es ging durch schmale Nebenstraßen auf Umwegen, nach dem Freiburger Güterbahnhof. /…/ Zunächst wurden wir in eine öde und kalte Halle geführt, in welcher einige wenige Bänke Sitzgelegenheiten boten. Wir anderen legten uns auf den dünn mit Stroh belegten Steinfußboden. /…/ Wieder hieß es "warten!" Es war den "Herren" scheinbar noch zu hell, denn viele "Schaulustige" hatten sich am Bahnhof eingefunden. Doch gegen zehn Uhr kamen unsere "besonderen" Freunde, die SS-Leute und brüllten "Los, los, -- Tempo, Tempo, schnell in die Abteile, das Gepäck mitnehmen!" /…/ An den Stationsnamen hatten wir festgestellt, dass wir in westlicher Richtung fuhren. Wir fühlten uns erleichtert. /…/ Wir waren am Rhein. /…/ Wir saßen aneinander gepresst, müde, matt und voll schweren Gedanken. Städtenamen zogen an unseren Augen vorbei. Colmar, Mülhausen, Besançon! /…/ Am vierten Tage trafen wir gegen sieben Uhr in Lyon ein. Der große Bahnhof war leer. Nur einige Polizisten waren da. Krankenschwestern brachten uns Wasser, nichts mehr. /…/ Nacht und Tag und noch eine Nacht vergingen. /…/ In Toulouse erfuhren wir mehr. Nach Gurs ging es. Was ist Gurs? /…/

"Oloron - St.Marie", verkündeten große schwarze Buchstaben auf weiß überstrichenen Mauerteilen. Der Zug hielt. Französische Gendarmen öffneten die Türen und wiesen uns an, auf die andere Seite des Bahnhofes zu gehen. Dort standen Autos. Wir nahmen Großmutter in die Mitte und hatten bald darauf eines der offenen Autos bestiegen. /…/ Dicht zusammengedrängt standen wir auf den offenen Wagen. Spanier, -- bewacht von Gendarmen, -- brachten uns ins Lager. -- Wir waren in wenigen Minuten bis auf die Haut durchnässt, nichts bot uns Schutz gegen den strömenden Regen. /…/ In einiger Entfernung vor uns lag das Lager. "Wie ein Negerdorf in der Wüste". Ohne Baum und Strauch, auf einer großen Ebene. Lange Holzbaracken mit schwarzen Dächern. Baracke an Baracke. Wir waren am Ziel. Die Fragen nach dem "Wohin" waren gelöst. Aus großen Steinen waren die Buchstaben zusammengesetzt: "Camp de Gurs 1935".

Rolf Weinstock, der schon 1938 in Dachau interniert war, wurde mit seiner Mutter und Großmutter nach Gurs deportiert. Dort starb die 81-jährige Nannette Heilbrunner am 21.8.1941. Weinstocks Mutter, die wie er weiter nach Auschwitz verschleppt wurde, starb am 12.8.1942 dort in den Gaskammern. Er erlebte seine Befreiung in Buchenwald. Rolf Weinstock kümmert sich nach dem Krieg um die Opfer des Naziregimes und initiiert 1948 die Errichtung eines Mahnmals für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. 1952 stirbt er an den Spätfolgen der KZ-Haft. 1991 benennt die Stadt eine Straße nach der Familie Weinstock.

Der Autor Hans-Jörg Jenne ist Stadthistoriker und Leiter des Fachbereichs Familie, Kultur und Stadtmarketing im Rathaus.

Autor: Hans-Jörg Jenne