Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

22. Oktober 2014

Klagepathos und Gottvertrauen

Das John Sheppard Ensemble zelebrierte in der Emmendinger Stadtkirche St. Bonifatius gefühlvolle Chormusik.

EMMENDINGEN. Seit nahezu zwanzig Jahren gibt es das John Sheppard Ensemble Freiburg. Der musikalische Leiter Bernhard Schmidt erarbeitet mit seinen hochmotivierten Sängerinnen und Sängern Vokalmusik aus allen Stilepochen und weckt auch die Bereitschaft zu unkonventionellen Projekten – die Akzeptanz auf den Konzertpodien und die Auszeichnungen bei Wettbewerben bleiben nicht aus. Diese Vorschusslorbeeren kamen dem Auftritt in der katholischen Stadtkirche Sankt Bonifatius zugute.

"Mein Gott, auf den ich traue" – dieser Leitspruch war dem Programm, der Chormusik aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, vorangestellt. Bislang galt die musikalische Aufmerksamkeit vornehmlich der mehrstimmigen Sakralmusik des 17. und 18. Jahrhunderts. In der Folgezeit geriet der Chorgesang in deren Schatten. Die Chorwerke aus dem Berliner Umfeld der protestantischen Kirchenmusikpflege wahrzunehmen kommt einer Wiederentdeckung gleich. Die zur Aufführung gelangten doppelchörigen Psalmenvertonungen stützen sich auf 700 Jahre alten Gebet- und Gesangbuchtexte. Die 150 Lob-Klage- und -Dankgesänge, aber auch die Aufrufe zu blutiger Rache, die Verwünschungen und Hassausbrüche stammen aus der Übertreibung einer orientalischen Vorstellungswelt und magischen Religiosität.

Werbung


Die ausgewählten Texte und ihre Vertonungen, ihre Bekenntnisse des Glaubens und der Hoffnungen, übertragen in das Medium der Musik ist eine Möglichkeit, die ästhetische Klangsymbolik, ihre Spannungen und Emotionen auch für unsere Zeit verständlich zu machen.

Dies ist Felix-Mendelssohn-Bartholdy eindrucksvoll gelungen: Die drei Psalmenmotetten "Warum toben die Heiden" – "Mein Gott, mein Gott – "Richte mich Gott" in ihrem Klagepathos und dem Gottvertrauen, sind nicht nur das musikalische Richtmaß dieser Kompositionen, sondern boten auch den temperamentvollen Gestus der elastischen Stimmen der Ausführenden die Gelegenheit, ihre Qualitäten, die transparente Deklamation und das ganze Spektrum an dynamischen Nuancen voll einzusetzen.

Dass der Leiter des Berliner Domchors Otto Nicolai, Louis Spohr, und der Opernkomponist Meyerbeer mit eigenen Werken diese Gattung bereichert haben, ist der Entdeckung wert. In feingezeichnetem Orgelspiel nahm die Freiburger Kantorin Hae-Kyung Jung die Themen auf, um in gefühlsvollen Reflexionen den Cantus des Chorals zu variieren: In der Mendelssohn’schen zweisätzigen "Orgelsonate Nr. 3" (Aus tiefer Not schrei ich zu Dir), und der "s-moll-Sonate Nr. 4 über den Psalmenton der Magnificats" von Josef Gabriel Rheinberger.

Autor: Helmut Reiner