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01. März 2013

BZ-Interview

Kloster Tennenbach: Die erste Toilette mit Wasserspülung

BZ-INTERVIEW mit dem Historiker und Denkmalpfleger Bertram Jenisch über die neuesten Erkenntnisse zum Kloster Tennenbach.

  1. Bertram Jenisch hält einen Vortrag über das KLoster Tennenbach Foto: Sylvia-Karina Jahn

  2. Tennenbach angestrahlt: Die Kapelle des einstigen Zisterzienserklosters setzte BZ-Leser Joachim Herzer in einer Winternacht ins Szene. Dazu waren ein Stromaggregat, Scheinwerfer und warme Kleidung nötig. Foto: Joachim Herzer

  3. Tennenbach angestrahlt: Die Kapelle des einstigen Zisterzienserklosters setzte BZ-Leser Joachim Herzer in einer Winternacht ins Szene. Dazu waren ein Stromaggregat, Scheinwerfer und warme Kleidung nötig. Foto: Joachim Herzer

  4. Tennenbach angestrahlt: Die Kapelle des einstigen Zisterzienserklosters setzte BZ-Leser Joachim Herzer in einer Winternacht in Szene. Dazu waren ein Stromaggregat, Scheinwerfer und warme Kleidung nötig. Foto: Joachim Herzer

EMMENDINGEN. Wie alles einmal anfing dazu hält Bertram Jenisch einen Vortrag in der Pfarrei St. Bonifatius, die in diesem Jahr ihr 150-jähriges Bestehen feiert. Jenisch hat sich mit der Archäologie des Klosters Tennenbach befasst, das sozusagen die Grundlage dieser Gemeinde bildet. Sylvia-Karina Jahn sprach mit dem promovierten Historiker, der beim Referat Denkmalpflege des Regierungspräsidiums im Fachbereich Archäologie arbeitet.

BZ: Nach Ihrem Vortrag müsste die Geschichte des Klosters Tennenbach komplett umgeschrieben werden, hat ein Mitveranstalter angekündigt. Was gibt es Neues über Tennenbach?
Jenisch: Bislang lag bei der Beschäftigung mit dem Kloster das Schwergewicht auf den Schriftquellen. Aber über die Bausubstanz wussten wir wenig. Was sieht man schon: Die Kapelle, den Engel, ein schönes Tal mit Bächlein und Wiese. Aber es gab keine großflächige Ausgrabung. 1991 wurde eine Wasserleitung gebaut und in Nord-/Süd-Richtung ein Graben über die Anlage gelegt. Ich habe als Archäologe die Arbeiten begleitet. Dabei wurde mir klar: Wir kennen nur die Bilder der Barockanlage. Deren Mauerreste erkennt man im Sommer bei gutem Wetter aus dem Flugzeug: Das Gras oberhalb der Grundmauern ist verdorrt. Aber 1991 haben wir festgestellt, dass es 1,5 Meter tiefer eine ältere Anlage gibt.

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"Das Ergebnis hat unsere

Erwartungen übertroffen"

BZ: Wie kam es zu den weitergehenden Untersuchungen?
Jenisch: Letztendlich kam der Anstoß aus Emmendingen, vor allem von Ulrich Niemann und Hans-Jürgen Günther, die seit Jahren bei der Denkmalpflege vorstellig wurden und wollten, dass wir etwas über Tennenbach machen. Aber wir wollten keine Grabung, sondern eine zerstörungsfreie Untersuchung. Als Archäologe habe ich das Ziel, die Dinge im Untergrund zu erhalten, denn dort sind sie meiner Meinung nach am besten aufgehoben. Die technischen Möglichkeiten der Geophysik gibt es seit Ende der 1980er-Jahre. Sie wurden beispielsweise in Denzlingen am Mauracher Berg angewandt und im Dezember in Waldkirch um St. Margarethen herum. Das Besondere an Tennenbach: Es ist mit einer Fläche von fünf Hektar die größte zusammenhängende Untersuchung im Land, wir hatten ideale Voraussetzungen, weil es keinerlei Bebauung oder andere Eingriffe gab. Nur die Computersoftware musste eigens dafür aufgerüstet werden.

BZ: Das war im Sommer 2012?
Jenisch: Ja, aber es bedurfte einer zweijährigen Vorlaufzeit. Der Breisgau-Geschichtsverein hat die Jubiläumstagung 850 Jahre Kloster Tennenbach in Emmendingen organisiert, es wurde viel zusammengetragen, aber wir kamen nicht weiter. Ich habe mich an das Landesamt für Denkmalpflege gewandt und Harald von der Osten-Woldenburg für die Untersuchung gewonnen. Der Vorteil: Das kostet nichts, es ist eine Serviceleistung der Denkmalpflege. Und wir hatten großartige Unterstützung vom Hachberg-Geschichtsverein. Wir brauchten fünf Wochen lang 25 Helfer, die Messleinen zogen und ähnlich monotone Tätigkeiten übernahmen, bei Wind und Wetter. Mein Vortrag hier vor Ort ist auch ein Dankeschön an all diejenigen, ohne die die Untersuchung nicht möglich gewesen wäre.

BZ: Was haben Sie herausgefunden?
Jenisch: Die Ergebnisse zeigen: Es gibt ältere, erstaunlich präzise Strukturen im Boden. Wir fanden Hinweise auf ein ausgefeiltes Kanal- und Wassersystem bereits im 12. Jahrhundert. Die Zisterzienser waren innovativ, sie nutzten Wasserkraft und Mühlentechnik und hatten wohl die erste Toilette mit Wasserspülung im Landkreis. Es gab Latrinentrakte, die über Kanäle gebaut waren, um die Fäkalien wegzuschwemmen – ein Quantensprung auf dem Land! Das gab es sonst nur zu dieser Zeit nicht einmal in der Stadt, aber die Zisterzienser haben es mit entwickelt. Außerdem sind wir auf bisher unbekannte Gebäudetrakte gestoßen und wissen genau, wo sich Kirche, Klausur und Wirtschaftsbereich befanden.

BZ: War die Anlage im Mittelalter größer als die barocke?
Jenisch: Nein, sie war ziemlich genau so groß, die barocke Anlage ist sozusagen eine Umformung. Aber wir wissen genau, wo sich der Mühlentrakt befand, der Stauweiher ist erfasst, wir haben einen Beleg dafür, wo sich der Mönchsfriedhof befand und sogar ein Barockgarten mit Wegen und Springbrunnen ist lokalisiert. Die Feststellungen decken sich mit unseren Erwartungen, aber wir haben sie erstmals im Plan, bis hin zur Innenaufteilung der Räume – und das ohne Spaten. Es ist eine fantastische Methode und das Ergebnis hat unsere Erwartungen übertroffen.
BZ: Wie geht es weiter?
Jenisch: An der Universität wird mit den Plänen gearbeitet, die neuen Details werden schrittweise übertragen. Am sinnvollsten wäre die Auswertung als Thema einer Doktor- oder Magisterarbeit für jemanden, der einen Hintergrund mit Zisterzienser-Architektur hat.
BZ: Wird es weitere Untersuchungen geben?
Jenisch: Jetzt geht es in erster Linie um die Bewertung. Wir haben eine ganze Reihe von Strukturen, die wir zunächst einmal Anomalien nennen: Wir wissen, da ist was, die Deutung fehlt aber noch. Aber wir haben eine wirklich gute Basis, können uns sozusagen Schicht um Schicht in den Boden vorarbeiten. Und wenn es künftig auf dem Gelände zu Bodeneingriffen kommt, können wir mit chirurgischer Präzision sagen: Hier darf nichts zerstört werden. Oder wir begleiten es. Wir können jetzt schneller und präziser denkmalpflegerische Belange wahren.

Info: Vortrag mit Bertram Jenisch am 12. März, 19 Uhr im Pfarrsaal von St. Bonifatius.

ZUR PERSON: BERTRAM JENISCH

Bertram Jenisch, geboren 1962 in Karlsruhe, ist seit 2008 Referent für Mittelalterarchäologie im Regierungsbezirk Freiburg. Er studierte in Heidelberg, Freiburg und Tübingen Vor- und Frühgeschichte, Archäologie, Geologie und geschichtliche Landeskunde. Seine Magisterarbeit widmete er seinen Untersuchungen im Kapuzinerkloster Villingen und promovierte 1994 über die Entstehung der Stadt Tübingen. Seit 1991 war er beim Landesdenkmalamt mit der Erfassung der archäologischen Denkmals aus Mittelalter und Neuzeit und der Bearbeitung des archäologischen Stadtkatasters betraut. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die Erforschung von Klöstern in Südwestdeutschland, außerdem die mittelalterliche Siedlungsentwicklung.  

Autor: ja

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