"Nicht nur stehen, gucken und gaffen"

Markus Zimmermann

Von Markus Zimmermann

Di, 29. Januar 2019

Emmendingen

Uwe von Seltmann erinnert im Simon-Veith-Haus an Texte und Lieder von Mordechai Gebirtig, dem Vater des jiddischen Lieds.

EMMENDINGEN. Der Appell ist unmissverständlich. "Es liegt allein in euren Händen" fordert Mordechai Gebirtig in seinem Lied "S‘brent" die Beobachter eines Pogroms auf, nicht nur "mit verschränkten Händen zu stehen, zu gucken und zu gaffen". Ein Appell, der nicht nur für die Menschen in Polen der 30er Jahre des zurückliegenden Jahrhunderts gilt, als in einer Kleinstadt in der Nähe Warschaus Juden während eines Pogroms ermordet wurden und ein Lied, das zur inoffiziellen Hymne der jüdischen Widerstandkämpfer wurde. Die mahnende und auffordernde Stimme des jiddischen Poeten und Songwriters kling bis in die Gegenwart.

Für den 1942 im Krakauer Getto im Alter von 65 Jahren ermordeten Gebirtig, der rund 170 Lieder und Gedichte schrieb, erhebt am Sonntag im Simon-Veit-Hauses Uwe von Seltmann seine Stimme. Der Autor einer 400 Seiten dicken literarischen Biografie des "Vaters des jiddischen Liedes" ist auf Einladung des Vereins für jüdische Geschichte und Kultur, in Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde und dem Fachbereich Kultur der Stadt Emmendingen aus Krakau angereist und steht vor einem, den Teschemacher-Saal fast bis auf den letzten Platz füllenden Auditorium.

Anlass ist der Tag des Gedenkens an alle Opfer der NS-Diktatur und mit der Erinnerung an Gebirtig wird eine Form des Erinnerns, des Lebendig werden Lassens der Geschichte gefunden, die sehr persönlich ist. Den historischen Fakten, die von manchen negiert werden, wird ein persönliches Gesicht gegeben. Mit der Erinnerung an das Schaffen und das Schicksal des jiddischen Liedermachers erhält das Geschehen ein Gesicht. Und in seinen Liedern errichtet Gebirtig zugleich der durch den Holocaust vernichteten Welt des Schtetl ein Denkmal. Nicht romantisierend sondern sehr lebensnah beschreibt der Poet, der zu Lebzeiten schon "Superstar des jiddischen Volksliedes" war und zugleich als Urheber seiner weltweit gesungenen Lieder unbekannt, aber auch unentlohnt blieb, die Welt des jüdischen Stadtteils Krakaus in Krakau. In Kinderliedern, in der Erinnerung an seine Kinderjahre, im Lied vom goldenen Land und, zunehmend mit der Verschlechterung der Lebenssituation, auch in politischen Liedern.

"Erinnert euch, schreibt alles auf, was ihr erlebt, das ist eure Pflicht und Schuldigkeit", zitiert ein Zeitgenosse Abschiedsworte des Mordechai Gebirtig, als sich die Wege trennen. Eindrucksvoller ließen sich die einführenden Worte der Vereinsvorsitzenden Carola Grasse, die an die Verantwortung jedes Einzelnen erinnerte, damit sich das Erinnern gegen das Vergessen-Wollen behauptet, nicht unterstreichen.

Uwe von Seltmann: Der 55-Jährige Journalist und Schriftsteller befasste sich nach dem Studium der Theologie und einem mehrmonatigen Aufenthalt in Jerusalem intensiv mit der NS-Zeit. Dabei auch mit den Auswirkungen dieser Zeit auf die Gegenwart, indem er das Leben seien Vaters und seines Großvaters, der als SS-Angehöriger an der Niederschlagung des Aufstandes im Warschauer Getto beteiligt gewesen war, auf unterschiedliche Literarische Weise behandelte.