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22. November 2016

Not oder Neugierde als Vorzeichen

Unter dem Motto "fremd - bekannt - vertraut" fand der erste Teil der 18. DTA-Zeitreise statt.

  1. Moderatorin Christa van Husen (links) führte bei der 18. Zeitreise des Tagebucharchivs in das Leben des evangelischen Pfarrers Jürgen Eisenberg ein, aus dessen Briefen Ursula Weiss anschließend vorlas. Foto: Benedikt Sommer

EMMENDINGEN. Gut 120 Neugierige folgten unter dem Motto "fremd - bekannt - vertraut" einer spannenden Erkundung dieser Begriffe durch Lesungen aus Tagebüchern, Erinnerungen und Briefen aus dem Fundus des Tagebucharchivs.

Not oder Neugierde, das sind die Vorzeichen, die den Charakter des Fremdseins bestimmen. Jutta Jäger-Schenk entfaltete in der Einführung der "Zeitreise" die unterschiedlichen Aspekte dieses Gefühls und seiner Ambivalenz. In Zeiten von Abschottung und Xenophobie müsse man fast daran erinnern, dass es auch noch die verlockende Fremde gibt, das Neue, das den Menschen dazu drängt, aufzubrechen, selbst auf die Gefahr hin, sich in der Fremde zu verlieren.

In dieser ersten Lesung konzentrierte sich die Auswahl der Texte auf den Aspekt der unfreiwilligen Fremdheit. Aus einem Zeitraum von 170 Jahren stammend, boten sie faszinierende Einblicke in die unterschiedlichsten Realitäten. Da beschrieb der junge Hugo Delitsch (gelesen von Gerhard Seitz), wie es sich Mitte des 19. Jahrhunderts anfühlte, als Drogistenlehrling im Haus des Lehrherren ein Fremder zu sein, hilflos der "Tyrannei" der Prinzipalin ausgeliefert, oder Felix Hecht (gelesen von Friedrich Kupsch), was ein deutscher Jude um 1900 erlebte, als er zur Studienaufnahme in Göttingen Anschluss an eine Studentenverbindung suchte. Hildegard Ried aus Langensteinbach (gelesen von Fraike Vrba) schilderte ihre Begegnung mit dem Fremden aus der Perspektive der dörflichen Lebenswelt, in die zwischen 1939 und 1950 ganz unterschiedliche Menschen kommen und sie verändern. Die ersten Arbeitsdienstler sind zwar fremd, aber man versteht sie, ebenso die einquartierten Rückwanderer (Deutschstämmige aus dem Elsass). Die Zwangsarbeiter aber sind eine "recht sonderbare Sorte von Menschen", "diese Fremden, die jetzt zu uns kamen, verstanden uns nicht und wir verstanden sie nicht". Sie wecken Angst, aber auch Neugierde, werden beim Essen beobachtet und sind doch irgendwann langweilig, so dass es nicht auffällt, wenn sie eines Tages verschwunden sind. Dann kamen die Evakuierten aus den bombardierten Großstädten, die Besatzer mit verlockenden, neuen Lebensweisen und schließlich Flüchtlinge aus dem Osten.

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In deren Erlebnisse konnten die Zuhörer durch die Erinnerungen von Erika Frey-Welz (gelesen von Waltraud Eltermann) eintauchen. "Hier war ich das Flüchtlingsmädchen", beschrieb Frey-Welz ergreifend ihre Erfahrungen bei ihrer enttäuschenden Ankunft in Baden, "wurde bestaunt wie eine Exotin, ja sogar ausgelacht. Plötzlich war ich ein Mensch zweiter Klasse". Wie es ist, wenn der eigene Vater als Fremder aus dem Krieg heimkehrt, erzählte Götz Müller mit feinem Humor (gelesen von Hans Dieter Schmitz). Abenteuerliches berichtete Burkhard Einbeck (gelesen von Rainer Kirchhoff) aus den Wirren nach Kriegsende: Um der russischen Kriegsgefangenschaft zu entgehen, verwandelte er sich in den Fremden und gab sich als Franzose aus. Mit den Erlebnissen von Jürgen Eisenberg im von Bürgerkrieg heimgesuchten Libanon (gelesen von Ursula Weiss) schloss das Programm mit einem Übergang zur zweiten Lesung am 25. November, in der die Begegnung mit fremden Ländern, Kulturen und Menschen im Mittelpunkt steht. Musikalisch umrahmt wurde der Abend mit stimmungsvollen Improvisationen von Regina und Reinhard Stephan, die mit Klavier und Trompete die unterschiedlichsten Emotionen hervorriefen. Christa van Husen moderierte, Hans Dieter Schmitz übernahm die Fotopräsentation.

Autor: Benedikt Sommer