Wer seinen Schatten verliert, wird Außenseiter

Dagmar Barber

Von Dagmar Barber

Mo, 05. März 2018

Emmendingen

Theater der Freien Waldorfschule inszeniert Peter Schlemihl.

EMMENDINGEN. In schwebender Unwirklichkeit lebt, wer keinen Schatten hat. Er hat keinen festen Boden unter den Füßen – so erging es jedenfalls Peter Schlemihl in der Geschichte von Adelbert von Chamisso, als er seinen Schatten an den Teufel verkaufte und somit schattenlos zum Außenseiter wurde. Schlemihls seltsame Geschichte wurde am Freitag und Samstag in der Festhalle des ZfP als Theaterstück der achten Klasse der Freien Waldorfschule ambitioniert und mit großem Erfolg in erster und zweiter Besetzung aufgeführt. Es gelang dem gesamten Team vortrefflich, das mystisch Geheimnisvolle dieses Stoffs umzusetzen.

"Ich betrachte seit einiger Zeit mit unaussprechlicher Bewunderung Ihren schönen Schatten. Verzeihen Sie mir den kühnen Vorschlag: Verkaufen Sie ihn mir!" Mit diesem Angebot eines Unbekannten nahm das Unglück für Schlemihl seinen Lauf, denn dieser ging darauf ein und erstand dafür ein Fortunati Glückssäckel, aus dem er immer und immer Gold und Dukaten ziehen kann.

Immer wieder gibt es neue Bühnenbilder, phantasievolle Kostüme, schöne Tanzszenen... Musiker unter Leitung von Markus Weiss und Klaus Semdner begleiten seine Weltreise. Eine Kostprobe aus dem sechsten Bild: Julius Kleint spricht als Adelbert von Chamisso aus dem Off: "Nachdem ich meinem treuen Diener Bändel den Brief und das letzte Gold hinterlassen hatte, machte ich mich auf , meinen Weg in der Welt zu suchen. Er führte mich weg von den Menschen in die Einsamkeit, um die Welt der Pflanzen und Tiere zu erkunden." Auf der Bühne geht Schlemihl mit seiner Botanisiertrommel, einem Schmetterlingsnetz durch den Zuschauerraum und "sammelt Blumen".

Der zweite Teil von Peter Schlemihls Leben wird geradezu prophetisch für Chamissos eigenes Leben. Nachdem Schlemihl Fortunati Glückssäckel in den Abgrund geworfen und sich so von dem unrechtmäßig erworbenen Reichtum gelöst hatte, kaufte er ein Paar solide Wanderstiefel… von der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen, ward er zum Ersatz an die Natur verwiesen, die er stets geliebt hatte. Sein Studium gab ihm Kraft und Richtung und öffnete ihm den Weg zur Wissenschaft." Am Ende bleiben seine Geliebte Mina und sein treuer Diener Bändel trauernd zurück.

Und die Moral aus dieser Geschichte? Immerhin hat Schlemihl durch leidvolle Erfahrungen gelernt, sich zu bescheiden und seine Möglichkeiten nicht nur zum eigenen Vorteil genutzt. Menschliche Standfestigkeit und bürgerliche Solidität verkörpere der Schatten, schrieb Thomas Mann in seinem Chamisso-Essay. Das Thema ist heute genauso aktuell wie zu Lebzeiten von Chamisso (1781-1838), denn um des schnellen eigenen Vorteils willen werden nicht selten große Risiken auf die Zukunft eingegangen.

Klassenlehrerin Gisela Meier-Wacker und Heilpädagoge Klaus Semdner führten geschickt Regie. Beide dankten der Elternschaft für intensive Unterstützung.

Chamisso, der Autor, hatte zwar nicht seinen Schatten an den Teufel verkauft, aber unbehaust wie sein Alter ego war auch er, nachdem die Französische Revolution seine Familie 1792 vom heimischen Schloss Boncourt in der Champagne vertrieben hatte. Wie sein Alter ego beschäftige sich mit Pflanzen. Auch als Ethnologe und Linguist hat sich Chamisso versucht. Noch kurz vor seinem Tod publizierte er eine Hawaiianische Grammatik. Als Vater von sieben Kindern starb der Schriftsteller und Naturforscher am 21. August 1838 an den Spätfolgen einer Grippe.