"Wie offen bist Du wirklich?"

Ute Schöler

Von Ute Schöler

So, 04. März 2018

Emmendingen

Der Sonntag Zwölf Kunstschaffende aus Emmendingen zeigen in der Jahresausstellung ihre Werke.

"Ins Offene" ist der vielseitig interpretierbare Titel der Jahresausstellung im Emmendinger Rathaus, in der zwölf Künstlerinnen und Künstler aus dem Landkreis bis 6. April ihre Arbeiten zeigen. Die Vernissage ist heute, 4. März, ab 11.15 Uhr.

Zwei gewichtige Totempfähle warten zwischen den Glasfronten des Foyers, während Bernd Heeber und Paula Seeger schon die ersten Arbeiten platzieren. Tiefe Furchen und Durchbrüche hat Beate Neumann in alte Eichenbalken gezogen, die mit ihren urigen Formen nun aus einer fernen Kultur stammen könnten. Ein dritter, liegender Korpus verlockt mit einer Höhle, in die so manches Kind seinen Kopf stecken wird (und darf). Ein kleines Loch im Stammkern habe sie dazu inspiriert, erzählt die weltweit aktive Medizinerin, die als Bildhauerin im Emmendinger "Hausgrün" arbeitet. Nach einer zweckdienlichen Lebensphase als Balken schenke sie den Bäumen noch ein drittes, offenes Leben in der Kunst.

Die Fotografin Alex Jung hat schwarz-weiß komponierte Bilder aus Budapest und Berlin mitgebracht, die aufmerksame Betrachter sicher begeistern können. Was auf den ersten Blick wie eine Collage wirkt, erschließt sich bei längerem Hinschauen als lichtzeichnerische Einheit: Da spiegelt sich ein Jugendstilhaus in der orthogonal gerasterten Glasfassade einer 70er Jahre Architektur, da öffnet sich eine andere Fassade im Dialog mit einem wolkigen Himmelstück. "Mir geht es darum, Illusion durch Mehrschichtigkeit entstehen zu lassen", kommentiert Jung. "Je nach Perspektive verschiebt sich der Blick." Die eigentlich geschlossenen Fassaden eröffnen in der Spiegelung ein neues Seherlebnis.

Julia von Troschke zeigt neue, mit Stechbeitel, Farbe und Collagetechnik gestaltete Reliefbilder. Aus einer alten Schranktür ist ein imaginärer Raum geworden, bei dem drei menschliche Figuren, indem sie sich bewegen, neue Perspektiven eröffnen. Ein zweites Bild stellt die Frage, nach der wirklichen Offenheit eines "offenen" Geistes. Es zeigt drei Menschen, die durch ihre Blickrichtung das gerahmte Bildrechteck in den Raum hinein öffnen. Das bemalte Schichtholz ist mit rasterförmig angeordneten Seiten eines Lexikons beklebt. "Wie offen bist Du wirklich?", kommentiert Troschke diese Arbeit: "Oft stellst du fest, dass du nur das wahrnimmst, was du eh schon in deinem Kopf gespeichert hast."

Anders als früher lag der diesjährigen Jahresausstellung erstmals ein Auswahlverfahren mit Jury zugrunde. 31 Künstler und Künstlerinnen, die in Emmendingen arbeiten oder von hier stammen, hatten sich mit Arbeiten beworben, die entweder dem gestellten Thema schon länger verbunden oder neu davon inspiriert waren. Als Jury wirkten die Kulturwissenschaftlerin Paula Seeger, die sich im Kulturkreis Emmendingen und der örtlichen Galerie im Tor engagiert, ihr Kollege Bernd Heeber, ein ehemaliger Kunstlehrer, und der Kulturjournalist Volker Bauermeister, der lange Jahre Redakteur im Kulturressort der Badischen Zeitung war.

Das Motto war vorab am Emmendinger "Kunststammtisch" aus vielen Vorschlägen erarbeitet und dann mit Sina Menard und Hans-Jörg Jenne vom städtischen Kulturamt beschlossen worden. Die Idee wurde inspiriert von literarischen Texten: dem Roman "Ins Offene" von Karl-Heinz Ott, in dem er seine Befreiung aus der geistigen Enge seiner Heimat beschreibt, und dem Gedicht "Der Gang aufs Land" von Friedrich Hölderlin, in dem es um Aufbruch, Hoffnung und einen offenen Blick geht.

Jeder Künstler hat seinen Arbeiten auch einen Text beigefügt, der seine Gedanken zum Thema erzählt. Die vielfältigen Sichtweisen betrachten das Motto "Ins Offene" unter lebensgeschichtlichen, psychologischen, räumlichen oder bildgestalterisch-formalen Aspekten.