"Wir haben die gleichen Probleme"

Annika Sindlinger

Von Annika Sindlinger

Do, 23. August 2018

Emmendingen

Professoren und Absolventen der Chosun Universität in Südkorea tauschten sich mit der Fachstelle Sucht in Emmendingen aus.

EMMENDINGEN. Professoren und Absolventen der Chosun Universität aus Gwangju in Südkorea waren zu Gast bei der Emmendinger Fachstelle Sucht. Die achtköpfige Gruppe ist auf Studienreise und besucht verschiedene Wohlfahrtseinrichtungen in Deutschland sowie Einrichtungen des Baden-Württembergischen Landesverbandes für Prävention und Rehabilitation (BWLV) und informiert sich über die Themen Prävention, Sucht und Rehabilitation. Ihr Eindruck: Die Probleme sind trotz des kulturellen Unterschieds dieselben.

Nach einem Besuch in einer Drogentherapieeinrichtung bei Tübingen und einer Frauen-Rehaklinik in Freudenstadt reiste die Gruppe weiter nach Emmendingen und tauschte sich mit Mitarbeitern der Fachstelle Sucht über das Thema Prävention aus. Diskutiert wurde unter anderem über entsprechende Maßnahmen im Jugendalter, im Alter und am Arbeitsplatz. Zum Thema Prävention im Jugendalter stellte Philipp Sturm das Projekt "Check dein Risiko!" vor, bei dem Projektmitarbeiter bei öffentlichen Veranstaltungen wie dem Breisgauer Weinfest oder an Fasnacht Kurzinterventionen zum Thema Alkoholkonsum vornehmen.

Spannend waren für Fachstellenleiter Joachim Blank der Blick der Gäste auf die Arbeit seiner Fachstelle und der Vergleich der Konzepte: "Wir haben im Gespräch mit den Gästen festgestellt, dass es im Bereich Sucht viele Gemeinsamkeiten zwischen Südkorea und Deutschland gibt. Wir haben die gleichen Probleme, das war mir so nicht klar", erklärt Blank.

Dem Leistungsdruck kann nicht jeder standhalten

Die südkoreanischen Gäste sind Mitarbeiter eines Suchthilfeinstituts, das 2001 als Pilotprojekt von Universitätsangehörigen gegründet wurde und Richtlinien für den Umgang mit Suchtkranken entwickelt hat. Diese werden nun landesweit in 50 Einrichtungen im Alltag getestet. Im Zuge dessen wird an der Universität außerdem ein Masterstudiengang mit dem Schwerpunkt Suchthilfe, Prävention und Nachsorge angeboten.

Die koreanische Gesellschaft sei fluchtorientiert, erklärt Okseon Kim, die die Gruppe als Übersetzerin begleitet. Der Staat sei sehr leistungsorientiert und dem Leistungsdruck könne nicht jeder standhalten, sagt sie. Wer nicht mithalten könne, flüchte sich aus dem Alltag auch mit Hilfe von zum Beispiel Alkohol und Drogen. Auch die blutige Niederschlagung des Aufstandes gegen die Militärdiktatur in Gwangju im Zuge der Demokratiebewegung im Frühjahr 1980 habe ein Trauma in der Gesellschaft hinterlassen, das noch aufgearbeitet werden müsse, so Kim. Gwangju sei eine Modellstadt für Demokratie und Frieden und daher für das Pilotprojekt ausgewählt worden.

Wie die Gäste betonen, fehle es in Korea vor allem am sozialen Engagement von gerade jungen Menschen, wie es für ein Projekt wie "Check dein Risiko!" notwendig ist. Es gebe Ausnahmen, aber meist zähle der finanzielle Aspekt mehr als die gute Tat. In Korea existiere zwar ein soziales Wohlfahrtssystem wie in Deutschland, doch es gebe viele Unterschiede. Wie der Kulturanthropologe Ohoon Dong Kim betont, sei die Suchtberatung in Deutschland wesentlich subtiler und rücksichtsvoller als in seiner Heimat. In Deutschland werde stärker auf die individuellen Bedürfnisse der Suchtkranken eingegangen. In Südkorea liege der Fokus dagegen verstärkt auf der Gruppe und weniger auf dem Individuum.

Dong Kim betonte, dass es in Südkorea noch nicht so lange Hilfe für Suchtkranke gebe, wie in Deutschland. Zudem gebe es weniger Geld und Personal, und da der Staat die Suchtberatung finanziert, bestimme dieser über die Ausgaben. Daher seien die Spielräume der Beratungsstellen geringer. Die Professorin Young-A Rim erklärte, dass man in Korea bestrebt sei, altersgerechte Präventionsprojekte zu starten. Dies ist laut Blank in Deutschland bereits Standard und man orientiere sich an den Lebensphasen der Betroffenen. Er freut sich auf einen künftigen Austausch mit den südkoreanischen Kollegen.