Einem Sprach-Phänomen auf der Spur

Christel Hülter-Hassler

Von Christel Hülter-Hassler

Do, 13. Juli 2017

Endingen

Dialektforschung in Königschaffhausen: Weshalb nehmen Frauennamen grammatikalisch ein neutrales Geschlecht an? .

ENDINGEN-KÖNIGSCHAFFHAUSEN. "Bi uns fange alli Maidliname mit s a – nu z`Sofie fangt mit z a!" lautet eine Redewendung am Kaiserstuhl. Tatsächlich spricht man bis heute in vielen Ortschaften noch "vom Anna" statt von "der Anna". Die Frauennamen nehmen im Dialekt also grammatikalisch statt einem femininen ein neutrales Geschlecht an. Warum das so ist, erforscht derzeit Julia Fritzinger vom Institut für Geschichtliche Landeskunde der Uni Mainz im länderübergreifenden Projekt "Das Anna und ihr Hund – weibliche Rufnamen im Neutrum". Die BZ war dabei, als die Doktorandin in Königschaffhausen mit drei Generationen der Familie Haßler sprach.

Man sieht es Willi Haßler an, dass er sich am Küchentisch seines Sohnes Werner vor den ausgebreiteten Formularen ein wenig fühlt wie früher auf der Schulbank. Julia Fritzinger ist für das Interview in Königschaffhausen extra aus Mainz angereist und kommt ohne Umschweife zur Sache: Ihre Interviewpartner sollen Dialektsätze, die sie schriftlich vorbereitet hat, ergänzen. Da heißt es beispielsweise: " D’nägschd Wuch wird...Daniela drissig. Dass...immer noch kei Mann hett!" oder: Kennsch Du....blund Frau derd äne?"

Dialekt zu lesen, ist gar nicht so einfach, stellt sich bald heraus. Und die richtigen Wörter einzufügen, auch nicht. "Es gibt kein richtig oder falsch", ermuntert Julia Fritzinger. Sina Haßler, die Vertreterin der Enkelgeneration, weiß, wie solche Tests gehen. Nichtsdestotrotz macht es ihr zu schaffen, dass es im Dialekt kaum feste Regeln gibt, weil man Mundart eher gefühlsmäßig als mit dem Kopf gebraucht. "Heißt’s jetzt selli oder diä blund Frau?", fragt die 26-Jährige augenrollend in die Runde.

Aber es kommt noch heftiger: Als Nächstes sollen Elfriede und Willi Haßler, ihr Sohn Werner und Enkelin Sina jeweils einen kurzen Stummfilm kommentieren. Werner Haßlers Frau Martina bleibt außen vor, weil sie von auswärts kommt und einen "Mischmasch-Dialekt" spricht, wie sie schmunzelnd meint.

Jeder wird mit einem Mikrofon ausgestattet und mit einem Aufnahmegerät verbunden – und dann geht es los. Sprechen darf nur jeweils einer. Er soll erzählen, was im Film geschieht – und zwar im Dialekt. Alle Teilnehmer meistern die Herausforderung mit Bravour. Ihr Sprachfluss wird mit jeder Wiederholung flüssiger und anschaulicher.

Julia Fritzinger ist begeistert. Sie erzählt, dass es das von ihr erforschte Sprach-Phänomen nicht nur am Kaiserstuhl gibt, sondern auch im Saarland, der Pfalz und entlang des Rheins bis in die Schweiz. An insgesamt 32 Ortspunkten wolle sie "Tiefenbohrungen" machen, um das komplexe Geflecht an soziopragmatischen Faktoren detailliert zu erfassen. In Königschaffhausen und Leiselheim führte die junge Doktorandin bereits im letzten Sommer erste Interviews. Sie habe aber leider nicht die erforderliche Personenzahl zusammenbekommen und freue sich umso mehr über die Bereitschaft der Haßlers.

"Die Namenneutra sind bisher unerforscht, in ihrer genauen Verbreitung unbekannt und im Abbau begriffen", erklärt Fritzinger ihre Motivation. Man wisse bereits, dass der Grad der Vertrautheit eine wichtige Rolle spiele, die Verwandtschaft zwischen der Frau und dem Gegenüber, das Alter der Frau, aber auch andere Faktoren wie Familienstand oder Sozialstatus. Interessant sei: Entgegen der landläufigen Bewertung würden diese neutralen Sprachformen in den jeweiligen Dialekten nicht prinzipiell als degradierend wahrgenommen, sondern im Gegenteil als "normal" oder sogar als sympathisch vertraut.

Die Forschungsuntersuchungen mit der Großfamilie Haßler reichen bis in den Abend hinein. Julia Fritzinger notiert eifrig, als sich die Interviewpartner über Familienfotos der Haßlers beugen und ihren Bezug zu den abgebildeten Personen schildern. Solche Sprachquellen sind eine wahre Goldgrube für die Doktorandin.

"Wir sind darauf angewiesen, dass wir Dialektsprecher finden, die sich uns zur Verfügung stellen", unterstreicht sie auch gegenüber der BZ. Durch die Teilnahme an einer Online-Befragung könnten alle Interessierten das Projekt unterstützen.

Informationen zum Projekt auch unter http://www.femineutra.de