"Es reicht nicht, vom Blatt abzulesen"

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Mo, 10. September 2018

Endingen

BZ-INTERVIEW:Kirchenmusiker und Chorleiter Michele Savino über das anstehende Chorprojekt der Kirchenchöre Endingen und Riegel.

ENDINGEN/RIEGEL. Kaum ist der Sommer vorbei, schon denken viele an Weihnachten. So auch der Kantor und Kirchenmusiker Michele Savino – allerdings aus einem bestimmten Grund: Er plant für den dritten Advent eine Aufführung mit den Kirchenchören St. Peter, Endingen, und St. Martin, Riegel, mit einem großen Orchester und dem Kinderchor der Seelsorgeeinheit Nördlicher Kaiserstuhl (Senoka). Noch gesucht: Projektsänger. So viel vorneweg: Das Programm ist anspruchsvoll. Lena Marie Jörger sprach mit Michele Savino darüber.

BZ: Herr Savino, für das neue Chorprojekt haben Sie nur Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy ausgesucht. Ihr Lieblingskomponist?
Savino: Nein. Ich habe meinen Lieblingskomponisten noch nicht entdeckt. Er ist einer, den ich sehr mag, weil seine Werke Freude ausstrahlen. Aber als Berufsmusiker muss ich offenbleiben.

BZ: Warum dann nur Werke von ihm?
Savino: Die Idee war es, nur einen Komponisten auszuwählen und dem Publikum anhand mehrerer Werke dieses einen Komponisten eine Idee davon zu vermitteln, wer derjenige war. Außerdem müssen alle Werke die gleiche instrumentale Besetzung haben, damit das Orchester nicht mittendrin umgebaut werden muss. Mendelssohn Bartholdy habe ich ausgesucht, weil ich ihn und seine Vita interessant finde. Ich nenne ihn den 3-D-Komponisten.
BZ: Wieso das?
Savino: Er hat aus meiner Sicht drei Dimensionen: Er ist ursprünglich Jude, wurde dann evangelisch und hat viel für die christliche Liturgie komponiert. Die Aufführung findet dieses Jahr am dritten Adventssonntag statt, also ganz nah an Weihnachten. Diese Situation umrahmen wir mit seinen drei Werken.
BZ: Weihnachtslieder?
Savino: Nein, keine Weihnachtslieder im Sinne von "Oh du Fröhliche", aber Werke, die auf eine Art mit Weihnachten zu tun haben. Los geht es mit dem Psalm 42. Darin geht es um die Suche nach etwas, das passt aus meiner Sicht gut in den Advent. Das zweite Werk ist die Choralkantate "Vom Himmel hoch", ein sehr pompöses und abwechslungsreiches Stück. Das dritte ist "Christus", davon führen wir den ersten Teil, "Die Geburt Christi" auf. Es geht also um Sternsinger. Zwischen diesen drei Werken erklingen außerdem weitere Sätze von Mendelssohn Bartholdy.
BZ: Klingt nach einem anspruchsvollen Programm.
Savino: Ja, absolut. Wir haben 13 Proben – das ist relativ wenig. Denn es reicht nicht, nur vom Blatt ablesen zu können. Damit es schön klingt, braucht es Übung. Wie beim Fußball: Es reicht nicht, zu wissen, wie ich theoretisch einen Freistoß schieße. Ich muss es trainieren.
BZ: Bei dem Projekt ist auch der neu gegründete Kinderchor der Senoka dabei. Wie schwierig ist es, Kinder im Kindergartenalter für klassische Musik zu begeistern?
Savino: Nicht so schwierig, wie man vermuten würde. Man glaubt es kaum, aber häufig sind Kinder die Ersten, die man von klassischer Musik überzeugen kann. Sie sind einfach offener, haben keine Vorurteile. Natürlich ist die pädagogische Arbeit wichtig. Aber aus Erfahrung weiß ich, dass es nicht viel braucht, um bei Kindern Lust auf Klassik zu wecken. Eine Aufführung mit großem Orchester und vielen Sängern ist für die Kinder mit Sicherheit eine tolle Erfahrung.
BZ: Das Orchester besteht aus fast 30 Profimusikern aus der Region. Wie kann man sich das vorstellen: Gab’s ein Casting?
Savino: Nein. Ich habe berufsbedingt viele Kontakte und versucht, das Orchester so zusammenzustellen, dass es passt.
BZ: Klingt nach viel Schreibtischarbeit.
Savino: Ja, das gehört dazu. Bevor man die Musik genießen kann, ist viel Arbeit nötig, die keiner sieht. Daher bin ich froh, wenn’s jetzt mit den Proben losgeht.

Michele Savino (40) ist seit 1. März 2017 hauptamtlicher Kirchenmusiker in der Seelsorgeeinheit Nördlicher Kaiserstuhl.