Etwas von den Wurzelkindern

Ute Schöler

Von Ute Schöler

So, 19. November 2017

Endingen

Der Sonntag Der Endinger Waldkindergarten beeindruckt nicht nur mit seiner Schutzhütte.

Vor einem Jahr entstand in Endingen aus privater Initiative ein städtischer Waldkindergarten. Seine Schutzhütte aus Holz, Stroh und Kenzinger Lehm hat sich als bautechnisches Lehrstück bewährt. Am 27. November lädt der Förderverein deshalb zu einem Vortragsabend über diese Bauweise ein.

Der Besuch bei den Wurzelkindern beginnt mit einer Suche. Still liegt die Schutzhütte auf der kindergarteneigenen Wiese. Die Vögel zwitschern, es duftet nach feuchten Herbstblättern. Dann dringt ein Lied aus dem Wald, wo sich die Kinder zum Morgenkreis versammelt haben. Ein Junge möchte den Refrain noch einmal alleine singen. Aufmerksam lauschen die anderen seiner Stimme.

Beim gemeinsamen Frühstück sitzen Kinder und Erwachsene auf kleinen Matten nebeneinander am Hang, blicken über die Wiese, unterhalten sich. "Es ist einfach unheimlich chillig hier", sagt Roland Linder, dessen Sohn sich an diesem Tag eingewöhnt. Den Kindergarten hat der Medieningenieur mit der Forstwirtin und Waldpädagogin Aline Czapiewski initiiert, die im Betreuerteam arbeitet. Für die Endinger Stadtverwaltung kam der "Förderverein Wurzelkinder" zur richtigen Zeit. Sie übernahm die Trägerschaft für die neue Einrichtung mit 19 Kindergartenplätzen. Die Warteliste interessierter Eltern ist lang. In der Matschküche, am Maltisch und beim Feuerplatz zeigen die Kleinen, wie sie spielen. "Wir klettern auf die Bäume und auf die Berge", erzählt der dreijährige Enjo. Für seine Kindergarten-Kollegen wird ein Papierblatt zum Fernrohr und die Wiese zum Meer. "Das ist eine Fantasiewelt, die absolut bewundernswert ist", sagt Kindergartenleiterin Natalie Heitzmann. Sie selbst komme aus einer "Regeleinrichtung", erzählt sie.

Springkraut und Spielzeug

Hier wie dort werde gebastelt, gemalt und vorgelesen. Ausflüge, etwa zur Feuerwehr, erweitern das Angebot. Allerdings seien die Waldkinder "viel weniger krank, weil sie immer draußen sind". Einmal im Monat ist bei den Wurzelkindern Spielzeugtag. Dann dürfen alle Lego, Playmobil oder anderes von zu Hause mitbringen. Bei ausgiebigen Erkundungsgängen in der Kaiserstuhllandschaft lernen die Kinder mit allen Sinnen – etwa auch, welche Pflanzen gut schmecken. "Auf die Kernle vom Springkraut sind sie ganz verrückt", sagt Heitzmann. Die kraftvolle, spiralförmige Biomechanik der aufspringenden Samenkapseln ist eine faszinierende Erfahrung für die kleinen Finger. "Es gibt hier so viele Möglichkeiten und zig unterschiedliche Plätze", sagt Erzieher Raffael Schaffrik, der schon das sechste Berufsjahr im Wald verbringt. Doch wie läuft das bei Schmuddelwetter? "Manche Kinder brauchen auch dann gar nicht in die Hütte, aber wir können uns da sehr schön aufwärmen", sagt Natalie Heitzmann und öffnet die Türe. Ein kleiner Holzofen bullert, die Raummitte ist durch Dachfenster ausgeleuchtet. Werkkisten, Bilderbücher und Kasperlefiguren stehen bereit, daneben ein Korb mit Esskastanien.

Aus Holz, Stroh und Lehm der ehemaligen Kenzinger Ziegelei haben ehrenamtliche Helfer und interessierte Eltern die Schutzhütte gebaut. Begeistert vom kostengünstig erstellten "Wurzelstübchen", das nach Vereinbarung auch besichtigt werden kann, hat der Förderverein einen Abend zum Thema Strohballenbau organisiert. Der Architekt Oliver Heizmann aus Oberharmersbach wird mit einem Bildvortrag die Möglichkeiten und spezifischen Problemstellungen dieser ökologischen Bauweise mit heimischen Materialien vermitteln. Ronald Linder, der seinen Aussiedlerhof mit diesen Techniken bauen möchte, wird über die dort geplanten Lösungen sprechen.Ute Schöler
Vortrag am 27. 11. um 20 Uhr, Kornhalle Endingen / Rathaus, Marktplatz 6. Im Anschluss Zeit für Gespräche. Eintritt frei