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24. Oktober 2011
Enthüller aus Leidenschaft
Günter Wallraff las im Théâtre de la Fabrik in Hegenheim.
Von unten dringt Probenmusik, es ist kurz vor sieben, eigentlich müsste die Lesung gleich beginnen. Noch aber ist die Treppe, die ins Kellertheater führt, versperrt. Das Publikum fröstelt auf dem Hof. Da federt eine hagere Gestalt heran – Jeans, dunkle Lederjacke, Brille, den Kopf bis auf kurz geschorenes weniges Weiß fast kahl. Sofort nimmt der Mann an der Tür die Kordel zur Seite, will sie gleich wieder einhängen, da dreht sich Günter Wallraff um: "Ja, kommt doch mit runter, Euch wird ja kalt!" So und nicht anders stellt man sich diesen Mann vor. Als einen, der andere nicht frösteln sehen kann.
Mit diesem "Defekt" ist er berühmt geworden, im Schwedischen sogar zu einem Verb avanciert: wallraffa beschreibt seine Arbeitsweise. Im Théâtre de la Fabrik im Elsässer Hégenheim muss der Mann, der dem Begriff Enthüllungsjournalismus eine neue Dimension gegeben hat, mit keiner Beschimpfung rechnen. Sein Publikum, das mehrheitlich über die Schweizer Grenze gekommen ist, hört zu, nickt, pflichtet hier und da raunend bei. Was eigentlich eine Lesung hätte werden sollen, gerät zum freien Erzählen. Von professionellen Anbietern, die Firmenchefs ihre Unterstützung etwa beim Auflösen unkündbarer Arbeitsverhältnisse andienen und sich dazu des Werbespruchs "Alles, was nicht recht ist" bedienen, erzählt er zuerst. Betriebsräte sind beliebte Opfer, die so lange gemobbt werden, bis sie kündigen oder an den von außen geschaffenen Belastungen ganz zerbrechen. Die Praktiken sind so erschreckend wie bekannt. Die sogenannten "Minderleister" kennt man weniger, die in Betrieben gesucht, gefiltert und entlassen würden, oft nach vorgegeben Prozentzahlen. Aber das nur nebenbei. Hier wird nicht gepredigt, hier wird erzählt.
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Wallraffs Undercover-Reportagen, die ihn in immer neue Rollen schon vom Stahlarbeiter zum BILD-Reporter, vom Türken Ali zum Ministerialrat haben schlüpfen lassen, funktionieren immer nach dem Prinzip: Maskieren, um zu demaskieren. Wer ins Visier geraten ist, wird anschließend namentlich genannt. Die Anzeigen und Prozesse, die das mit sich bringt, gehören dazu. Auch aus dieser Endphase der Recherche gibt es manches zu erzählen. Etwa die Reaktion des Inhabers einer Großbäckerei auf ein Gesprächsangebot, nachdem Wallraff seine Identität offenbart hatte. Der Mann habe ihm über einen Anwalt mitteilen lassen, sein Mandant wolle sich nicht auch noch eines Tötungsdelikts schuldig machen. Andere Geschichten, etwa die aus dem Callcenter, das die ihm oft von den staatlichen Arbeitsagenturen zugeteilten Anrufer in kriminellen Praktiken schult, lassen das Publikum weniger schmunzeln.
"Wie aus Opfern Täter werden", überschreibt Wallraff das. Menschen, denen Minderwertiges zu überhöhten Preisen verkauft wird, oder kleine Geschäftsleute, die mit erfundenen Rechtslagen eingeschüchtert werden, um ihnen gerahmte Gesetzestexte für "Gebühren" zwischen 69 und 89 Euro anzudrehen. Wallraff kann endlos erzählen. Der ewige Gewinner, der am Ende lachend seine Tarnkappe hebt, ist er nicht. Irgendetwas geht immer wieder ins Auge, und Schuft zu sein färbe leicht ab, bekennt er. Obgleich mittlerweile 69, macht Wallraff nicht den Eindruck, als wollte er sich bald zur Ruhe setzen: Missstände gibt’s eben immer und die bleiben zu wallraffen.
Autor: Annette Mahro
