Italien

Etruskergrab in Denzlingens Partnerstadt gefunden

Manfred Frietsch

Von Manfred Frietsch

Mo, 20. Juni 2016 um 17:42 Uhr

Denzlingen

Denzlingens italienische Partnerstadt ist um eine Attraktion reicher. Eine archäologische Entdeckung hat ganz Città della Pieve in Aufregung versetzt. Per Zufall kam, nach über 2300 Jahren eine etruskische Grabanlage ans Licht.

Città della Pieve, Denzlingens italienische Partnerstadt, ist um eine Attraktion reicher. Eine archäologische Entdeckung hat die ganze Stadt in fiebrige Aufregung versetzt. Per Zufall kam, nach über 2300 Jahren, im vergangenen Herbst eine etruskische Grabanlage ans Licht. Das unverhofft gefundene kulturelle Erbe verspricht dem Städtchen neben der Aufmerksamkeit der Fachwelt auch jede Menge touristisches Potenzial.

Zugmaschine sackte weg

Der Mann auf dem Traktor hatte an diesem Samstag im Oktober schon Hunderte Furchen gezogen, um den Acker der Familie Feri winterfertig zu richten. Da machte es plötzlich rums, der an die Zugmaschine angehängte Pflug sackte kurz weg: Unter dem Arbeitsgerät hatte sich wie aus dem Nichts ein großes Loch in der Erde aufgetan. So groß, dass der Mann vorsichtig hineinstieg. Er glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als ihn dort, in einem höhlenartigen Raum, ein steinerner Kopf angrinste, vom Deckel eines Sarkophages, den der Mann neben anderem steinernen, teilweise von Erde bedeckten Mobiliar erkennen konnte.

Der Entdecker hatte gleich eine Ahnung von der Tragweite des Fundes und verständigte umgehend Polizei und Behörden. Dieses Musterbeispiel von Bürgersinn hat sich seitdem auf die ganze Stadt übertragen, wie Bürgermeister Fausto Scricciolo nicht müde wird, zu betonen. Carabinieri bewachten den eilends mit einer Zeltplane vor Regen geschützten Grabzugang nach der Entdeckung rund um die Uhr, Freiwillige des Zivilschutzes und Gemeindearbeiter halfen, als Archäologen kamen, um in die neun Quadratmeter große Unterwelt abzusteigen und das Ausmaß des Fundes abzuschätzen: Zwei Sarkophage, vier große Urnenbehälter, dazu etliche Beigaben, wie es sich für ein stattliches Familiengrab gehört.

Archäologen werden hellhörig

Dieses bekam auch gleich von den groß berichtenden Medien einen griffigen Namen verpasst: "Tomba di Laris", Gruft des Laris, denn dieser Vorname konnte rasch in der Inschrift eines Sarkophags entziffert werden. Der ebenfalls in der Inschrift aufgespürte Nachname Pulfna – er fand sich auch noch auf einer Urne – machte die Archäologen hellhörig, denn diese adelige Familie ist ihnen aus anderen Fundstätten in der toskanisch-umbrischen Grenzregion schon bekannt.

Wieder mit Hilfe Freiwilliger gelang es in tagelanger Kleinarbeit im November, den einstigen, mehrere Meter langen, schmalen Zugang zur Grabkammer aufzuspüren und freizulegen. Sogar die steinerne Doppelflügeltür der Grabkammer wurde gefunden. Bis auf frühere Erdeinbrüche war die ganze Anlage 23 Jahrhunderte unversehrt geblieben und offenbar auch nie beraubt worden.

Feuerwehr bewegt den Sarkophag

Mit der Offenlegung des Zugangs war es nun möglich, auch die Urnenkästen und die Sarkophage zu bergen. Dazu rückte die Berufsfeuerwehr aus Umbriens Hauptstadt Perugia an, um, unter anderem mit Luftkissen, einem Schlitten sowie einem Kran, selbst den 60 Zentner schweren größten Sarkophag behutsam wie ein rohes Ei ins Freie zu jonglieren.

Fünf Tage vor Weihnachten dann gab es den großen Moment, auf den die Pieveser ungeduldig gewartet hatten: Im Museum ihrer Stadt wurden die Funde ihnen erstmals gezeigt. Selbst die Experten schwelgten da in Superlativen über den großartigen Fund, verbunden mit dem Appell, auch in der aktuellen wirtschaftlichen Misere des Landes nichts unversucht zu lassen, um das kulturelle Erbe zu schützen – so wie es ja der Einsatz vieler Helfer in der kleinen Stadt vorlebe.

Inzwischen haben Forscher die Funde näher unter die Lupe genommen und so die hohe Qualität bestätigt, für die Steinbearbeitungen der Urnen und Sarkophage ebenso sprechen wie die Tatsache, dass an einer der Deckelfiguren Farbspuren gefunden wurden. Knochenreste und Asche werden in einem genetischen Forschungszentrum in Pavia untersucht. Etwas pikiert zeigte man sich in regionalen Medien, dass eine erste Veröffentlichung der Archäologen im April in einem amerikanischen Magazin und nicht wenigstens gleichzeitig auch auf Italienisch erfolgte.

Das "miracolo etrusco", das etruskische Wunder, hat eine anhaltende Welle der Begeisterung ausgelöst, aber auch den Verantwortlichen manche Sorgenfalte auf die Stirn gezaubert. Die Stadt, die endlich einen vorzeigbaren Beleg für ihre vorrömische, etruskische Vergangenheit hat, möchte eben diesen gerne vorzeigen.

In diesen Tagen nun werden die Funde im städtischen- und Diözesanmuseum zum großen Teil ausgestellt, wenn auch vorerst provisorisch, wie Bürgermeister Fausto Scricciolo auf Anfrage der BZ mitteilte. Für eine dauerhafte, würdige Präsentation – denkbar wäre hier eine Anordnung der Fundstücke wie im originalen Grab, also eine Art begehbarer Gruft – braucht es viel Arbeit und Geld, erst recht für die Absicht, weitere Grabungen vorzunehmen. Denn so könnte geklärt werden, ob die Gruft der Pulfna-Familie eine Einzelstätte ist – oder doch Teil einer größeren Nekropole, die vielleicht noch weitere Überraschungen birgt?

Mit Steuernachlass wird um Spenden geworben

Auf 425 000 Euro taxiert das italienische Kulturprogramm Art Bonus die Kosten für die angemessene Konservierung und Präsentation der Funde. Dafür wird nun überregional um Spenden geworben, auch mit dem Lockmittel, dass davon fast zwei Drittel steuermindernd geltend gemacht werden können.

Markus Hollemann, Denzlingens Bürgermeister, weiß von der großen Anstrengung, die der kleinen Partnerstadt ins Haus steht. Die soziale Lage großer Teile der Bewohner habe sich eher verschlechtert, wie der Andrang in den Essenstafeln zeige. Aber der Wille sei da, das Beste aus der Lage zu machen. So ließ sich Hollemann von seinem Kollegen Scricciolo die Bauarbeiten für einen neuen Stellplatz für Wohnmobile zeigen.

Die Investition könnte sich lohnen. Denn erst vor einem Jahr hat die niederländische Internetausgabe von "National Geographic" Città della Pieve als "authentischen Platz" gefeiert, wo sich der "tiefere Sinn des italienischen Lebensstils aufspüren" lasse. Und nun lockt neu sogar eine Zeitreise bis in die vorrömische Vergangenheit – was braucht es noch mehr, um Touristen in Scharen anzulocken?

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