Der geduldete Schwarzmarkt

Jens Klein

Von Jens Klein

Mi, 20. März 2013

Fussball

Wettbüros waren in Deutschland jahrelang nicht erlaubt und doch stets präsent / Jetzt sollen Konzessionen für Sportwetten vergeben werden / Ein Ortsbesuch.

FREIBURG. Unentschieden bei Kartalspor gegen Manisaspor. Das Ergebnis des Spiels in der zweithöchsten türkischen Spielklasse ist für Avni Arslan der Beginn einer sonntäglichen Erfolgsserie. Seinen richtigen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen. Mindestens einmal pro Woche schaut der 41-jährige Mathematiker aus der Türkei im Wettbüro im Freiburger Stadtteil Haslach vorbei. Ein brummender Getränkeautomat steht im Eingangsbereich, Fernseher hängen an den Wänden. Die hellen Bodenfliesen und die teilweise holzvertäfelten, teilweise orangefarbenen Wände lassen das ansonsten recht schmucklose Ladenlokal so gar nicht wie eine Spielhölle wirken. Es versprüht eher den nüchternen Charme eines Internetcafés. Doch hier will niemand mit seinen Freunden in Übersee chatten oder Nachrichten aus dem Heimatland lesen. Es geht ums Geld.

Allein in Freiburg gibt es nach Angaben des Regierungspräsidiums Karlsruhe, das für das Glücksspielwesen in Baden-Württemberg zuständig ist, 17 Büros oder Gaststätten, in denen Sportwetten abgeschlossen werden können. Landesweit sind es weit mehr als 600. Sie alle existieren in einer rechtlichen Grauzone, weil es bislang in Deutschland ein staatliches Glücksspielmonopol gibt. Nur die Oddset-Sportwetten und Pferdewetten waren erlaubt. Nun soll ein Konzessionssystem den Markt für Privatanbieter öffnen. Im zweiten Quartal 2013 will das hessische Innenministerium, das für die Vergabe der bundesweiten Konzessionen zuständig ist, zunächst für die Dauer von sieben Jahren insgesamt 20 Lizenzen vergeben. Baden-Württemberg sieht 30 Vermittlungsbüros pro Konzessionär vor, also maximal 600 im gesamten Bundesland.

In Freiburg-Haslach spielt das zwar eine Rolle. Über Sein oder Nichtsein des Büros entscheidet es aber nicht. Hier wetten sie heute und hier werden sie auch morgen wetten. "Wenn alles geklärt ist, dann haben wir unsere Ruhe", sagt der Geschäftsführer, der nicht namentlich genannt werden möchte. Seitdem das Wettbüro 2004 eröffnet worden ist, hat es seiner Aussage nach immer wieder Probleme gegeben. Dauerhaft schließen musste das Büro trotzdem nie.

Irgendwie haben es die Wettvermittler in der Vergangenheit auch ohne rechtliche Legitimation immer wieder geschafft, einen Weg zu finden. Nach Angaben von Branchenkennern konnten sie dabei auch stets auf die Unterstützung aus den Rechtsabteilungen der großen Wettanbieter zählen. Wenn doch mal ein Wettbüro von den Behörden dichtgemacht wurde, wurde es nicht selten am nächsten Tag von einem neuen Besitzer neu eröffnet. Dasselbe Ladenlokal, dieselbe Technik, dieselben Gesichter – aber ein neuer Name auf dem Papier.

Zigarettenrauch liegt in der Luft, als Avni Arslan seine Wettstrategie erläutert. Er sitzt an einem Tisch und malt mit einem Kugelschreiber ein Schaubild auf einen kleinen Zettel. Es wirkt weniger wie eine Lehrstunde in Sachen Glücksspiel, sondern eher wie Mathematik-Nachhilfe. Arslan setzt 20 Euro auf den Sieg seiner favorisierten Mannschaft sowie auf Unentschieden. Das verschlechtert zwar die Quote, aber dafür steigt die Wahrscheinlichkeit, tatsächlich zu gewinnen. Nur eine Niederlage des Favoriten kann ihn seinen Einsatz kosten. Simple Wahrscheinlichkeitsrechnung: 66,66 Prozent gegenüber 33,33 Prozent.

Mehr als drei Milliarden Euro Wetteinsatz pro Jahr

So hat er es auch beim Spiel zwischen Kartalspor und Manisaspor gemacht. Aus 20 Euro werden 28 und aus 28 schließlich 44 Euro. Dann entnimmt er seinen Einsatz und spielt nur noch mit dem Gewinn weiter. Am Ende des Tages hat der Mathematiker 178 Euro gewonnen. "Du kannst im Monat 1500 Euro haben, wenn Du die richtige Strategie benutzt", sagt er.

Tilman Becker sieht das anders. Er ist Glücksspielexperte. Allerdings keiner, der Tag für Tag im Wettbüro steht und mit Kombi-Wetten den großen Reibach zu machen versucht. Er leitet die Forschungsstelle Glücksspiel der Universität Hohenheim und hält nichts von der Mär, mit Sportwetten das große Geld verdienen zu können. "Finanzieren kann man sich mit Sportwetten nicht", sagt Becker. Der Informationsvorsprung der Quotenmacher sei derartig groß, dass man mit dem Wetten nur richtig Geld verdienen könne, wenn man über Insiderwissen verfüge oder ein Betrüger sei.

Die Einsätze der staatlichen Sportwette Oddset belaufen sich auf rund 185 Millionen pro Jahr. Die privaten Anbieter sind im Vergleich dazu eine ganz andere Nummer. Mehr als drei Milliarden Euro werden bei ihnen laut Berechnungen der Forschungsstelle Glücksspiel in Deutschland jedes Jahr auf das nächste Tor von Borussia Dortmund, den Sieg des Eishockeyteams Kölner Haie oder die Niederlage der Basketballer von den Chicago Bulls gesetzt. Zusammen mit den Wetteinsätzen bei Pferdewetten bringen es die privaten Wettanbieter auf knapp 3,3 Milliarden Marktvolumen. Ungefähr 90 Prozent der Spieleinsätze werden wieder an die Spieler ausgeschüttet. Mindestens 300 Millionen Euro dürften Wettbüros und Wettanbieter also Jahr für Jahr einstecken. Kein schlechtes Geschäft.

Auf einem Fernseher im Wettbüro im Freiburger Stadtteil Haslach läuft das Programm des türkischen Fußballsenders Lig TV. Fußball gibt bei den Sportwetten den Ton an. "90 Prozent sind Fußballwetten, dann kommen Eishockey und Tennis", sagt der Geschäftsführer des Wettbüros. Bis zu 100 Leute kommen am Wochenende pro Tag in sein Büro, um ihre Wetten zu platzieren. Die meisten von ihnen sind Stammkunden, die sich auf Kombiwetten konzentrieren. Dabei wird auf eine Kette mehrerer Ereignisse gewettet und deren Quote miteinander multipliziert. Aus einem Euro Einsatz lässt sich mit nur einem Wettschein ein Gewinn von 100 Euro oder mehr generieren. Doch die Wahrscheinlichkeit dazu ist äußerst gering. Denn damit die Kombiwette überhaupt einen Gewinn abwirft, müssen alle Ereignisse, auf die getippt wurde, eintreten.

Avni Arslan kann damit nichts anfangen. Der schnauzbärtige Türke erklärt mit ruhiger Stimme, dass er ausschließlich Einzelwetten macht. Von Glücksspiel spricht er nicht. Bei ihm geht es stets nur um die richtige Strategie. Wer ihm zuhört, hält das Wetten für kalkulierbar. Doch Arslan weiß auch um die Gefahren. Spielsucht ist ihm nicht fremd. Während seiner Studienzeit in Ankara wohnte er mit jemandem zusammen, der sich die Ergebnisse von Pferderennen besser merken konnte als die Namen der eigenen Verwandten. Sich selbst hält Arslan nicht für süchtig. Einfach so mit dem Wetten aufzuhören, fiele ihm aber sicherlich schwer. Denn in einem sind sich die meisten regelmäßigen Wetter einig: Sie alle hoffen auf den großen Gewinn. Irgendwann.