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24. Dezember 2011 00:02 Uhr

BZ-Interview

Joachim Löw: "Ich sehe bei uns ein extrem gutes Team"

Ein spannendes Jahr steht Bundestrainer Joachim Löw bevor. Wie er die Situation in der Mannschaft vor der EM bewertet, über Herausforderungen im Profifußball, Weihnachten, Werte und mentale Tiefs spricht er im Interview.

  1. Bundestrainer Joachim Löw. Foto: dapd

Herr Löw, was bedeutet für Sie als ehemaligen Ministranten Weihnachten?Löw: Weihnachten heißt für mich: Ruhe, Familie, Tradition, gutes Essen.

BZ: Gehen Sie auch in die Kirche?
Löw: Heiligabend ja.

BZ: Aus Überzeugung?
Löw: Wir gehen an Weihnachten gerne mit der Familie in die Kirche.

BZ: Sind Sie ein gläubiger Mensch, der regelmäßig betet?
Löw: Ich bete auf meine Art. Ich muss nicht in die Kirche gehen, um zu beten.

BZ: Was stärkt Sie?
Löw: Jeder Mensch sucht nach Glauben oder nach Halt. Es gibt das Erleben der inneren Stärke, der Ruhe, die einem Kraft gibt, um durchs Leben zu gehen.
"Jeder Mensch sucht nach Glauben oder nach Halt."
BZ: Gab es einen Moment, der Sie hat abrücken lassen von der Kirche?
Löw: Ich bin nicht abgerückt von der Kirche, aber ich sehe Manches kritisch.

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BZ: Sie verbinden Weihnachten mit Ruhe. Ist es denn auch wirklich ruhig bei Ihnen an Heiligabend?
Löw: Der Großteil der Familie ist beisammen und das genießen wir sehr Für mich bedeutet dieser private Kreis auch Ruhe und Zufriedenheit.

BZ: Und niemand fragt Sie nach der Nationalmannschaft?
Löw: Das Thema ist Weihnachten außen vor.

BZ: Auch wenn Sie andere Leute in der Kirche treffen?
Löw (lacht): Ich habe fast überall erlebt, dass Leute mich ansprechen – aber in der Kirche nicht.

BZ: Kümmern Sie sich selbst um die Geschenke?
Löw: Bei uns gibt es keine Geschenke.

BZ: Grundsätzlich nicht?
Löw: Nur für die Kinder. Unter uns Erwachsenen ist das seit vielen Jahren nicht mehr der Fall.
BZ: Weil einem nichts mehr einfällt, weil man schon alles hat?
Löw: Nein, weil wir das Geld lieber für gute Zwecke verwenden und damit Menschen helfen, die wirklich hilfsbedürftig sind. Ich halte es nicht für notwendig, sich an Weihnachten darauf zu fokussieren, Geschenke zu kaufen und zu verteilen. Geschenke kann man das ganze Jahr über mal machen.

BZ: Hier in unserem Interviewraum steht ein Wagen voller Geschenke für Sie. Am auffälligsten ist die Fünf-Liter-Flasche Rotwein eines Hotels aus Düsseldorf.
Löw (lacht): Es stimmt mich ein bisschen bedenklich, dass mir mittlerweile alle Wein schenken und dass die Flaschen immer größer werden.

BZ: Zurück zu ernsteren Themen. Welche Rolle spielen für Sie Werte bei der Spielerauswahl?
Löw: Sie spielen eine Rolle. Gerade wenn ein Turnier ansteht, geht es darum: Welche Spieler können der Mannschaft Energie geben? Welche Spieler sind frusttolerant, wenn sie mal nicht spielen? Welche Spieler können dem Konkurrenzkampf standhalten und ihn fördern? Welche Spieler sind vielleicht getrieben von zu viel Egoismus oder zu viel Neid? All diese Dinge sind wichtig. Denn bei einer EM oder WM sind 60 bis 70 Leute acht Wochen auf engen Raum zusammen. Die entscheidende Frage lautet: Wer hat in den genannten Bereichen den langen Atem?

BZ: All das könnten also K.O.-Kriterien sein?
Löw: Als Trainer macht man sich schon Gedanken: Wie viel Egoismus verträgt ein Team? Ein, zwei, drei Egoisten? Wie viele Leute wollen Führung übernehmen? Sind das vielleicht auch zu viele?

BZ: Wie viele Egoisten verträgt ein Team?
Löw: Das hängt auch von der individuellen Klasse ab.

BZ: Also muss man schon richtig gut sein als Egoist in einem Team von Joachim Löw?
Löw: Selbstverständlich. Man muss als Trainer aber auch erkennen, wann der Egoismus überwiegt und wo die Grenzen sind. Für mich steht der Teamgedanke über allem.

BZ: Wer sind denn die Egoisten in Ihrem Team?
Löw: Diese Frage können Sie im Grunde selbst beantworten.

BZ: Übernehmen lieber Sie das.
Löw: Ich sehe keinen ausgesprochenen Egoisten in unserer Mannschaft, der alles darauf abstimmt, selbst gut auszusehen oder selbst die Tore zu machen. Ich sehe bei uns ein extrem gutes Team, in dem sich niemand persönlich in den Vordergrund schiebt und sich jeder verantwortlich fühlt für den Erfolg der Mannschaft.

BZ: Ist es Zufall, dass bei den besten deutschen Spielern kein Egoist dabei ist?
Löw: Ich denke, dass Spieler, die in den vergangenen ein, zwei Jahren zu uns kamen, besser auf ihre Karriere vorbereitet sind, als das noch vor fünf oder zehn Jahren der Fall war.

BZ: Das bedeutet?
Löw: Sie sind selbstbewusst, zielorientiert, wissen aber auch, was es heißt, in einem Team zu spielen. Das sind gut erzogene Spieler. Mario Götze, Mesut Özil, Manuel Neuer, Sami Khedira, Toni Kroos – diese Spieler halte ich für extrem teamfähig, trotzdem aber auch eigenständig und klar in ihrer Vorgehensweise bei der Karriereplanung.

BZ: Würden Sie sagen, dass das mündige Spieler sind?

Löw: Verantwortungsbewusste Spieler, die ihre Meinung klar äußern. Wenn ich mit ihnen spreche, habe ich immer das Gefühl, dass sie Verantwortung übernehmen, Kritik hören und sich vor allen Dingen verbessern wollen. Sie wollen ihre Aufgabe kennen und sie gut erfüllen. Mit ausschließlich purer Emotion allein fallen die Dinge nicht auf fruchtbaren Boden. Die jungen Spieler wollen Argumente. Gleichzeitig ist heute auch ein hohes Maß an Bescheidenheit gefragt. Spieler, die auf dem Boden bleiben, die bescheiden sind – das sind die guten Spieler. Mit Mario Götze beispielsweise ist enorm viel passiert in diesem Jahr: Spiel gegen Brasilien, macht ein Tor, ist überragend – aber ich erlebe ihn trotzdem immer wieder bescheiden. Im Wesentlichen geht es um die Konzentration auf die eigene Leistung und darum, andere Dinge, die hinderlich sind, wegzulassen.

BZ: Wie gehen Sie selbst damit um, ständig in der Öffentlichkeit zu stehen und beobachtet zu werden?
Löw: Ich denke nicht, dass da Seminare helfen. Jeder muss für sich einen Weg finden, wie er mit dem Druck und der Erwartungshaltung umgeht. Mir macht mein Job weiterhin sehr viel Spaß. Bei einem Turnier beispielsweise ist meine Freude größer als der Druck, der auf mir lastet.

BZ: Ist das Ihre Mentalität?
Löw: Ich würde lügen, wenn ich sage: Ich spüre den Druck nicht. Mir hilft zum einen eine gewisse Distanz zum Fußball. Ich brauche meinen privaten Bereich. Deswegen versuche ich diesen abzuschotten, so gut es geht. Das ist meine Oase. Es hilft mir auch, Sport zu machen, Belastung abzuwerfen, aufzutanken. Und es gibt Menschen, die mir Energie geben, wenn ich mich schwach fühle.

BZ: Zum Beispiel?

Löw: Meine engsten Mitarbeiter im Trainerteam kennen alle meine Stärken und Schwächen. Früher war ich einer derjenigen, die geglaubt haben, immer alles können und machen zu müssen. Inzwischen habe ich gelernt, Verantwortung zu delegieren. Ich weiß schließlich, dass es in meinem Stab Mitarbeiter gibt, die in manchen Bereichen besser sind als ich.

BZ: Und Sie räumen diesen Mitarbeitern gegenüber Schwächen tatsächlich ohne Probleme ein?
Löw: Ja natürlich, klar. Meine engsten Mitarbeiter spüren, wenn meine Begeisterungsfähigkeit nachlässt. Wenn ich unsicher werde, wenn ich nach Lösungen suche und frage: Was können wir tun, um noch besser zu werden? Dann bin ich froh, dass ich Leute um mich habe, die mir einen Input geben. Die etwas auch mal kritisch hinterfragen, die mir sagen: Das geht jetzt in die falsche Richtung. Das ist unsere Stärke im Team. Gute Mitarbeiter sind unheimlich wichtig.

BZ: Können Sie ein Beispiel dafür nennen, wie Sie ein Mitarbeiter motiviert hat?
Löw: Drei Wochen nach der WM 2010 habe ich mich gefragt: Was soll das, jetzt ein Spiel gegen Dänemark? Da hat mich Hansi Flick motiviert, hat gesagt: Jogi, wir müssen wieder was tun, wir müssen uns zusammensetzen, wir müssen über die Gegner reden und über unsere Spieler. Wir müssen wieder etwas vorantreiben.

BZ: In jüngster Zeit gab es dramatische Ereignisse im Profifußball. Der walisische Nationaltrainer Gary Speed beging Suizid, Schiedsrichter Babak Rafati versuchte, sich das Leben zu nehmen. Was bewirken solche Geschehnisse in Ihnen?
Löw: Ich mache mir natürlich Gedanken. Vor allem am Ende eines Jahres, wenn Ruhe einkehrt. Oder nach wichtigen Turnieren mit einem extrem großen Energieverlust. Da gibt es diese Tage, an denen man spürt: Mensch, eigentlich bin ich müde und möchte nicht immer nur mit Fußball konfrontiert sein. Total abschalten wollen, solche Phasen kommen auch bei mir. Auf der einen Seite sind da die positiven Emotionen, aber Körper und Seele suchen einen Ausgleich. Da verliert man manchmal das Gleichgewicht. In solchen Momenten kann ich vieles nachvollziehen. Dass ein Trainer wie Ralf Rangnick, der nicht mehr schläft, nicht mehr isst, irgendwann sagt: Jetzt ist gut, ich bin nicht mehr in der Lage, die Mannschaft mitzuziehen. Als Trainer muss man das schon können, vorneweg gehen.

BZ: Haben Sie manchmal Probleme, abzuschalten?
Löw: Ich habe das gelernt. Ich habe mir ein besseres Zeitmanagement angeeignet und nehme mir die Freiheit, das Telefon und was sonst noch alles ablenkt, auch mal abzuschalten. Was mir auch hilft ist, dass ich mir meine Arbeitszeit zwischen den Spielen, wenn ich zuhause bin, verkürze. Sonst fällt es einem schwer, gute Gedanken zu finden, in die Zukunft zu schauen, wieder mal ein bisschen Visionär zu sein. Irgendwann habe ich mir gesagt, wenn ich zuhause bin, dann arbeite ich vier, fünf Stunden sehr konzentriert. Wenn ich das abgeschlossen habe, ist es gut. Dann gehe ich einen Kaffee trinken oder ein bisschen Fußball spielen oder mache etwas, was für mich persönlich gut ist.
"Total abschalten wollen, solche Phasen kommen auch bei mir."
BZ: Können Sie sich solche eine Arbeitsweise eher leisten als ein Vereinstrainer, der Woche für Woche im Fokus steht.
Löw: Das könnte sich auch ein Vereinstrainer leisten. Auch in der Wirtschaft, im gehobenen Management ist das möglich, davon bin ich überzeugt. Besser vier, fünf Stunden konzentriert und qualifiziert arbeiten, als vielleicht nur da sein und sich ständig ablenken lassen. Letzteres bringt einen hohen Energieverlust. Die Zeit dreht sich dann schneller. Man bewegt sich in einer Einbahnstraße.

BZ: Das ist eine sehr souveräne Haltung.
Löw: Kann sein. Heute weiß ich eben, dass es tut gut, sich mal mit anderen Dingen zu beschäftigen, mal ein Buch zu lesen. In der Öffentlichkeit werde ich ständig mit Fußball konfrontiert. Aber ich bin auch froh, wenn ich mal mit Leuten zusammen bin, die nicht ständig über Fußball reden wollen und ich das Gefühl habe: Toll, ich kann auch wieder mal zuhören, wenn über andere Themen diskutiert wird. Das ist gut, das ist auch das Leben.

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Autor: René Kübler