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26. August 2010 12:58 Uhr

Köpenickiade im Drogenmilieu

Falsche Polizisten durchsuchen Wohnungen und rauchen die "Beweismittel"

Vier Männer ersteigern alte Polizeiuniformen im Internet und durchsuchen fremde Wohnungen nach Drogen – für den Eigenkonsum: Diese Köpenickiade hat sich in der Ortenau abgespielt. Nun stehen die falschen Beamten vor Gericht.

  1. Nicht einfach so vom Haken, aber einfach so aus dem Internet versorgten sich die Angeklagten für ihre Razzien mit alten Polizeiuniformen. Foto: dpa

Angeklagt sind die vier Täter im Alter von 20, 21, 24 und 31 Jahren vor der 8. Großen Jugendkammer beim Landgericht unter dem Vorsitz von Richter Bernd Krüger wegen gemeinschaftlich versuchten schweren Raubes, schweren Diebstahls mit Waffen, Amtsanmaßung und Hausfriedensbuchs. Dabei hatten sie mit filmreifer Dreistigkeit zunächst auch den erhofften Erfolg: Irgendwann anfangs 2009 verfiel das aus Bühl, Achern und Offenburg stammende Quartett auf die Idee, sich von vermeintlichen Drogenkonsumenten kostenlos Betäubungsmittel zu beschaffen. Zunächst ersteigerte einer im Februar bei Ebay zwei ausgemusterte Polizeiuniformen. So verkleidet suchten sie dann von April bis Juni 2009 jeweils zu dritt in wechselnder Besetzung und zur Nachtzeit angebliche Drogendealer in deren Räumlichkeiten im Raum Offenburg auf.

Anfang April erschienen sie in einer Wohnung in Willstätt, am 19. April und am 9. Juni jeweils in Wohnungen in Renchen. Entsprechend ihrer Aufmachung gaben sie sich als Beamte der Bundes- und Kriminalpolizei aus, die eine Durchsuchung der Wohnung nach Drogen vorzunehmen hätten. Außerdem hatten sie täuschend echt aussehende Waffen und andere polizeiliche Utensilien dabei. Der nicht verkleidete Dritte im Bunde trat als Zivilfahnder auf. Keines der Opfer zog die angebliche Amtshandlung in Zweifel, alle ließen die Durchsuchung eingeschüchtert über sich ergehen. Bereitwillig gaben die Betroffenen auch ihre Personalien an.

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Das "Beweismittel" wird weggeraucht

In einem Fall wurden die falschen Polizisten fündig und entdeckten eine geringe Menge von Betäubungsmitteln. Sie beschlagnahmten den Fund. Anschließend rauchten sie das "Beweismittel" als Joint gemeinsam zum eigenen Vergnügen.

Lange konnten sie sich an ihrer Köpenickiade allerdings nicht erfreuen: Die richtige Polizei kam den falschen Kollegen auf die Schliche, als eines der Opfer Verdacht schöpfte und vorsichtshalber auf dem Polizeirevier anrief. Die Ermittlungen nahmen daraufhin ihren Lauf.

Im Beisein von vier Verteidigern gaben die Angeklagten sämtliche von Staatsanwältin Isabell Krämer vorgetragenen Tatvorwürfe zu. Eine Schreckschusswaffe und eine einer Walther täuschend ähnliche Spielzeugpistole hätten sie mitgenommen, "damit es echter aussieht." Teilweise hätten sie auch Handschellen und eine große Taschenlampe bei sich gehabt. "So wie richtige Polizisten." Die Waffen hätten sie zur Einschüchterung jeweils in der Hand gehalten.

Kenntnisse von Hausdurchsuchungen – aus eigener Erfahrung

Auf Nachfrage erklärten sie, dass sie sich erst kurz vor dem Einsatz im Auto umgezogen und bewaffnet hätten. Gleich nach den Durchsuchungen hätten sie die Uniformen im Auto wieder ausgezogen. "Wir wollten während der Fahrten ja nicht als Polizisten auffallen." Die Waffen seien bei ihren Auftritten nicht geladen gewesen. Die Frage des Vorsitzenden, woher sie denn gewusst hätten, wie eine Durchsuchung in Wirklichkeit abläuft, beantworteten sie damit, dass sie schon selbst welche erlebt hätten. "Deshalb haben wir zur größeren Glaubwürdigkeit auch noch die Personalien aufgenommen und gesagt, dass der Durchsuchungsbefehl später zugestellt wird."

Als einer der Betroffenen während der Durchsuchung die Polizei wegen der Rechtmäßigkeit der Maßnahmen anrufen wollte, habe man ihm die Pistole an den Kopf gesetzt. "Daraufhin hat er das Handy wieder ausgeschaltet." Auf Nachfrage gaben sie an, dass die Betroffenen nach ihrer Auffassung von der Rechtmäßigkeit der Durchsuchungen aber schon überzeugt waren. "Sie haben es geglaubt."

Wie die Betroffenen die nächtlichen Besuche der angeblichen Polizeibeamten tatsächlich erlebt haben, werden deren Vernehmungen ergeben. Das Urteil soll voraussichtlich am 9. September um 8.30 Uhr verkündet werden.

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Autor: Klaus-Peter Becker