Damit das Auerhuhn im Schwarzwald überlebt

Jule Arwinski

Von Jule Arwinski

So, 19. August 2018

Feldberg

Der Sonntag Ehemalige Häftlinge entfernen am Notschrei freiwillig Gestrüpp, um für den seltenen und scheuen Vogel bessere Lebensbedingungen zu schaffen.

Auf einem Baumstumpf sitzt ein ehemaliger Häftling, raucht eine Zigarette und lässt sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Unter ihm breitet sich eine kleine Waldlichtung aus, dahinter sind Schwarzwald-Gipfel zu sehen. Der Mann gönnt sich eine Pause von seiner anstrengenden Arbeit. Zusammen mit zwei anderen ehemaligen Häftlingen und Rainer Großhans vom Freiburger Bezirksverein für soziale Rechtspflege, der die Strafentlassenen betreut, hat er seit dem frühen Vormittag Gestrüpp zur Seite geschafft, kleine Bäume abgeschnitten und Wege im Gebüsch freigemacht. Deutlich kann man sehen, was die Gruppe während der vergangenen Tage geschafft hat. Links öffnet sich eine kleine Waldlichtung, rechts versperren Vogelbäume und Äste den Weg.

Dies ist für das hier lebende Auerhuhn aus zwei Gründen ein Problem. Erstens sind die Vögel, die schon seit der letzten Eiszeit im Schwarzwald leben, keine graziösen Flieger. Deshalb brauchen sie Wege, um sich ausbreiten zu können. Zweitens fressen Auerhühner am liebsten Heidelbeeren und deren Büsche. Und die wachsen am besten, wenn sie viel Sonnenlicht abbekommen.

Deshalb macht sich die Gruppe der Strafentlassenen mehrmals die Woche auf den Weg an den Notschrei und passt den Wald an die Bedürfnisse des Auerhuhns an. Insgesamt fünf Männer packen für das Auerhuhn mit an. Sie sind freiwillig Teil eines Arbeitsprojekts des Bezirksvereins, das Rainer Großhans, 52, betreut. Normalerweise helfen sie in der Stadt bei Entrümpelungen von Wohnungen oder bei Renovierungen.

"Die Arbeit hier oben im Wald ist anstrengender. Und wir sind länger unterwegs", sagt Großhans, während er seine Schutzbrille abnimmt. Früh morgens brechen sie gemeinsam in Freiburg mit einem kleinen Bus auf und arbeiten im Wald. Dazwischen machen sie gemeinsam eine Mittagspause, mit mitgebrachtem Vesper. Und sie haben sogar einen Kühlschrank. "Dann haben wir kühle Getränke, das ist unser Luxus hier oben", erzählt Großhans. "Abends bin ich immer ziemlich kaputt und müde", sagt einer der Männer: "Aber es ist eine gute Abwechslung. Man ist an der frischen Luft."

Er ist schon im zweiten Jahr mit dabei. Ein Auerhuhn hat er leider noch nicht gesehen, erzählt er. Denn Auerhühner sind sehr scheue Tiere. Deshalb ist der zunehmende Tourismus ein Problem für die wenigen Exemplare, die noch im Schwarzwald heimisch sind. Vor allem wenn sie im Winter von Langläufern, Skifahrern oder Schneeschuhläufern aufgeschreckt werden, raubt ihnen das so viel Energie, dass viele von ihnen sterben.

Zur Rettung des Auerhuhns arbeitet die Arbeitsgruppe mit anderen Beteiligten zusammen. Alexander Braun, 45, arbeitet bei "Wildwege", einem Verein, der das Zusammenleben von Wildtieren und Menschen verbessern möchte. Er und seine Kollegen zeigen den freiwilligen Waldarbeitern, wie sie am besten vorgehen, um den Auerhühnern zu helfen: "In den 70er Jahren haben noch um die 500 Exemplare im Schwarzwald gelebt. 2007 waren es nur noch um die 100", sagt der studierte Forst- und Umweltwissenschaftler.

Während er sich einen Weg durch Heidelbeerbüsche bahnt, zeigt er auf Stellen, an denen man die Arbeit der Gruppe erkennen kann. Mit Blick auf eine Reihe von Bäumen am Rande eines Waldweges sagt er: "Die bleiben stehen. Die Bäume sind ein natürlicher Schutzwall gegen Störungen des Auerhuhns durch Wanderer oder Wintersportler." Etwas tiefer im Wald fließt ein kleiner Bach. "Hierhin wird ein Weg für die Auerhühner freigeschlagen", sagt Braun. "Denn im Frühling schmilzt am Bachufer der Schnee am schnellsten. Dort können die Auerhühner dann nach dem langen Winter frische Kräuter fressen."

Häufig müssen Braun und seine Kollegen aber nicht mehr dazukommen. Denn Rainer Großhans und seine Gruppe kümmern sich schon seit sieben Jahren um die Rettung der Auerhühner. Nur im letzten Jahr konnten die Arbeiten nicht durchgeführt werden, weil niemand das Projekt finanziert hat.

Seit diesem Jahr arbeitet es mit der Allianz-Versicherung zusammen. Deren Kunden können, wenn sie statt Briefen E-Mails zur Kommunikation mit der Versicherung verwenden, fünf Euro an das Auerhuhn-Projekt spenden. Etwa 8 500 Euro seien so schon zusammengekommen, erzählt Braun.

Er findet, die Zusammenarbeit sei eine Win-win-Situation für alle. Die Männer vom Bezirksverein bekommen eine Abwechslung von ihrer sonstigen alltäglichen Arbeit, und gleichzeitig wird das Auerhuhn geschützt.

Insgesamt haben die Männer des Bezirksvereins bereits eine Fläche so groß wie vierzehn Fußballfelder bearbeitet. Und die Arbeit scheint sich auszuzahlen. Mittlerweile sollen wieder rund 200 Auerhühner durch die Wälder in der Region streifen.
Jule Arwinski