Als die Herren immer Recht hatten

Benedikt Sommer

Von Benedikt Sommer

Fr, 01. Dezember 2017

Freiamt

Jürgen Schneiders Freiämter Geschichten begeisterten 120 Zuhörer – und wühlten auf.

FREIAMT. Etwa 120 Interessenten erlebten einen spannenden, abwechslungsreichen Abend bei der Vorstellung der beiden neuen Bände von "Freiamt – Geschichte und Geschichten" von Jürgen Schneider im Kurhaus.

Nein, eine klassische Lesung mit Tisch, Wasserglas und bedeutungsschwerem Schweigen vor dem Umblättern hätte niemand erwartet, der den Verfasser kennt. Aber auch nicht, dass fast ein komplettes Kabarettprogramm geboten wurde. Gut zwei Stunden erzählte Jürgen Schneider Geschichten aus seinen neuen Büchern, und keinem wurde es langweilig. Mit gewohnt trockenem Humor, meist sachlich und nüchtern, mitunter undurchschaubar und sprunghaft, löste er dabei nicht nur die Rätsel seiner Requisiten auf der Bühne (wie etwa einer alten Schultafel, eine Reichsfahne, ein Fuchskragen), sondern bewegte sich mit seinen Geschichten auch durch Zeit und Raum, vom späten 19. Jahrhundert bis zur Nachkriegszeit, vom Brettental bis nach Bautzen.

Die Liebe mit ihren Freuden und Verheerungen ist die Achse, um die die meisten Geschichten der jetzt erschienen Bände kreisen. Es sind schöne, oft rührende Geschichten, aber auch furchtbare, tragische. Mit detektivischer Leidenschaft und Hartnäckigkeit, in unzähligen Gesprächen, in Kirchenbüchern und Melderegistern ist ihnen der Autor auf die Spuren gekommen, hat sie im Originalton aufgezeichnet, unverändert wiedergegeben oder nacherzählt. Freiamt, seine Höfe und Bewohner bilden den Zusammenhalt. Da aber so mancher Akteur von außen in die Gemeinde kam (gerade während der Kriegszeit sorgten ausgebombte Großstädter, ausländische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter für viel Bewegung), erhalten die geschilderte Schicksale oft überregionale Dimensionen.

Unterstützung erhielt Schneider von der Sängerin Madeleine Uhl, die mit gefühlvollen Liebesliedern für wohlklingende Zwischenspiele sorgte, und von Georg Mellert, dem Hirtenbuben vom Kölblinsberg (seine Erinnerungen finden sich im zweiten Band). Die Kindheitsgeschichten des Mellert Schorsch (etwa von der Besamung eines Hausschweins) bildeten den fröhlich, deftigen, mit herzlichem Lachen bedachten Teil des Abends.

Sehr still wurde es dagegen bei den Erzählungen aus den Jahren des Nationalsozialismus. "Wir haben alles geglaubt, uns konnte man alles erzählen. Alles! Restlos alles. Und wenn es die Herren gesagt haben, dann wurde schon gar nichts mehr hinterfragt. Die Herren, das waren der Bürgermeister, die Lehrer, der Pfarrer. Und die hatten immer Recht. Immer! Und zur Not hat’s für das Recht recht auf die Ohren gegeben", beschreibt eine Einwohnerin, die Schneider in seinem Buch zu Wort kommen lässt. Seine Geschichte von der Hinrichtung des polnischen Zwangsarbeiters Iwan Mronzek, dem seine Liebe zu einer nach Freiamt geflohenen Dortmunderin zum Verhängnis wurde, traf ins Mark. Alle polnischen Zwangsarbeiter der Region (über 1000 Menschen) mussten damals im Morgengrauen an den Sägplatz marschieren, um dem Erhängen beizuwohnen. Es sind die aufschlussreichen Details, wie die drei Zigaretten Lohn für eine Hinrichtung, die "möglichst durch einen Angehörigen der gleichen Volksgruppe" zu vollziehen war, oder im Fall Mronzek ein umgestoßener Hocker (ob der langwierigen Urteilsverkündung war der Ortsgruppenleiter ungeduldig geworden), die die Stärke dieser Geschichten ausmacht. Bürgermeisterin Hannelore Reinbold-Mench dankte dem Verfasser für sein Engagement, und für den Mut, für die notwendige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Material bereit zu stellen. Auch wenn es oft "schwere Kost" sei, könne nur so eine Aufarbeitung des Geschehenen erfolgen. Angesichts des hohen Alters der Zeitzeugen erscheint dies umso dringlicher.

Mit den beiden Bänden, die mit zahlreichen Fotografien, Dokumenten, Exkursen und Stimmen der Zeitzeugen glänzen, ist Jürgen Schneider nicht nur eine schier unerschöpfliche Fundgrube für die Lebenswelt der ländlichen Bevölkerung der Vergangenheit gelungen. Kurzweilig und unterhaltsam, lehren sie auch manches über die zeitlose Beschaffenheit der menschlichen Natur.

Alle Bände der Freiämter Geschichten (auch der lange vergriffene erste Band) gibt es für je 14,80 Euro in vielen Geschäften Freiamts und beim Bauernmarkt, in Emmendingen (Buchhandlung Sillmann) und Waldkirch (Buchhandlung Augustiniok) sowie i über http://www.heimatverein-freiamt.de