Buntes und lautes Fest für Vielfalt

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Mo, 20. Juli 2015

Freiburg

Beim "Christopher Street Day" wurde gefeiert und gefordert.

Als es am Samstagnachmittag eigentlich hätte losgehen sollen, war der "Christopher Street Day" am Stühlinger Kirchplatz noch überschaubar. Doch als sich dann gegen 16 Uhr mit mehr als einer Stunde Verspätung der erste bunte, laute Wagen Richtung Eschholzstraße in Bewegung setzte, waren es Tausende, die sich dem Zug anschlossen. Nach ein paar Stunden in der Innenstadt ging der CSD abends und am Sonntag wieder am Stühlinger Kirchplatz weiter.

An einem Baum flattert ein großes Transparent: "Angst erdrückt das Lieben". Viele tragen Schilder oder Transparente mit sich herum. Steve Dase (45), der mit seinem Regenbogenschirm auffällt, hat eine einzige Botschaft nicht ausgereicht, darum hat er viele verschiedene an seinen Schirm geheftet. Unter anderem zu Intersexualität, Ehe und Zitate aus dem Grundgesetz. Er ärgert sich über die Bundeskanzlerin Angela Merkel: "Sie hat gesagt, sie hätte ein schlechtes Gefühl, wenn Schwule heiraten." Ehe müsse aber unabhängig vom Geschlecht sein. Alles andere widerspreche dem Grundgesetz, das festlege, dass niemand wegen seines Geschlechts benachteiligt werden dürfe.

Steve Dase ist seit 20 Jahren in der Schwulen-Bewegung aktiv. In dieser Zeit habe sich zwar einiges verbessert, doch andererseits trauen sich seinem Eindruck nach inzwischen wieder mehr homophobe Menschen als früher, ihre Abneigung offen zu zeigen: "Ich laufe in Freiburg darum nicht mehr händchenhaltend herum." Vor zehn Jahren seien er und sein Freund im Stühlinger von Jugendlichen mit Steinen beworfen und beschimpft worden. Freunde hätten ihm ähnliche Erlebnisse erzählt. Deshalb sei der CSD – der zurückgeht auf den Aufstand von Homosexuellen und anderen sexuellen Minderheiten gegen Polizeiwillkür in der New Yorker Christopher Street im Jahr 1969 – so wichtig, gerade auch mitsamt all denjenigen, die zwar nur zuschauen, aber applaudieren und damit ein Zeichen für Toleranz setzen. Solche gibt’s etliche, gleich am Anfang, als sich der Zug langsam die Engelbergerstraße entlang in Richtung Eschholzstraße voranwälzt, mit lauten Techno-Klängen und tanzenden Menschen auf bunten Wagen: Zwei Frauen und ihre kleinen Kinder winken mit Regenbogenfahne aus einem Fenster, Passanten stehen da und schauen zu, die meisten lächeln.

Ganz vorn mit dabei ist ein Transparent mit einer Forderung auf Türkisch: Übersetzt steht da "Solidarität mit allen LGBT-Aktivisten in der Türkei". "LGBT" steht für "Lesbian-Gay-Bisexual-Transgender", auf Deutsch "Lesbisch-schwul-bisexuell-transgender". Während einer kurzen Einstiegskundgebung betonen Ronny Freundschuh und Esther Hauth vom CSD-Organisationsteam, dass eine Demo von Aktivisten in Istanbul von der Polizei zusammengeschlagen worden sei und es nach wie vor sehr viele Länder gebe, in denen alle, die von heterosexuellen Normen abweichen, große Probleme haben. Doch auch in Freiburg gibt’s Orte, an denen der Protest besonders laut werden soll: Eine Zwischenkundgebung findet vor dem Erzbischöflichen Ordinariat statt, mit einer Schweigeminute für alle Opfer von Gewalt gegen Homo-, Inter- und Transsexuelle, gefolgt von einer Minute Knutschen, einer Minute Stöhnen und einer Minute Schreien.

"Seid laut und bunt!" ruft Ronny Freundschuh allen zu, doch das versteht sich hier ohnehin von selbst. Ganz egal, ob sie, wie die "Goldkinder" mit ihrer Drag Queen "Betty BBQ" auf deren goldenem Wagen oder anderen schrillbunten Fahrzeugen tanzen, oder mit oder ohne Verkleidung zu Fuß mit dabei sind. Drei junge Frauen betonen, wie gut sie es finden, dass der Freiburger CSD nicht nur die Rechte aller Nicht-Heterosexuellen, sondern auch die aller anderen Lebewesen, also auch der Tiere, im Blick habe: Darum gibt’s ausschließlich veganes Essen, das hatte im Vorfeld in Internetdebatten für Diskussionen gesorgt. "Bei uns kam aber überwiegend Zustimmung an", sagt Ronny Freundschuh.

Mehr Fotos vpm CSD Freiburg unter: http://mehr.bz/csdfr2015