Der lange Arm der Stasi

Frank Zimmermann

Von Frank Zimmermann

Mi, 25. April 2012

Freiburg Mitte

Ende der 1980er Jahre gab es in Freiburg mindestens elf Inoffizielle Mitarbeiter oder Kontaktpersonen der DDR-Staatssicherheit.

Die Staatssicherheit der DDR, kurz Stasi, war auch in Freiburg aktiv. Dies geht aus einem unlängst veröffentlichten Handbuch des Politologen und Soziologen Helmut Müller-Enbergs von der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin hervor. Laut einer Studie des Forschungsprojekts "Geschichte der HV A" – die HV A war der Auslandsnachrichtendienst der DDR – gab es Ende der 1980er Jahre in Freiburg mindestens 11 Inoffizielle Mitarbeiter (IM) oder Kontaktpersonen (das sind Menschen, von denen die Stasi ohne deren Wissen Informationen abschöpfte) der Stasi. Diese lieferten Infor
mationen aus den Bereichen Wissenschaft, Technik, Politik und Verwaltung. Aber auch in der Kunstszene gab es Spitzel: In einer Stasi-Kartei findet sich auch der Name eines Schauspielerehepaars.

Die Zahlen sind eindrücklich: 1989 führte das Ministerium für Staatssicherheit 189 000 Personen als IM. Beim Auslandsgeheimdienst arbeiteten rund 13 400 IM in der DDR und weitere 1550 in der Bundesrepublik. Auf 89 DDR-Bürger kam zuletzt ein IM, 3000 Bundesbürger waren inoffiziell im Dienste der Stasi. Über 40 Jahre hinweg waren 12 000 Bundesbürger und West-Berliner IM, darunter rund 6000 für den Auslandsgeheimdienst.

Etwa 2000 Agenten wurden nach der Wende bundesweit identifiziert, große Ermittlungswellen gab es Anfang und Mitte der 1990er Jahre, erinnert sich Walter Opfermann, Leiter der Spionageabwehr beim baden-württembergischen Landesamt für Verfassungsschutz. "Alle Fälle wurden dem Generalbundesanwalt vorgelegt. Einen größerer Teil der Vorgänge hat er jedoch eingestellt." Entweder, weil der Nachweis zu dürftig oder die Schuld gering war. Baden-Württemberg sei keine Stasi-Hochburg gewesen, es habe aber auch hier hochkarätige Spionagefälle gegeben, vor allem in Unternehmen, sagt Opfermann. Freiburg sei wegen seiner Grenznähe für die Stasi wichtig gewesen: "Dass dieser Raum strategische Bedeutung hatte, ist nachvollziehbar."

In der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin betreibt Helmut Müller-Enbergs – ausgestattet mit einer Genehmigung des Generalbundesanwalts, die ihm Zugang zu allen Archiven und Akten verschafft – Grundlagenforschung in Sachen Spionage und IM-Tätigkeit. Die Stasi hat mit dem Ende der DDR einen Großteil der Akten der Hauptverwaltung A geschreddert: "Das ist im Almanach der Geschichte verschwunden", sagt Müller-Enbergs. Von 67 000 Aktenvorgängen der HV A existieren noch 13 000. "Die sind aber Kreisliga", bedauert Müller-Enbergs. Mitarbeiter seiner Behörde sind seit 1995 damit beschäftigt, in 16 000 Säcken verstaute handzerrissene Akten des Ministeriums für Staatssicherheit (darunter nur selten der HV A) wieder zusammenzupuzzeln.

Da die meisten Akten unwiderruflich zerstört sind, greift Müller-Enbergs für Recherchen auf Datenbanken der Stasi – etwa die Datenbank "Sira" und die "Rosenholz"-Dateien – sowie auf Statistikbögen zurück. Auf Letzteren sind wesentliche Angaben auf einer Seite zusammengefasst, die dem Auslandsgeheimdienst der DDR dazu dienten, einen Überblick über sein Informantennetz zu haben.

In diesen Datenbanken stößt Müller-Enbergs beim Stichwort "Freiburg" auf Angaben zu Agenten, die – als sie von der Stasi erfasst wurden – in Freiburg wohnten. Nicht viel bekannt ist über IM "Charly", den die Stasi in der Kategorie "Werber II" einstufte. "Charly" arbeitete in einem Spielcasino. Werber hatten die Aufgabe, potenzielle Spitzel zu akquirieren.

"Wachtel" informierte

über die SPD

Ende 1988 verfügte die DDR-Auslandsspionage in der Bundesrepublik über 275 Werber. Ein IM der Kategorie "Anlaufstelle" (so nannte man Personen, die bewusst oder unbewusst dazu veranlasst wurden, die eigenen Räume zur Übermittlung von Informationen oder operative Materialien zur Verfügung zu stellen) war ein 1943 geborener Schauspieler, der sich in der Gewerkschaft Kunst engagierte. Als die Stasi 1977 IM "Lear" in ihrer Kartei erfasste, wohnte der TV-bekannte Mime in Freiburg und engagierte sich in der Gewerkschaft Kunst. 1984 schloss die Stasi den Vorgang mit "Lear" wieder. Seine Frau (IM "Queen"), Jahrgang 1944, war ebenfalls eine Schauspielerin, sie wurde von der Staatssicherheit als "IM für besondere Aufgaben" (IMA) eingestuft. Geworben wurde der inzwischen verstorbene "Lear", der DDR-Verwandtschaft hatte, durch einen DDR-Agenten "auf ideologischer Basis".

Auf eine Berufsschule angesetzt war die 1982 durch einen westdeutschen Stasispitzel angeworbene, 1940 geborene Kontaktperson (KP) "Wachtel". "Wachtel" lieferte unter anderem Informationen über die SPD und die Bundeswehr. Der Bundeswehroffizier, mutmaßlich abgeschöpft von einem Boulevardjournalisten, ging anscheinend sehr freizügig mit Unterlagen um. Von Rainer Rupp alias "Topas", einem der berühmtesten, bei der Nato arbeitenden DDR-Spione, wurde "Rubin", ein 1961 geborener Student in Freiburg, abgeschöpft. Die Staatssicherheit, berichtet Müller-Enbergs, ordnete jeder deutschen Universität einen operativen Partner in der DDR zu – so war die Magdeburger Stasi-Filiale für die Uni Freiburg zuständig. Diese, sagt Müller-Enbergs, war wie viele deutsche Universitäten interessant, um Spitzel im Hochschulbereich zu rekrutieren. "Freiburg war da ein wichtiger Standort", bestätigt Verfassungsschützer Opfermann.

"Sehr wertvolles Material von höchster Bedeutung für die Erzeugnisentwicklung" lieferte die O-Quelle "Mark", und zwar aus den Bereichen Wissenschaft und Technik, beispielsweise über Schaltkreise und Bauelemente. "Mark" wurde von der Stasi ein exzellentes Zeugnis ausgestellt, er erspare der DDR mit seiner Spionagetätigkeit Forschungs- und Entwicklungsarbeit. Seine Informationen wurden beim VEB-Kombinat Nachrichtenelektronik in Leipzig eingesetzt. Objekt-Quellen wie "Mark" spionierten innerhalb einer Institution oder hatte unmittelbaren Zugriff auf Institutionen; sie galten deshalb als besonders wertvoll.

Informationen über die evangelische Kirche lieferte IM "Johannes", der in einer Führungsposition arbeitete. Er hatte beruflich in der DDR zu tun und wurde von einem Führungsoffizier der Stasi "auf ideologischer und materieller Basis" angeworben; die Staatssicherheit stufte ihn als zuverlässig ein.

1985 von der DDR-Auslandsspionage ins Visier genommen wurde die Kontaktperson "Kunze" ab 1985, die Stasi hatte ihn ohne dessen Wissen "auf ideologischer Basis und wegen persönlicher Zuneigung zur Bezugsperson" durch einen IM der DDR angeworben. Der Physiker, Jahrgang 1950, war wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungs- und Entwicklungsbereich des Freiburger Fraunhofer-Institut für angewandte Festkörperphysik. Der Fraunhofer-Gesellschaft ist heute konkret zu diesen Vorfällen nichts bekannt, sagt Franz Miller. Der Leiter der Münchner Pressestelle der Fraunhofer-Gesellschaft bestätigt aber: "Wir wissen, dass sich ausländische Geheimdienste an die Verteidigungsinstitute heranzumachen versuchten."

Ein "schweres Kaliber" (Müller-Enbergs) soll laut Stasi-Kartei die Abschöpfquelle (A-Quelle) "Junge" gewesen sein. A-Quellen hatten Kontakt zu einer Person in einer Institution, über die die Stasi Informationen haben wolle. Der 1945 in Schwäbisch-Gmünd geborene "Junge", der in Kiel Jura studierte und vorübergehend Rechtsreferendar im Bonner Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit war, lieferte – unwissentlich, wie er später vor Gericht behauptete – zwischen Juli 1974 und Mai 1989 insgesamt 252 Informationen: zum Beispiel über den Verfassungsschutz und das LKA in Baden-Württemberg, Anmelde-, Personalausweis- und Führungszeugnismodalitäten und wie man Beamter wird, über die Landes-CDU und Militärmanöver der Nato. In vier Fällen bewertete die Stasi seine Informationen als "sehr wertvoll". "Junge" soll bei der Stadtverwaltung Freiburg gearbeitet haben, zudem bei der Landesregierung. In den Aktenbeständen im Rathaus findet sich sein Name jedoch nicht, sagt Rathaussprecherin Edith Lamersdorf. Auch das Regierungspräsidium konnte nichts zu dem inzwischen verstorbenen "Junge" sagen, dessen wahre Identität der BZ bekannt ist.

IM "Friedhelm", seit 1984 für die Staatssicherheit tätig, berichtete im Juni 1989 über die EDV-Organisation im medizinischen Bereich und das Gesamtkonzept der Uniklinik Freiburg, der Stasi-Spitzel "Walther" über Technik, Verfahren und Aufgaben im regionalen Rechenzentrum (RRZ). "Walther" lieferte Telefonverzeichnis und Lageskizze des RRZ und erstattete über die EDV im Einwohnerwesen Bericht. Gerade an Meldebehörden, sagt Verfassungsschützer Opfermann, habe die Stasi Interesse gehabt, um Daten zu fälschen, Spione einzuschleusen und fingierte Papiere anzufertigen.

Es wurden – wie aus den Datenbanken hervorgeht – auch Freiburger Unternehmen ausspioniert, etwa die Deutsche Pharmacia GmbH; für einen ihrer Chromatografen interessierte sich das "VEB Pharmazeutische Kombinat Germed" in Dresden. Bei der Firma Pfizer, in der die Deutsche Pharmacia 2003 aufging, hat man keine Hinweise auf Stasi-Spionage. "Archivunterlagen zu diesem Thema gibt es keine", sagt Pfizer-Unternehmenssprecher Martin Fensch. Einen weiteren Spionagefall gab es bei einer Freiburger Firma für Sicherheitssysteme, aus der Agent "Baron" binnen fünf Monaten vier Geräte an den Berliner Stammbetrieb des Kombinats "Lacke und Farben" lieferte. "Die Bundesrepublik war für die Staatssicherheit eine Art Quellekatalog", resümiert Müller-Enbergs – die Kombinate gaben ihre Wünsche bei der Auslandsspionage ab, die die gewünschten Produkte dann beschaffte. Besonders interessant waren für die Stasi laut Opfermann Entwicklungs- und Produktionsdaten von Geräten in den Bereichen militärische Elektronik und Kommunikation.