Im Stühlinger

Die Initiative „Gartenleben“ ist mit ihrem Lesegarten nun ein Projekt einer UN-Dekade

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Mi, 09. Mai 2018

Freiburg

Die Vereinten Nationen anerkennen die Initiative "Gartenleben". Ellen Koppitsch vom Freiburger „Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland“ überbrachte die Auszeichnung als Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt.

FREIBURG-STÜHLINGER. Wer vor dem Häuschen mit dem Bücherregal steht, hat eine Meise direkt über sich. Nachts schaut Emma, die Igelin, vorbei. Auch sonst wird der Lesegarten der Gruppe "Gartenleben" in der Kleingartenanlage "Lehener Wanner" hinter dem neuen Rathaus eine Heimat für immer mehr Tiere und Pflanzen.

Zwischendrin mal auftanken, stundenlang bleiben oder die Mittagspause im Grünen verbringen – mit Vogelgezwitscher und Büchern aus dem öffentlichen Regal: Das ist seit dem Wochenende wieder möglich für alle, die im nach der Winterpause wiedereröffneten "Garten 499" am Radweg an der Sundgaualleee vorbeikommen.

Dort haben die "Gartenleben"-Engagierten in einer der Kleingarten-Parzellen im vergangenen Jahr ihren Lesegarten eingerichtet. Und der bietet längst nicht nur eines von inzwischen zahlreichen öffentlichen Bücherregalen, sondern er soll eine Oase für alle sein – für gestresste Städterinnen und Städter ebenso wie für Tiere und Pflanzen. Monika Rubsamen war auch in den kalten Monaten, als der Garten geschlossen war, ständig da: Vor allem, um die Vögel zu füttern. Spechte, Gimpel, Buchfinken, Kohl- und Blaumeisen, Amseln und Spatzen hat sie schon gesehen, inzwischen hängen an den Bäumen einige Vogelhäuser zum Brüten. Auch ein Insektenhotel ist dazu gekommen, es gibt Molche, und unter einem Stein saß mal eine Mauereidechse. Und dann ist da Emma: Die Igelin stammt aus der Igelstation zum Überwintern im Tierheim, im Lesegarten hat sie eine "Igelschnecke" zum Wohnen, die sie bisher aber nicht nutzt. Doch sie lebt noch in der Umgebung, davon ist Monika Rubsamen überzeugt: Das Igelfutter, das sie abends ausstreut, ist jeden Morgen weg.

Alles, was sie und die rund 15 Engagierten in ihrem Garten bisher erreicht haben, schildern sie in ihrem Konzept, mit dem sie am Wettbewerb für die UN-Dekade Biologische Vielfalt teilgenommen haben. Über ihren Erfolg freuen sie sich sehr – auch wenn die Auszeichnung nicht mit Geld verbunden ist, sondern nur symbolischen Wert hat. Den aber können sie brauchen: Denn das Gartenprojekt war von Anfang an auch ein Protest gegen die möglicherweise geplante Bebauung des Kleingartenareals. Daniela Ulrich, die Vorsitzende des Bürgervereins Stühlinger, findet den Lesegarten ideal: "Wir brauchen Grünflächen im Stadtteil", sagt sie. Eine Öffnung von Gärten für die gesamte Bevölkerung sei eine alte Forderung des Bürgervereins und der Bewohner.

Die "Gartenleben"-Engagierten schätzen, dass sie bereits einige Tausend Arbeitsstunden in den Garten investiert haben, der früher völlig verwildert war. Sie schließen den Garten täglich auf und zu, mindestens von 11 bis 18 Uhr ist er den Sommer über immer geöffnet. Bisher habe es nur einmal nicht geklappt, erzählt Thomas Wacker: Da habe dann gleich jemand nachgefragt, warum das Tor verschlossen gewesen sei.

Mit der Auszeichnung gibt’s viel Lob: Ellen Koppitsch betont die Bedeutung von Naturoasen in der Stadt, da Insekten und Wildtiere aus ländlichen, mit Gift behandelten Monokulturen fliehen müssten. Auch Monika Falkner und Georg Löser von der "Bürgerinitiative Pro Landwirtschaft und Wald" sind da: Die Initiative Gartenleben ist Mitglied des Bündnisses, das sich gegen den geplanten Stadtteil Dietenbach richtet, um landwirtschaftliche Flächen und Natur zu erhalten.