Die erste WG ihrer Art in Freiburg

Nicola Schwannauer

Von Nicola Schwannauer

Mi, 12. März 2014

Freiburg Ost

Im "Hirschen" leben seit zehn Jahren demenzkranke Menschen in einer Wohngemeinschaft in einem ehemaligen Ebneter Gasthaus.

EBNET. Dorothea B. wärmt ihr Gesicht in der Sonne. Und hätte sie die Augen nicht geschlossen, spiegelten sich darin Schwarzwaldhöhen und blauer Himmel. Die betagte Frau sitzt in eine Wolldecke gehüllt im Sessel auf der Holzterrasse ihrer Wohngemeinschaft. Sie ist eine von sieben Bewohnerinnen und einem Bewohner der 300 Quadratmeter großen Wohnung für Menschen mit Demenz im ehemaligen Gasthof "Hirschen", die seit zehn Jahren besteht – getragen vom Verein "Labyrinth", dem Pflegedienst "Pflege aktiv" und dem Engagement der Angehörigen.

Drinnen herrscht Alltagsleben, das Blubbern des Fernsehers untermalt das Geschirrklappern im ehemaligen Hirschen-Ballsaal, der heute Sitzecke, Esszimmer, Küche und – wie ein schwarzes Klavier verrät – Musikzimmer zugleich ist. Aus einem der Bewohnerzimmer dringt ausgiebiges Schnarchen. Es ist Kaffeezeit. Drei Frauen sitzen am Tisch, greifen nach Schokokeksen und nicken belustigt zu den Späßen von Pfleger Stefan Vey, dessen Hände routiniert Kaffee einschenken und Stühle zurechtrücken, Zucker und Milch reichen. Die alten Frauen verfolgen seine Bewegungen mit vergnügten Augen, eine strahlt: "So viele nette Leute hier." Die "netten Leute" – Bewohner und Betreuer – teilen miteinander den Alltag und erleben gemeinsam Höhen und Tiefen. "Ganz wie in jeder Wohngemeinschaft halt", sagt Pflegerin Claudia Kunze. Sie ist Mitarbeiterin von "Pflege Aktiv", einem ambulanten Pflegedienst, der seit der Gründung der WG den Hauptanteil der Versorgung der Bewohner übernimmt. Neben der medizinischen Versorgung kümmern sie sich um die Verpflegung, die Unterhaltung, den Tagesablauf.

Claudia Kunze lobt das Konzept: "Wir können die Pflege dann machen, wenn die Bewohner auch bereit dazu sind und sind nicht von engen Taktungen abhängig – das ist es hauptsächlich, was uns vom Heim unterscheidet." Die Selbstbestimmtheit der Bewohner bleibe in vielen Punkten so weit wie möglich unberührt.

In den Zimmern gibt es reichlich Erinnerungsstücke

Ein Trägerverein, ein Pflegedienst und eine Wohnung, die die Voraussetzungen erfüllt – das sind die drei Pfeiler, auf denen die WG seit zehn Jahren weitgehend unverändert Bestand hat. Unverzichtbar ist die Mithilfe der Angehörigen, die beim Bezug das Zimmer streichen und einrichten und sich beispielsweise auch den Einkaufsdienst für die ganze WG teilen.

Die Zimmer, zwischen 13 und 26 Quadratmetern groß, reihen sich um einen Rundgang und bergen Erinnerungen an die langen Leben ihrer Bewohner, viele festgehalten in gerahmten Schwarzweißporträts an den Wänden. Ein weißer Plüschhund sitzt auf einer rosa Blümchendecke, Teller und Vasen schmücken die Fensterbänke. Ein Zimmer gleicht einer Studierstube, ein mächtiger Schreibtisch steht in der Ecke, im Regal reiht sich Buch an Buch.

Struktur sollen zu Menschen passen – nicht umgekehrt

Damit die Hirschen-WG, Freiburgs erste Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz, im Jahr 2004 entstehen konnte, brauchte es eine Handvoll Menschen, die mit der Unterbringung ihrer pflegebedürftigen Eltern im Heim unzufrieden waren und nach einer Alternative suchten – einer Wohnform, die sowohl die Pflege gewährleistete als auch mehr Eigenständigkeit der dort lebenden Menschen ermöglichte. Thomas Speier war Gründungsmitglied des Vereins "Labyrinth" und Sohn einer an Demenz erkrankten Mutter. Damals hatte er sich mit Betroffenen zusammengefunden, die wie er mit den Bedingungen, unter denen ihre Mütter und Väter in den Heimen strukturbedingt zu kämpfen hatten, haderten: "Das sind extrem anpassungsfordernde Strukturen für wenig anpassungsfähige Menschen – wir hatten das Gefühl, dass wir das umdrehen mussten". Auch nach dem Tod seiner Mutter arbeitet er weiter im Verein mit. Die Zimmer werden unmöbliert weitervermietet, die Einrichtung ist Sache der Bewohner und ihrer Angehörigen. "In der Regel sind Angehörige und Bewohner gemeinschaftsfähig", stellt Thomas Speier sachlich fest. In all den Jahren seien nur zwei Bewohnerinnen wieder ausgezogen – in einem Fall habe ein Mann seine Frau wieder zu sich nach Hause geholt. Marcus Weiland ist der Leiter von "Pflege aktiv" und spricht von der WG als der Erfüllung eines Herzenswunschs: "Es war ein Traum, eine kleine stationäre Einrichtung zu haben." Er sei stolz auf das Engagement damals, als die Strukturen für die WG geschaffen wurden – "und heute engagieren sich die Leute in dieser Struktur noch immer." Ohne die Angehörigen ginge es nicht.

Effi Jacobs ist eine von ihnen, heute ist sie zu Besuch und sitzt mit ihrer Mutter am Kaffeetisch. Seit sieben Jahren geht sie hier jeden zweiten Tag ein und aus. Ihre Mutter gut versorgt zu wissen, bedeutet für sie eine große Erleichterung: "Ich kann einen Teil der Verantwortung abgeben und kann sicher sein, dass alles läuft – dadurch, dass ich mitarbeite, fühle auch ich mich hier sehr zuhause."

Sicherheit, Geborgenheit und Würde wollen die Beteiligten den WG-Bewohnerinnen bis an ihr Lebensende erhalten. Der Alltag soll dabei nach ihren Gewohnheiten und ihrem Rhythmus ausgerichtet sein. Und so kann es sein, dass die Frühstückszeit sich bis zum Mittag hinzieht – oder dass jemand die Kaffeestunde verschläft.