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31. Januar 2015

Konkurrenz für die Telefonzelle

Hans Kuntzemüller hat das "Bücherhäusle" in Ebnet gestiftet.

  1. Hans Kuntzemüller (links) hat die Idee vom Bücherhäusle entwickelt, Ortsvorsteher Bernhard Sänger war „hell begeistert“. Foto: Michael Bamberger

EBNET. Als die offiziellen Gäste weg sind, kommen Leonie (4), Mathilda und Finnjo (beide 5) mit Frank Reinhard: Sie haben ein paar Kinderbücher dabei, zum Beispiel Geschichten des beliebten Kinderbuchautors Janosch. Das ist gut, denn im "Ebneter Bücherhäusle" sind Kinderbücher derzeit Mangelware. Gestern wurde das neue öffentliche Bücherregal, das in einer umgebauten Telefonzelle neben der regulären Telefonzelle an der Steinhalde untergebracht ist, eingeweiht. Hans Kuntzemüller hat die Idee entwickelt.

Diesmal können Leonie, Mathilda und Finnjo nichts mitnehmen. Das Regal ist zwar gefüllt, aber nur mit Erwachsenenbüchern. Doch sie werden wieder kommen, sie gehen in die Kita vom "Kinderlernhaus" genau gegenüber. Die Bücher, die sie mitgebracht haben, stammen von der Bücherei dort.

Hans Kuntzemüller hofft, dass es bald wieder mehr Kinderbücher werden. Als das Bücherhäusle am 14. Januar zum ersten Mal geöffnet hatte, hatte er selbst etliche hereingestellt, außerdem viele andere Bücher, die sich bei ihm angesammelt hatten. Inzwischen seien fast alle von seinen Büchern weg und viele andere dazu gekommen, erzählt er – ein Beweis dafür, dass alles genau so funktioniert, wie es gedacht ist. "Die öffentlichen Bücherregale faszinieren mich schon lange", erzählt Hans Kuntzemüller. Er ist 63 Jahre alt, Physiker und arbeitet als Verwaltungsratspräsident bei einem Schweizer Ökostrom-Unternehmen. Er liest gern Krimis – am liebsten aktuelle, die in Italien oder in der Provence spielen. Noch viel mehr aber liest seine Frau. So kam’s, dass sich immer mehr Bücher ansammelten, auch von den zwei inzwischen erwachsenen Kindern waren noch etliche da. Irgendwann erfuhr Hans Kuntzemüller dann, dass die Telekom in Potsdam Telefonzellen verkauft, die sie nicht mehr braucht.

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Inzwischen sind öffentliche Bücherregale an vielen Orten

Seine Telefonzelle hat 350 Euro gekostet, dazu kamen Mehrwertsteuer und Transportkosten. Er ließ die Elektrik herausbauen, die Schreinerei Kleinhans stiftete das Regal, aufs Dach kam eine Solarbeleuchtung mit Dämmerungsschalter – sobald es dunkel wird, fängt automatisch die Beleuchtung an. Die Installation der Telefonzelle übernahm das Bauunternehmen des Ortsvorstehers Bernhard Sänger, der sagt, er sei von Anfang an "hell begeistert" von der Idee gewesen.

Vor fünf oder sechs Jahren habe es schon mal Pläne für ein öffentliches Bücherregal in Ebnet gegeben, erinnert sich Bernhard Sänger, damals habe aber die Stadtverwaltung – die für die Genehmigung zuständig ist – Bedenken gehabt. Als vor zwei Jahren ein Privatmann das erste öffentliche Bücherregal in Freiburg in Günterstal etablierte, geschah das ohne Genehmigung. Die Stadtverwaltung stand der Idee jahrelang zögernd gegenüber, einer der Gründe waren Ängste vor Vandalismus. In Ebnet habe man vier Wochen auf die Genehmigung gewartet, sagt Hans Kuntzemüller. Inzwischen gibt’s eine nicht mehr überschaubare Zahl an öffentlichen Bücherregalen verstreut über die ganze Stadt. Das Ebneter Bücherhäusle gehört jetzt der Ortsverwaltung, die Stadtverwaltung übernimmt Wartungsaufgaben. Hans Kuntzemüller, der an der Steinhalde wohnt, will regelmäßig vorbeischauen, ob alles in Ordnung ist.

Zur Einweihung ist auch der Musikverein Ebnet gekommen, dessen Vorsitzender Hans Kuntzemüller ist – die Musiker gestalten das Programm mit.

Auch eine Gruppe Schulkinder vom "Kinderlernhaus" ist da, Sophia (9), Anouk (7) und die anderen schauen öfter nach, was es zu lesen gibt. Anouk mag Pferdebücher, Sophia ist ein großer Fan von Cornelia Funkes "Tintenherz"-Reihe. Sie liest jeden Tag.

Autor: Anja Bochtler