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22. Mai 2010

Über die Jahrhunderte hinweg

Jeden Sommer wieder treffen sich vertraute und neue Gäste im Loretto-Damenbad – Silvia Cavallucci erzählt seine Geschichten.

  1. Angenehm zeitlos: Das Loretto-Damenbad – bundesweit das einzige Freibad ohne Männer Foto: Lavori-verlag

  2. Silvia Cavallucci Foto: bamberger

WIEHRE. Was macht Frau Zeitz unterm Nussbaum? Wo hat Rosemarie begriffen, dass sie genug gearbeitet hat und ihren Ruhestand genießen will? Warum wünscht sich Samara eine klare Regelung für den einzigen hier erlaubten Mann? Und: Was haben diese drei – und noch viele andere – Frauen gemeinsam? Genau das, was auch Silvia Cavallucci umtreibt: Die Liebe zum Loretto-Damenbad. Die Autorin hat ihre Begeisterung in vielen Geschichten in einem bunten Buch umgesetzt – rund um "Sommer, Sonne, Damenbad".

Sonne? Die war am Donnerstagabend ganz weit weg. Es war kühl und grau und das Wasser im Becken glitzerte still und ungestört. Drumherum aber war umso mehr Rummel: Viele Frauen, weniger Männer; etliche Ältere, einige Jüngere; manche mit Kleinkindern, eine Gruppe Musliminnen mit Kopftuch.

Und mittendrin steht lächelnd Silvia Cavallucci: 1967 im Wiesental geboren, 1993 mit 26 Jahren zum Sozialpädagogik-Studium nach Freiburg gekommen, inzwischen Online-Redakteurin der Uni-Pressestelle und bereits Autorin eines Wellness-Führers durch die Region. Silvia Cavallucci erzählt: Von ihrer Faszination für das bundesweit einzige Freibad nur für Frauen – "Es macht süchtig." Von ihrer Bekanntschaft mit dem Bad im Jahr 2000, als sie zuerst von einer Freundin mitgeschleppt wurde – und wieder kam. Von den Geschichten, die sie vor fünf Jahren zu sammeln anfing – Geschichten, die vor ihr nie jemand aufgeschrieben hat. Die einstige Bademeisterin Hildegard Samp kommt darin ebenso vor wie Hildegard Hummel-Kupfer, die Urenkelin des Bad-Bauers Oskar Heim. Und einige derjenigen, die einfach immer wieder kommen, oft jahrzehntelang. Diese Geschichten sind der faszinierendste Teil des dreigegliederten 90 Seiten starken Buches. Es bietet im Kapitel "Reise durch das Damenbad" auch eigene Eindrücke und viel Historisches und Fakten. Doch wer weiß schon, dass Frau Zeitz unter dem Nussbaum so viel um sie tobendes Leben verschläft, dass die anderen ihr hinterher, wenn sie über die Geschehnisse reden will, sagen: "Sie haben ja keine Ahnung, Sie schlafen ja immer nur."

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Und wer würde jemals erfahren, dass Rosemarie hier 1964 ihre enge Freundin Christa kennen gelernt hat? Dass sie sich in der wie aus der Zeit gefallenen Atmosphäre des 124 Jahre alten Bades, das statt lauten Fußballspielern angenehme Ruhe bietet, vornahm: "Genieße dein Leben." Aber die Ruhe im Bad – oder vielmehr das Bedürfnis danach – wird auch mal zum Problem. Die junge Muslimin Samara, die das männerlose Damenbad als einzige Möglichkeit schätzt, schwimmen zu gehen, fühlt sich nicht immer willkommen. Sie wünscht sich: "Die Frauen sollen uns sagen, wenn wir zu laut sind."

Und sie regt an: Der Bademeister sollte Bescheid geben, wann er auftaucht – an diesem Ort, der für Frauen über unterschiedlichste Zeiten und verschiedenste Hintergründe hinweg immer auch ein einzigartiger Schutz- und Rückzugsort war. "Wo", fragt Rosemarie, "kann sich sonst eine 90-Jährige frei bewegen, wenn sie ihr Oberteil auszieht?

"Sommer, Sonne, Damenbad": erschienen im Lavori-Verlag, Preis 12,80 Euro

Autor: Anja Bochtler