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17. Januar 2014

Gesucht: eine neue Heimat

Im "Haus Weingarten" herrscht wegen der Brandschutzregeln akute Raumnot.

  1. Aus Brandschutzgründen kann das „Haus Weingarten“ seit Ende vergangenen Jahres nur noch eingeschränkt genutzt werden. Foto: Michael Bamberger

  2. Im zweiten Stock wird unter anderem der Computerraum nicht mehr genutzt. Auch die Lernförderungsgruppen mussten ihre Räume aufgeben: Für 20 Schüler und ihre Betreuer bleibt nach dem Umzug ins Erdgeschoss nur ein Zimmer. Auf dem Foto (von links): Jesse (13), Munzigo (11), Betreuer Peter Frank und Nino (12) . Foto: Bamberger

  3. Foto: Michael Bamberger

WEINGARTEN. Früher kamen Jesse (13), Munzigo (11), Nino (12) und die anderen nicht nur wegen ihrer Hausaufgaben ins "Haus Weingarten". Wenn sie damit fertig waren, ging’s weiter mit Billard und Kickern. Im Computerraum konnten sie recherchieren. Seit Mitte Dezember ist das vorbei: Die Gruppen mussten den zweiten Stock aufgeben und ins Erdgeschoss ausweichen. Dort haben sie nur einen Raum, der wird noch anders genutzt. Es herrscht akute Platznot: Der größte Teil des Gebäudes ist wegen Brandschutzregeln gesperrt.

Kahle Wände, ein Tisch neben dem anderen: Es ist dem Raum anzusehen, dass er neutral bleiben muss. Vormittags bietet der Verein Nachbarschaftswerk hier Sozialberatung an, die früher in den oberen Stockwerken stattfand. Einmal pro Woche sind die Frauen der Nähwerkstatt da, die sich sonst an zwei bis drei Tagen getroffen hatten, ebenfalls oben. Und nachmittags kommen die Kinder und Jugendlichen der Lerngruppen. Von 14 bis 15.30 Uhr sind die Jüngeren dran, dann die Älteren. Jesse, Munzigo und Nino gehören zu den Jüngeren. Jesse und Munzigo sitzen neben Peter Frank, dem Diplom-Pädagogen, der die Gruppen leitet. Jesse hat Mathe-Blätter vor sich liegen, bei Munzigo geht’s um Ebbe und Flut. Beide gehen auf Werkrealschulen, Jesse in Opfingen, Munzigo in Betzenhausen – aber sie wohnen in Weingarten. Das ist das Prinzip der Gruppen, die von 20 Kindern und Jugendlichen besucht werden, sagt Peter Frank: Alle leben hier, gehen aber in Schulen aller Art, von der Förderschule bis zum Gymnasium – verstreut über die Stadt. Früher wurden die je zehn Schüler der zwei Gruppen auf zwei Räume aufgeteilt, nun sitzen alle zusammen: Nur fünf von zehn sind an diesem Nachmittag da, die von Peter Frank, einer Kollegin und einem Mathe-Studenten betreut werden – dass manche wegbleiben, ist jetzt normal. Die Situation im "Haus Weingarten" wirkt sich aus.

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Die bisherige Zwischenlösung hat nur 200 Quadratmeter

Für Jesse und Munzigo sind der erste und zweite Stock tabu. Stellwände und Schilder weisen auf die verbotene Zone hin. Im Dezember haben das Amt für Brand- und Katastrophenschutz und das Gebäudemanagement der Stadtverwaltung die oberen Stockwerke und den Keller gesperrt. Die Gründe: der Mangel an Fluchtwegen und Brandschutzwänden und veraltete, marode Elektrik.

Für Matthias Staenke, den Geschäftsführer des Nachbarschaftswerks, war das Ergebnis des Routinerundgangs, der alle fünf Jahre ansteht, ein Schock, der lähmte. Doch es muss weitergehen. Bisher nutzen er und seine Mitarbeiter zumindest die Räume im – eigentlich verbotenen – ersten Stock weiter. Im Erdgeschoss gibt’s außer dem Schulkindergarten, der dort weiterexistieren kann, nur das Unterrichtszimmer und einen Raum der Sinti-Mission, in dem auch andere Veranstaltungen stattfinden. Fünf Gruppenräume – darunter der stillgelegte Computerraum – und drei Büros im zweiten Stock fielen schlagartig weg, ebenso der Keller mit Gymnastikraum, Treff, Werkstatt und Kinderraum der Mission. Für drei Mitarbeiter der "Beschäftigungsinitiative", die rund 15 Ein-Euro-Jobber betreuen, und ein Kooperationsprojekt mit der Diakonie fand sich eine Ausweichmöglichkeit auf dem Areal der evangelischen Melanchthongemeinde in Haslach, dort findet zurzeit auch das Anti-Aggressionstraining für Jungs statt.

Anfang März gibt’s eine Zwischenlösung für die Not-Büros im ersten Stock: Sie werden in den Neubau Bugginger Straße 87 umziehen, wo über der Polizei 200 Quadratmeter leer stehen. Das aber reicht nicht für alle, betont Matthias Staenke – nötig wären 450 Quadratmeter. Zum Vergleich: Das "Haus Weingarten" bot 700 Quadratmeter. Die Lage ist umso dringlicher, weil nicht mal klar ist, ob es vorübergehend wenigstens im Erdgeschoss vom "Haus Weingarten" weitergehen kann, bis es voraussichtlich 2017 abgerissen wird. Kommende Woche wird ein weiterer Gutachter die Lage prüfen, und eventuell Verbesserungen vorschlagen, sagt der städtische Pressesprecher Toni Klein. Langfristig hofft Matthias Staenke auf das Hochhaus Binzengrün 34, wo zurzeit die Kita "Wirbelwind" bis zum Ende der Sanierung ihres Standorts in der Bugginger Straße 2 untergekommen ist.

Das Haus Weingarten

Es ist ein typisches Produkt der bewegten 1970er Jahre: 1972 wurde das "Haus Weingarten" am Auggener Weg 73 gebaut, der Schulkindergarten kam 1975 dazu, zwischen 1978 und 1986 entstand die Sinti-Siedlung direkt daneben. Diese Nähe war Teil des Auftrags, den der 1969 gegründete Verein Nachbarschaftswerk dann an seinem Standort im "Haus Weingarten" übernahm: Die Angebote der Sozialarbeit richtete sich an die Sinti. Dabei gab’s auch mal Konflikte, zum Beispiel als die Nachbarschaftswerk-Mitarbeiter dem Wunsch einer Sinti-Gruppe des "Missionswerks Licht und Leben" nach einem Raum im Haus Weingarten anfangs distanziert gegenüberstanden. Inzwischen hat die freikirchlich-christliche Gemeinde dort längst ihren Platz gefunden. Auch sonst gab’s im Lauf der Jahrzehnte immer wieder Um- und Aufbrüche: 2007 zog die bis dahin im "Haus Weingarten" untergebrachte Weingartenförderschule aus, sie wurde in die Adolf-Reichwein-Grundschule eingegliedert. Die vor einigen Jahren gegründete Sinti-Musikschule gab es nur vorübergehend. Und das Nachbarschaftswerk hat seine Arbeit längst auf Haslach (seit 1982) und den Stühlinger (seit 2002) ausgeweitet und dort eigene Büros vor Ort. Aber auch in Weingarten richten sich die Angebote längst nicht mehr nur an Sinti, sondern an alle Bewohnerinnen und Bewohner der Umgebung, die sehr vielfältige Hintergründe haben.  

Autor: anb

Autor: Anja Bochtler