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24. Mai 2011

Handyantennen bleiben noch lange

Trotz Skepsis pochen Betreiber auf Verträge und Nutzungsdaten.

  1. Die in schornsteinähnlichen Röhren platzierten Antennen sorgen für besten Handyempfang und für Diskussionen im Stadtteil. Foto: i. Schneider

RIESELFELD. Die Nachricht, dass fast 70 Prozent der Rieselfeldbewohner nach den Ergebnissen einer BZ-Stadtteilumfrage die Mobilfunkantennen im Quartier lieber weg haben wollen (BZ vom Samstag), hat selbst die Mobilfunkkritiker vor Ort überrascht. Allein: Es wird nichts helfen. Die Antennen werden mindestens noch zehn Jahre auf dem Hausdach an der Rieselfeldallee bleiben. Dem Hauseigentümer ist es nicht gelungen, die Verträge zu kündigen. Und auch die Stadtverwaltung sieht nach wie vor keine Handhabe.

"Wir haben fast ein Jahr lang hart verhandelt", sagt Rechtsanwalt Wolf Herkner aus Rosenheim. Er vertritt den Gebäudeeigentümer, dem das Wohnhaus an der Rieselfeldallee gehört, auf dem die Sendeantennen stehen. Drei Betreiber nutzen mittlerweile den Standort, neben T-Mobile auch E-Plus und O2. Die Antennen ersetzen die vorherige Anlage auf dem Keplergymnasium, für die die Stadtverwaltung den Mietvertrag auslaufen ließ (die BZ berichtete mehrfach).

Nachdem es massive Proteste gegen den neuen Standort im Zentrum des Stadtteils gab, hat der Gebäudeeigentümer versucht, wieder aus den Verträgen herauszukommen. Allerdings ohne Erfolg. Immerhin sei es gelungen, die Laufzeiten je nach Betreiber um einige Jahre zu verringern, berichtet Herkner. Die Antennen blieben trotzdem noch für zehn weitere Jahre auf dem Dach. "Mehr war nicht herauszuholen", ist sich Herkner sicher – obwohl die Sache nicht vor Gericht geklärt wurde.

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Er hat seinem Mandanten davon abgeraten, einen Prozess zu führen. Zahlreiche Gerichtsentscheidungen in ähnlichen Fällen hätten immer wieder gezeigt, dass es keine Aussicht auf Erfolg gebe.

Die Stadtverwaltung hatte versucht, die Antennen abzulehnen, weil laut Bebauungsplan in dem Gebiet nur Dachaufbauten erlaubt sind, die der Energiegewinnung dienen. Doch sie wurde vom übergeordneten Regierungspräsidium (RP) zurückgepfiffen: Juristisch zählten Mobilfunksendeanlagen gar nicht als Dachaufbauten, hieß es von dort.

Die Mobilfunkkritiker wollen solche Argumente nicht gelten lassen. "Wir würden uns wünschen, dass sich die Stadtverwaltung und die Politik einmal ernsthaft mit dem Thema auseinander setzen", sagt Tjark Voigts vom Arbeitskreis (AK) Mobilfunk des "BürgerInnenvereins Rieselfeld". Die BZ-Umfrage mit 446 Teilnehmern habe gezeigt, dass nicht nur einzelne "Spinner" die Situation als bedenklich einstuften. Dies hätten auch die Reaktionen an der Clara-Grunwald-Grundschule gezeigt. Dort hatte der AK Mobilfunk kürzlich deutlich höhere Messwerte als vor dem Antennenumzug festgestellt – obwohl auch die neuen Werte nur rund ein Tausendstel des Grenzwertes bedeuten (siehe Infobox). Inzwischen habe ein Baubiologe mit professionellen Messgerät die vom AK gemessenen Werte bestätigt. Als gesundheitsschädlich schätzt auch ein Ehepaar die Situation ein, das früher direkt neben den Antennen gewohnt hat, nun jedoch weggezogen ist. "Seither sind die Schlafstörungen und die Kopfschmerzen weg", berichtet die Ehefrau, die namentlich nicht genannt werden möchte.

Die Mobilfunkbetreiber können die ganze Aufregung überhaupt nicht verstehen. T-Mobile-Sprecher Udo Harbers verweist darauf, dass die Antennen nicht mehr strahlten als anderswo und die gesetzlichen Grenzwerte deutlich unterschritten würden. Er bezweifelt, dass die Rieselfelder tatsächlich so mobilfunkfeindlich sind, wie sie in der Umfrage angegeben haben. Denn die dortigen Antennen seien genauso ausgelastet wie in anderen Freiburger Quartieren.

Die Grenzwerte

Durch wissenschaftliche Versuche ist bekannt, dass in einem elektromagnetischen Feld mit einer Stärke von 4 Watt pro Kilogramm Körpergewicht die Temperatur eines Körpers nach 30 Minuten um 1 Grad Celsius gestiegen ist. Dieser wissenschaftlich unumstrittene – nach Ansicht von Mobilfunkkritikern aber ziemlich belanglose – "thermische Effekt" war der Ausgangspunkt für die Festlegung der amtlichen Grenzwerte für Mobilfunksendeanlagen. Die Werte beziehen sich auf die elektrischen Felder der Antennen, sie werden in Volt pro Meter ("elektrische Feldstärke") oder (häufiger) in Watt pro Quadratmeter ("Leistungsflussdichte") angegeben. Die Grenzwerte sind abhängig von den eingesetzten Frequenzen. Für den früheren Mobilfunkstandard GSM gelten 4,5 Watt pro Quadratmeter, für den neueren Standard UMTS sind es 10 Watt pro Quadratmeter. Laut Auskunft von T-Mobile werden die geltenden Grenzwerte an den Standorten in der Regel nur zwischen 5 und 10 Prozent ausgeschöpft. Das beruhigt Mobilfunkkritiker jedoch überhaupt nicht. Sie finden, dass die Grenzwerte viel zu hoch angesetzt sind, weil die eigentlich schädlichen Wirkungen – etwa auf die Informationsverarbeitung im Gehirn – nicht berücksichtigt würden. Gesundheitsgefahren gebe es schon ab 1 Mikrowatt (ein millionstel Watt oder 0,000001 Watt). Die kürzlich an der Clara-Grundwald-Schule gemessenen Werte lagen zwischen 0,006 und 0,009 Watt – ungefähr um den Faktor 1000 unter den geltenden Grenzwerten.  

Autor: bbe

Autor: unser Mitarbeiterin Beate Beule