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14. Juni 2010
Ursprünge im ersten Jahrtausend
WIEDERSEHEN! Die Geschichte des Freihofs im Tunibergstadtteil Munzingen reicht zurück bis ins Jahr 845.
MUNZINGEN. Munzingen zählt zu den am längsten ununterbrochen besiedelten Orten im Breisgau. Es gibt Funde aus der Steinzeit, Spuren der keltischen Kultur, ein frühmittelalterliches Gräberfeld und die Replik einer Urkunde von 845, wonach Irmingard, die Gattin Kaiser Lothars des Ersten hiesige Liegenschaften und Güter dem Straßburger Frauenkloster St. Stephan schenkte. Die Zentrale von dessen Verwaltung vor Ort war ein Anwesen, das noch heute besteht: der Freihof im historischen Ortskern.
Der Freihof gehört nach wie vor mit der Kirche St. Stephan, dem Pfarrhaus, den Resten des Wasserschlosses und dem Renaissance-Schloss der Familie von Kageneck, die einst die Ortsherrschaft über Munzingen innehatte, zu den wichtigsten historischen Gebäuden im Tunibergstadtteil. Natürlich ist das Gebäude in seiner heutigen Form und Gestaltung keine 1165 Jahre alt. Nach der Verwüstung Munzingens im Dreißigjährigen Krieg hat es in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine gründliche Renovierung und eine Anpassung an den damaligen Zeitgeschmack erfahren, zudem wurde das Ökonomiegebäude erneuert. Grundmauern und Gewölbekeller sind aber frühmittelalterlichen Ursprungs.Werbung
In jener Zeit fungierte das Anwesen als Fronhof und damit als wirtschaftliches und herrschaftliches Zentrum eines Verbands kleinerer Höfe, die von Bauern bewirtschaftet wurden. Diese mussten sogenannte Zehntabgaben (so benannt, weil sie ursprünglich zehn Prozent des Ertrages betrugen) und Frondienste leisten. Im damaligen Dorf "munzinga", wie es in der Schenkungsurkunde der Kaiserin Irmingard hieß, bildeten die Höfe zusammen mit dem Fronhof eine autarke Wirtschaftseinheit, die auch Handwerker einschloss. Leiter war ein Schultheiß, der "Schuld heischt", der also im Auftrag des Klosters die Abgaben einzog. Drei Mal im Jahr kam die jeweilige Klosteräbtissin nach Munzingen, um rechtliche Streitigkeiten zu klären. Der Freihof war demnach auch Dinghof, also Sitz der unteren Gerichtsbarkeit. Seine dritte Funktion begründete die Bezeichnung Freihof: Der Schultheiß war berechtigt, einem geflohenen Übeltäter "drey Tage und vier Wuchen" Asyl zu gewähren.
Im Hochmittelalter erstarkte neben der klösterlichen Grundherrschaft eine weltliche Ortsherrschaft, nachdem das Amt des Vogtes eingerichtet und die Gerichtsbarkeit getrennt wurde. Diese Herrschaft wechselte vielfach. Inhaber waren im 13. Jahrhundert die Herren von Staufen, 1328 veräußerten sie Munzingen an den Ritter Schnewlin von Wiesneck. 1451 fiel die Herrschaft dem Ritter Hans von Bolsenheim zu, der wahrscheinlich das Wasserschloss erbaute, und 1520 dem Breisacher Bürgermeister Gervasius von Pforr. Dessen Schwiegertochter Maria Cleopha wiederum heiratete in zweiter Ehe den vorderösterreichischen Kriegsrat und Ritterschaftspräsidenten Johann Wilhelm von Kageneck aus Straßburg und setzte später, weil kinderlos, dessen Sohn Johann Friedrich als Erben ein.
Der Freihof wurde 1548 vom Kloster St. Stephan an Andreas von Könneritz verkauft, der Landvogt der Ortenau war. Weil es mit Hypotheken hoch belastet war, fiel das Anwesen später an die österreichische Krone – Munzingen zählte zu Vorderösterreich – und diese übertrug es 1572 an Lazarus von Schwendi. Der war erfolgreicher Feldherr im Dienst Kaiser Maximilians des Ersten, Erbauer des Burkheimer Schlosses und Inhaber der Ortsherrschaft Kirchhofen. Von Schwendi konkurrierte mit der Familie von Pforr um die Obrigkeitsrechte im Dorf, woraus sich ein jahrelanger Rechtsstreit entwickelte, der auch dann noch andauerte, als der Heitersheimer Johanniterorden 1599 die Pfandschaft über den Freihof von den Erben von Schwendis übernahm und später wieder die österreichische Krone die Besitzrechte ausübte. Der Streit endete im Jahr 1734, als Johann Heinrich von Kageneck den Freihof erwarb.
Von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an stand das Wohnhaus des Freihofs Mitgliedern der weit verzweigten Familie von Kageneck zur Verfügung. Die Kagenecksche Gutsverwaltung nutzte die Zehntscheuer bis in die 1950er Jahre zur Lagerung landwirtschaftlicher Erzeugnisse, Geräte und Maschinen. Bis in diese Zeit reichen die Erinnerungen der heutigen Besitzer zurück. Das sind die beiden Söhne Maria Josepha von Wogaus, geborene von Kageneck, Karl und Peter von Wogau. Karl von Wogau, der von 1979 bis 2009 dem Europäischen Parlament angehörte, bewohnt mit seiner Familie das Haupthaus. Peter von Wogau, der jüngst seine Berufstätigkeit beim Deutschen Entwicklungsdienst beendet hat, und seine Familie bewohnen ein zweites Gebäude, das in den 1970er Jahren anstelle des Ökonomiegebäudes errichtet wurde. Die von Wogaus sind Vettern des heutigen Schlossherrn Wendelin von Kageneck.
Autor: Silvia Faller


