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20. August 2010

Mieter würden lieber bleiben

Bauverein will elf alte Wohnungen durch 50 neue ersetzen.

  1. Der Bauverein plant, seine Doppelhäuser am Carl-Sieder-Weg durch größere mit weitaus mehr Wohnungen zu ersetzen. Dem würden aber auch die großzügigen, liebevoll gestalteten Gärten – wie hier von Angelika Hörner – zum Opfer fallen. Foto: Thomas Kunz

MOOSWALD. Der Carl-Sieder-Weg im Stadtteil Mooswald ist eine Einbahnstraße, gesäumt von liebevoll gepflegten Gärten und fünf Doppelhäusern aus den 1930er Jahren. Sie sollen abgerissen werden, denn die Wohnungsgenossenschaft Bauverein Breisgau will das Gelände ab 2012 neu bebauen – statt der bestehenden elf Wohnungen sollen bis zu 50 Wohnungen entstehen. Die meisten Bewohner sind davon nicht begeistert.

"Wir möchten unseren Mietern in Zukunft familiengerechten und barrierefreien Wohnraum anbieten können", erklärt Reinhard Disch, Vorstand des Bauvereins Breisgau. Die älteste Freiburger Wohnungsgenossenschaft ermöglicht Mietern, die Geschäftsanteile erworben haben, günstig zu wohnen. 2012 soll zunächst ein Haus am Carl-Sieder-Weg geräumt und abgerissen werden, um dann ein größeres Gebäude neu zu errichten, in das die jetzigen Bewohner alle umsiedeln können. Um das zu realisieren, ist der Bauverein mit Mietern im Gespräch, die nicht am Carl-Sieder-Weg wohnen bleiben wollen oder bereit wären, übergangsweise andere Wohnungen des Bauvereins zu beziehen. Die andere Möglichkeit wäre, die Mieter während der Bauphase allesamt in Wohnungen der Genossenschaft unterzubringen.

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Der Bauverein hatte die Mieter bereits im März 2007 per Brief auf den geplanten Neubau hingewiesen. Im Mai dieses Jahres erhielten sie erneut ein Schreiben, wonach die Häuser bis spätestens Ende 2011 geräumt sein müssten. "Wir befinden uns aber noch in der Planungsphase, diese Frist kann sich durchaus nach hinten verschieben", erklärt Disch.

"Ich finde die Vorgehensweise nicht korrekt, es hätte zuerst ein Treffen mit den Mietern stattfinden sollen", kritisiert Bewohnerin Angelika Hörner. Erst auf vermehrte Nachfragen der Bewohner beim Bauverein sei Anfang Juli eine Mieterversammlung einberufen worden, bei der gemeinsam mit der Baugenossenschaft und dem Bürgerverein Mooswald über den Neubau am Carl-Sieder-Weg diskutiert wurde.

"Die Bewohner sind dort verwurzelt, in der Versammlung haben viele Menschen gesagt, dass sie überhaupt nicht ausziehen wollen", sagt Horst Bergamelli, Vorsitzender des Bürgervereins Mooswald. Doch er begrüße es prinzipiell, dass das Gelände neu bebaut werden soll: "Der Einzelhandel profitiert von einer größeren Anwohnerzahl."

Angelika Hörner zahlt 311 Euro Kaltmiete für knapp 80 Quadratmeter Wohnfläche. "Für Freiburger Verhältnisse ist das ein Traum. Aber man darf nicht vergessen, dass viele Bewohner die Badezimmer und die Heizung auf eigene Kosten eingebaut haben", sagt die 52-Jährige, die auch mit dem Bürgerverein unzufrieden ist: "Uns stört, dass Herr Bergamelli nicht vor der Versammlung das Gespräch mit uns gesucht hat."

Das Gelände am Carl-Sieder-Weg hat eine Fläche von 4500 Quadratmetern. Der Bauverein überlegt, auch die Straßenfläche zu kaufen. "Wir haben die Erlaubnis der Stadt Freiburg, so können wir vielleicht einen Innenhof und Tiefgaragenstellplätze planen", sagt Disch. Fest stehe allerdings noch nichts: "Wir sind mit dem Stadtplanungsamt im Gespräch." In einem nächsten Schritt will der Bauverein einen Architektenwettbewerb ausschreiben und die Pläne dann im Fritz-Hüttinger-Haus in Mooswald ausstellen.

Nach dem Einzug in die neuen Wohnungen sollen die jetzigen Bewohner drei Jahre lang die bisherige Miete zahlen – bei etwa gleicher Wohnungsgröße. Die Umzugskosten übernimmt der Bauverein, er lässt auch die vorhandenen Einbauküchen in die neuen Häuser passend einbauen. "Wir möchten, dass ein Mieter drei Wohnungen angeboten bekommt, unter denen er aussuchen kann", sagt Bürgervereinsvorsitzender Horst Bergamelli. Ein Problem sei, dass die Bewohner jetzt große Gärten hätten, hinterher aber nicht mehr.

"Wir wissen, dass wir keinen Anspruch darauf haben, aber so wird uns ein Stück Heimat genommen", sagt Angelika Hörner, "diese Unsicherheit ist schlimm, wir wissen ja noch nicht, wie gebaut wird." Eine "gute Lösung" wäre, findet sie, wenn der Baubeginn um ein paar Jahre verschoben würde, "gerade im Hinblick auf die älteren Mitbewohner".

Einer der Anwohner kann nicht fassen, dass er sein Zuhause aufgeben soll. "Der Vater meiner Frau hat 1928 erstmals 5 Reichsmark in den Bauverein eingezahlt. Sie ist bereits 1934 als Kind hier eingezogen", erzählt er. Ein anderer Nachbar ist ebenfalls am Carl-Sieder-Weg aufgewachsen. Für ihn sei der geplante Neubau aber "nicht ganz so tragisch", denn irgendwann wolle er eh ins Betreute Wohnen wechseln. In eines der neuen Häuser werde er nicht ziehen.

Autor: Anette Bender